Urpferd aus der Grube Messel

In Gestalt eines Frischlings

Von Christian Riethmüller
18.08.2020
, 19:45
So ist der Sensationsfund aus der Grube Messel noch nie zu gesehen gewesen: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt präsentiert mit „Urpferd 2.0“ sein Wappentier in neuer Interpretation und feiert ein Jubiläum.

Weder galoppierte es über endlose Steppen, noch schüttelte es anmutig Mähne oder Schweif. Das Propalaeotherium voigti, besser bekannt als Messeler Urpferdchen, hatte gar kein Langhaar, und galoppierend bewegte es sich auch nicht fort. Wozu auch? Sein Lebensraum war der Urwald, der vor 48 Millionen Jahren das Rhein-Main-Gebiet bedeckte, und durch den streifte das Urpferdchen eher in der Art eines Hundes. Es war ja auch nur etwas größer als ein Dackel, wie die spektakulären Fossilienfunde in der Grube Messel, zu deren bekanntesten Exponaten das Urpferdchen gehört, vermuten lassen.

Doch wie sah der Urahn all der stolzen Rösser, die heute die Weiden bevölkern, dann aus? Vielleicht wie eine Mischung aus Frischling und Tapir? Diesen Eindruck vermittelt die Schau „Urpferd 2.0“ im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, die auf faszinierende Weise ein Urpferdchen mittels 3D-Skelettmontage, Animation und Präparatorenkunst quasi zum Leben erweckt.

Ein Urpferd zum Leben erweckt

Grundlage dieser Neuinterpretation ist ein Fossilienfund, der vor fünf Jahren in der Lagerstätte Grube Messel gelang. Bei Grabungen stießen die Forscher auf ein vollständiges Skelett einer Urpferdart, die bisher nicht als komplettes Exemplar belegt war. Dieses Skelett wurde erst mit Hilfe eines hochauflösenden Computertomographen gescannt und dann Knochen für Knochen von einem 3D-Drucker ausgedruckt und montiert. Dabei gewannen die Forscher aber nicht nur eine Ahnung von der Statur des Säugetiers, sondern konnten auch Rückschlüsse ziehen, wie sich der Hengst fortbewegt haben muss. Diese Erkenntnisse flossen dann in eine Computeranimation des Tiers ein, die in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität in Jena entstand. Unter Verwendung des 3D-Programms „Maya“, dessen Vorläufer schon die Dinosaurier in den „Jurassic Park“- Filmen zum Laufen gebracht hatte, schufen die Illustratoren Amir Andikfar und Jonas Lauströer ein Urpferd in Aktion. Die Animation ist in der Ausstellung auf einer von drei Computerstelen zu sehen. Diese Stelen informieren zudem über die Bergung des Fossilienfunds und über die aufwendige Präparation, denn das Urpferdchen ist nicht nur als Animation, sondern auch als lebensnah wirkende Dermoplastik zu sehen.

Ausgestellt sind sogar zwei Plastiken, hat der Hengst doch in der Schau eine Gefährtin, deren Vorlage aber vier Millionen Jahre jünger als das Messeler Urpferdchen ist und aus einem Fossilienfund bei Mainz stammt. Beide Präparate sind mit einem „echten“ Fell versehen, das aus Millionen von Haaren von Reh- und Damwild geschaffen worden ist. Allein für das Fell des Hengstes wurden 1,5 Millionen Haare verwendet, die zwei Präparatorinnen in insgesamt 200 Stunden verarbeiteten. Die dunkle Färbung des Fells lässt sich aus dem Fossilienfund ableiten, sein Muster ist hingegen Interpretation, was die Ausstellungsmacher um Kurator Torsten Wappler zu einer kleinen Mitmachaktion für die Besucher angestiftet hat. Auf eine der Plastiken lassen sich verschiedene Fellmustertexturen projizieren, die dem Urpferdchen etwa die Anmutung einer kleinen Gazelle, eines Rehkitzes oder die charakteristische Zeichnung eines Tapirs verleihen und auch so die Verwandtschaft dieses vor vielen Millionen Jahren ausgestorbenen Säugers mit heutigen Tieren unterstreichen.

Jubiläum der Urpferd-Fundstätte

Mit „Urpferd 2.0“ verweist das Landesmuseum in seinem Jubiläumsjahr nicht nur auf seine eigene vorzügliche Fossiliensammlung und sein „Wappentier“, sondern auch auf ein Jubiläum der Fundstelle. Die Grube Messel ist seit 25 Jahren Unesco-Welterbe. 1995 wurde die Fossilienlagerstätte als erstes deutsches Naturdenkmal überhaupt auf die prestigeträchtige Liste gesetzt und damit endgültig vor Plänen gerettet, als Mülldeponie genutzt zu werden. Überraschende Funde wie jenes nun mit digitaler Technik wieder zum Laufen gebrachte Urpferdchen hätte es ohne die schützende Auszeichnung nicht gegeben.

Die Ausstellung „Urpferd 2.0“ ist bis zum 25. April 2021 im Landesmuseum Darmstadt zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 18 Uhr (ab 1. September bis 20 Uhr), Sa, So und feiertags 10 bis 17 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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