Harfenistin Bertrand

Musik mit Hand und Fuß

Von Guido Holze
24.01.2022
, 13:10
Vom Élysée-Palast an den Dornbusch: Anne-Sophie Bertrand ist seit dem Jahr 2000 Harfenistin beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt.
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Anne-Sophie Bertrand, Harfenistin des hr-Sinfonieorchesters, gibt mit ihrer neuen CD Einblicke in eine faszinierende Klangwelt. Es sei oft gerade die Kunst, das Schwierige leicht wirken zu lassen, sagt sie.
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Wer die unlängst erschienene CD von Anne-Sophie Bertrand zum ersten Mal hört, den ziehen die fein perlenden „Wasserspiele“ von Claude Debussy gleich so tief in die Welt der Harfenklänge hinein, dass es für die Gesamtspielzeit von 75 Minuten kein Entrinnen mehr gibt. Zwei Jahre lang hat die bekannte Harfenistin des hr-Sinfonieorchesters allein an ihrem Arrangement des ursprünglich für Klavier gesetzten, knapp sieben Minuten dauernden Stücks „Jeux d’eau“ gearbeitet. Dass man das Ergebnis nun für eine Originalkomposition halten könnte und dabei von den horrenden spieltechnischen Schwierigkeiten nichts ahnt, freut die gebürtige Pariserin besonders. Es sei oft gerade die Kunst, das Schwierige leicht wirken zu lassen, sagt sie lächelnd.

Was wohl selbst manchem Kenner dabei gar nicht klar ist: Die Schwierigkeiten liegen keineswegs nur in den Fingern, sondern vor allem auch in den damit koordinierten Bewegungen der Füße. „Das wissen viele nicht“, ist sich Bertrand sicher. Wenn sie im Orchester sitzt, sieht schließlich kaum jemand, wie ihre Füße auf den sieben Pedalen an der Hinterseite der mannshohen, bis zu 42 Kilogramm schweren Harfe herumtanzen und unentwegt die Tonhöhen der gespannten Saiten verändern.

Stimmschlüssel und -wirbel: Die Tonsauberkeit muss an der Harfe sehr oft überprüft werden .
Stimmschlüssel und -wirbel: Die Tonsauberkeit muss an der Harfe sehr oft überprüft werden . Bild: Wonge Bergmann

Mittels einer ausgeklügelten Mechanik lassen sich so alle Töne gleichen Namens über alle Lagen hinweg einen oder zwei Halbtöne heraufstimmen: Beispielsweise wird so aus Ces erst C und dann Cis. Pro Oktave sind an der Harfe nämlich nur sieben Saiten vorhanden, vergleichbar den weißen Tasten am Klavier, wobei an der Harfe die Grundstimmung Ces-Dur ist. Alle Veränderungen dieser Stammtöne müssen mittels der Pedale oft erst Sekundenbruchteile vor dem Zupfen der Saiten hergestellt werden. „In der Debussy-Transkription kommt es vor, dass ich innerhalb eines Taktes sieben Pedalwechsel habe“, erläutert Bertrand.

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Französische Erfindung

An den ursprünglichen Harfen fand sich diese Möglichkeit zur chromatischen Tonverschiebung natürlich noch nicht. Die beschriebene Doppelpedalharfe, die sich als Standardinstrument im Orchester durchgesetzt hat und bei der jedes der sieben Pedale zweistufig verstellbar ist (deshalb „Doppelpedal“), ist vielmehr erst eine Erfindung des französischen Klavier- und Harfenbauers Sébastien Érard von 1810.

Fingerfertigkeit:
 Der kleine Finger kommt an der Harfe nicht zum Einsatz, weil er für das Zupfen der Saiten zu kurz ist.
Fingerfertigkeit: Der kleine Finger kommt an der Harfe nicht zum Einsatz, weil er für das Zupfen der Saiten zu kurz ist. Bild: Wonge Bergmann

Auch die spätere „Harpe chromatique“, die das konkurrierende Pariser Musikhaus Pleyel mit überkreuz liegenden Saiten entwickelte, konnte sich demgegenüber nicht durchsetzen. „Sie ist sehr kompliziert zu spielen, man stößt oft an andere Saiten an, und es schwingen zu viele Saiten mit“, erläutert Anne-Sophie Bertrand. Debussy, der im Auftrag von Pleyel 1904 seine „Danse sacrée et danse profane“ komponierte, sei im Grunde wenig angetan gewesen von dem neuen Instrument.

