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„Romulus“ in Wiesbaden

Treppenwitz der Weltgeschichte

Von Matthias Bischoff
Aktualisiert am 18.02.2020
 - 15:38
Goldene Eier bis zur Pensionierung: „Romulus“ in Wiesbaden
Am Staatstheater Wiesbaden wird Dürrenmatts „Romulus der Große“ aufgeführt - als imperialer Hühnerhaufen. Der Spaß kommt bei der Aufführung nicht zu kurz, eine tiefer gehende Bedeutung hingegen schon.

Eine Showtreppe ergießt sich dottergelb als großes Dreieck aus dem Bühnenhintergrund, von oben rechts bis unten links kann man eine weite Strecke fallen. Und in den 90 Minuten, die die letzten Tage des Römischen Imperiums in Friedrich Dürrenmatts heute selten gespielter „ungeschichtlichen historischen Komödie“ dauern, kullert ständig etwas die Bühne herunter, mal Menschen, öfters Eier, aber auch Äxte und goldene Lorbeerblätter. Sebastian Sommers Inszenierung von „Romulus der Große“ im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden nimmt den Treppenwitz ganz wörtlich.

Denn Sommer setzt von der ersten bis zur letzten Sekunde auf überdrehten Klamauk, scheut sich nicht, den höheren und niederen Blödsinn des geschichtspessimistischen Ulks beim Wort zu nehmen und überall, wo schon Dürrenmatt fern vom Niveau späterer Stücke kalauert, noch eine Schippe draufzulegen.

Hühnertanz zu Elektrobeats

Das fängt schon damit an, dass Sommer die Leidenschaft des letzten römischen Kaisers für die Hühnerzucht zur Großmetapher für den ganzen Abend macht: Sämtliche Darsteller sind als Hühner maskiert, die meisten wuchten zusätzlich noch einen voluminösen Hühnersterz mit sich herum. In ihrer absurden Übertriebenheit sind Wicke Naujoks knallbunte Kostüme eine Augenweide und zwingen ein Dauergrinsen ins Gesicht. Zusammen mit Philipp Rubners Treppenbühne machen sie einen großen Teil der Einprägsamkeit der Inszenierung aus.

Ob allerdings der allgemeine Hühnerhof das angemessene und nachvollziehbare Bild für den historischen Moment irgendwann am Übergang der Antike ins Mittelalter ist, darf bezweifelt werden. Der Kontrast zwischen der demonstrativen Gelassenheit des dauerfrühstückenden Kaisers Romulus (Matze Vogel) und der hysterischen Panik seines Hofstaats, seiner Präfekten und Minister wäre entschieden größer, wenn da nicht ununterbrochen kopfwackelndes, eierlegendes, gackerndes und bisweilen auch zu knackigen Elektrobeats tanzendes Federvieh auf der Showbühne herumzappeln würde (Musik Jan Brauer). Die Idee, dass hier ein tragischer Moment der Weltgeschichte gezeigt werden könnte, kommt einem erst gar nicht.

Andeutungen von Interpretationen fehlen

Und das ist schade, denn genau darum ging es Dürrenmatt bei allem Spaß ja im Kern. Der Untergang eines Reiches muss keine Katastrophe sein, wenn alle etwas mehr Überlebenslust und weniger Kampfgeist hätten. Dumm nur, so die schöne Ironie der Handlung, dass auch der germanische Rom-Eroberer Odoaker (Christian Klischat) ein Herrschaftsverweigerer wie Romulus ist und herangerückt ist, um sich dem Imperium zu unterwerfen. Statt zumindest heldenhaftem Tod geht der Untergangskaiser, der nur Kaiser wurde, „um das Imperium liquidieren zu können“, nun wohlversorgt in Pension.

Die wuselige übermütig durchgeknallte Hühnerhofrevue ist schön anzusehen, auch wenn Scherz, Satire, Ironie ohne tiefere Bedeutung bleiben. Nicht zu beneiden ist das Schauspielensemble, das durch die Hakenschnäbel und Federhaare kaum mehr als Individuen erkennbar ist. Wo Mimik nicht sichtbar wird, kommen die Körper ins Spiel, wohl auch deshalb wird hier viel gefallen, geruckelt und getanzt, immer wieder entstehen herrlich chaotische Tableaus, wird der römische Hof zum Wimmelbild. Offensichtliche aktuelle Bezüge sucht man in dem Nachkriegsstück von 1948 ohnehin vergebens, und Sebastian Sommer hat sich erst gar nicht die Mühe gemacht, irgendwas zwischen den Zeilen hervorzukramen oder von außen hinzuzutragen. Zumindest die Andeutung von Interpretationsmöglichkeiten hätte dem Ulk allerdings durchaus gutgetan: die Weltgeschichte als Hühnerhaufen.

Quelle: F.A.Z.
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