Bildbauer Urban Hüter

Hände lernen immer neu dazu

Von Eugen El
Aktualisiert am 19.10.2020
 - 19:50
Mit dem Hammer in Form gebracht: Urban Hüter vor einer Arbeit aus Aluminiumblech an der Wand seines Ateliers an der Frankfurter Gwinnerstraße.
Eine Atelier in ebenerdiger Lage und vergleichsweise großzügigen Maßen ist bei ihm gefragt: Der Bildhauer Urban Hüter schafft große Skulpturen. Und hat endlich genug Arbeitsplatz.

Mehr kann man sich wahrscheinlich gar nicht wünschen. Der Bildhauer Urban Hüter konnte vor anderthalb Jahren ein Atelier beziehen, dessen ebenerdige Lage und vergleichsweise großzügige Maße es ihm erlauben, auch voluminöse Objekte zu schaffen und deren anschließenden Transport ohne größere Probleme in die Wege zu leiten. Er kann sich glücklich schätzen, denn insbesondere Bildhauern fällt es oft schwer, in Frankfurt geeignete Atelierräume zu finden. Die in mehrere Studios unterteilte ehemalige Industriehalle an der Gwinnerstraße nutzt Hüter zusammen mit einem Fotografen, einer Malerin, einem Architekten sowie einer Initiative für die Wiederverwendung gebrauchter Materialien.

Der Umbau seines Ateliers habe ein ganzes Jahr gedauert, sagt Hüter. Durch das große, offene Tor dringt Tageslicht in den Raum. Der Blick fällt auf eine große Metallskulptur, die an einer Atelierwand aufgehängt ist. Das aus unzähligen Aluminiumblechstücken zusammengesetzte, eindrückliche Objekt lässt vielerlei Assoziationen zu. Mit seinen in den Raum ausgreifenden Strahlen erinnert es im ersten Moment an einen abstrahierten Stern. Man könnte aber auch an ein Lebewesen denken – oder an ein Virus. Es entwickele sich immer ein Organismus, sagt Hüter über seine Skulpturen – beseeltes Material quasi.

Eine präzise Interpretation seiner Werke möchte er jedoch nicht anbieten. Mehrdeutigkeit sei ihm wichtig, sagt er. Es komme auf den Betrachter an. „Wenn man nicht genau weiß, was das Kunstwerk ist, ist es eine gute Formulierung“, führt er aus. Über seine Kunst spricht er mit einer erstaunlichen Ruhe und Sicherheit. Er vermittelt den Eindruck, dass er mit seinem Werk im Reinen ist. Die Aluminiumbleche habe er mit dem Hammer in Form gebracht, erzählt er und spricht vom „Verprügeln“ des Materials. Akkuschrauber, Hammer und Teppichmesser seien seine Hauptwerkzeuge. „Es ist ein ganz schöner Krach für meine Nachbarn“, sagt Hüter über seine alles andere als stille Arbeitsweise.

„Es ist so als hätte man ein Gehirn in den Händen“

Er arbeite ohne Skizzen, Konzepte oder Vormodelle, ergänzt der 1982 geborene Künstler. Die Plastik müsse aus sich heraus entstehen. Gleichwohl habe er vorher eine Vorstellung von den Dimensionen der Skulptur. Sie hänge vom jeweiligen Ausstellungsraum ab. Für ihn sei es völlig selbstverständlich, etwas selbst zu bauen, sagt Hüter. Als Bildhauer lerne er ständig dazu, bei jeder Skulptur: „Es ist so, als hätte man ein Gehirn in den Händen.“

Die Intelligenz seiner Hände hat Hüter schon vor seinem Kunststudium geschürt. Von 2000 bis 2003 machte er eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer. Dort habe er erste Erfahrungen mit Materialität gesammelt, sagt er. Wenige Jahre später folgte ein Studium in Ottmar Hörls Bildhauereiklasse an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste.

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Nach dem Studienabschluss richtete sich Hüter in Nürnberg ein Atelier in einer verlassenen Industriehalle ein. Durch die Pleite von AEG und Quelle habe es damals viele freie Räume gegeben. Doch eigentlich wollte Hüter aus der Stadt weggehen: „Mit dem Fränkischen wurde ich nie warm.“ Er sei in Frankfurt geboren und in Seligenstadt aufgewachsen. Frankfurt sei seine Heimat. Aber nicht nur aus biographischer Verbundenheit ergibt seine Rückkehr an den Main Sinn. In der Frankfurter Kunstszene fühle er sich relativ gut angenommen, sagt Hüter. Er sei zuversichtlich, dass es sich hier gut für ihn entwickeln werde. In Nürnberg indes würden Künstler kaum gefördert, beklagt er. Das sei in Frankfurt besser. Auch das hiesige Kunstpublikum lobt Hüter ausdrücklich.

Mit der Kunstwelt kam er schon als Kind und Jugendlicher in Berührung. Sein Vater sei Bildhauer, sein damaliges Atelier habe im Gallus gelegen. „Ich wurde gefüttert mit den Klassikern der Bildhauerei“, erinnert er sich. Auguste Rodins „Höllentor“ habe ihn seinerzeit besonders beeindruckt. Dramatisch wirkt auch die reliefartige zweiteilige Plastik, die in einem Nebenraum von Hüters Atelier hängt. Sie ist aus ausrangierten Radhauskästen aus schwarzem Kunststoff zusammengesetzt. Solche Versatzstücke sammele er auf einem Offenbacher Autofriedhof, erzählt er: „Da findest du immer irgendwas, das dich reizt und treibt.“ Die zum Relief montierten alten Autoteile lassen beim ersten Hinsehen an Rüstungen denken. In der Vorstellung des Betrachters könnten sie ein wuchtiges Schlachtengemälde ergeben.

Als gar nicht kriegerisch hingegen hat Hüter die durch die Corona-Pandemie bedingten Einschränkungen im Frühjahr erlebt: „Es war eine ziemlich entspannte und schöne Zeit.“ Abgesagte Ausstellungen und fehlende Atelierbesuche verbucht er als Nachteile des heruntergefahrenen öffentlichen Lebens. Er habe besser als sonst experimentieren und ausprobieren können, sagt Hüter. Überhaupt sei ihm aufgefallen, dass viele Menschen zur Ruhe gekommen seien, berichtet der Künstler. Nachdem der Kulturbetrieb behutsam wieder angelaufen ist und noch nicht wieder stillsteht, füllt sich auch Hüters Kalender: „Viele Ausstellungen sind im Gespräch.“ Allzu konkrete Ziele und Vorhaben möchte er aber noch nicht nennen. Er wolle weiter jeden Tag ins Atelier gehen und arbeiten. Ständig ergebe sich etwas, dem er folge. Urban Hüter lässt sich im positiven Sinne von der Kunst treiben.

Quelle: F.A.Z.
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