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Die beiden auch auf der Pedalharfe realisierbaren Tänze hat Anne-Sophie Bertrand mit Streicher-Kollegen vom hr-Sinfonieorchester ebenfalls auf ihrer CD eingespielt. Deutsches und Französisches mischt sich in der Auswahl, wobei das umfangreichste Werk von einem Künstler stammt, den man eher als großen romantischen Schriftsteller denn als Komponisten kennt: E.T.A. Hofmann ist mit seinem Quintett für Harfe und Streicher vertreten, wobei erstaunen mag, wie brav sich der Schöpfer so gruseliger Geschichten darin musikalisch gab. Den irisierenden, mystischen Ton, den man ihm zugetraut hätte, fängt dafür ein brandneues Stück ein, das Anne-Sophie Bertrand eigens bei dem 1968 geborenen amerikanischen Komponisten Geoffrey Gordon in Auftrag gegeben hat und das zum Titelstück der CD wurde: „Jeux de Création“. Die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik und solche Uraufführungen sind Anne-Sophie Bertrand wichtig. Schon als sie am Königlichen Konservatorium in Brüssel studierte, habe sie in einem Ensemble mitgespielt, das auf Musik der Gegenwart spezialisiert gewesen sei, erzählt sie. „Wer als Musiker nie eine Uraufführung spielt, ist nur ein Verkäufer“, zitiert sie einen Ausspruch von Pierre Boulez.

Fußakrobatik: Jedes Pedal kann auf zwei Stufen einrasten und die Stammtöne erhöhen.
Fußakrobatik: Jedes Pedal kann auf zwei Stufen einrasten und die Stammtöne erhöhen. Bild: Wonge Bergmann

Wie aber kam sie überhaupt zu dem seltenen Instrument Harfe? „Meine Mutter war Französischlehrerin und nahm nebenher Klavierunterricht. Sie hat mich als kleines Kind manchmal mitgenommen, und so lernte ich auch die Tochter der Klavierlehrerin kennen, die Harfe spielte“, erinnert sich Bertrand. Das habe ihr gefallen, sie habe das Instrument mal ausprobieren dürfen, und bald habe sie auf einem kleinen, geliehenen Instrument selbst zu spielen begonnen: „Da war ich fünf Jahre alt.“

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Als sie 14 Jahre alt war, zog ihre Familie von Paris nach London, weil ihr Vater als Ingenieur maßgeblich am Bau des Eurotunnels beteiligt war. Darauf, dass ihr Vater somit für die Planung des nun längsten Unterwassertunnels der Welt verantwortlich war, sei sie sehr stolz, zumal die Verbindung zwischen England und Frankreich, zwischen Dover und Calais, einen gewissen Symbolwert habe – auch für ihre Vita. Schon in London an der Royal Academy of Music, noch vor dem Studium in Brüssel, sei schließlich ihr Entschluss gefallen, das Harfenspiel zum Beruf zu machen. „Zwischenzeitlich hatte ich es allerdings auch mal aufgegeben, weil es mir zu viel Arbeit war“, gesteht sie.

Erste Stelle bei der Garde républicaine

Ihre erste Stelle fand Bertrand wiederum in Paris, „eine sehr spezielle, angesehene Stelle“: Sie wurde Harfenistin im Orchestre de la Garde républicaine, dem 120 Musiker zählenden Orchester, das oft in Teilbesetzungen zu Staatsanlässen spielt, etwa im Élysée-Palast. „Ich habe diese ganz andere, militärische Welt mitten in Paris geliebt“, erzählt sie. Doch musikalisch schwebte ihr, nach all den anspruchsvollen Studien, etwas anderes vor: „Ich wollte in einem guten deutschen Orchester gutes Repertoire spielen.“

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Im Jahr 2000 klappte es auf Anhieb mit ihrer Bewerbung beim Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks am Frankfurter Dornbusch: „Ich hatte große Angst vor der ersten Probe, doch haben mich die Kollegen gleich sehr herzlich aufgenommen.“ In zwei Dekaden ist Anne-Sophie Bertrand, die ihre Familie als „russisch, jüdisch, amerikanisch“ und zugleich als „sehr französisch im Sinne von international“ beschreibt, zu einer der bekanntesten Musikerinnen des stark international besetzten Rundfunkorchester geworden. Mit dem ohnehin sehr positiven Image der Harfe kann die vierfache Mutter dabei gut leben, auch mit den Klischees. Von David, der Saul mit seinem Harfenspiel besänftigt, über Troubadoure, die sich selbst auf der Harfe begleiten, bis hin zu den Rauschgold­engeln, die erst zur Weihnachtszeit wieder Hochkonjunktur hatten: „Die Klischees sind mir egal, solange die Musik Gehalt transportiert“, sagt sie.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Guido Holze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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