Künstler Jo van Nelsen

„Wir werden hier nicht gesehen!“

Von Eva-Maria Magel
13.04.2020
, 15:17
Der Sänger, Autor und Kabarettist Jo van Nelsen beteiligt sich an der Kampagne „KulturzeiterIn“. Er fordert, dass auch Hessen Künstler als „systemrelevant“ verankert.

Seit ein paar Tagen gibt es das schon sehr erfolgreiche Crowdfunding „KulturzeiterIn“, das Spenden sammelt, um sie an Künstler in Frankfurt und Offenbach zu verteilen, die wegen der Corona-Krise keine Einkünfte mehr haben. Es ist auch ein Video von Ihnen zu sehen, in dem Sie für das Projekt werben, bei dem Sie selbst Förderung beantragen können.

Es geht darum, sich bewusst zu machen, wie viel Zeit man selbst vor Corona in der Woche mit Kultur verbracht hat Dafür wird ein Stundengeld angesetzt. In der kulturfreien Zeit spenden Kulturinteressierte, wenn es ihnen möglich ist, an diesen Fonds. Der wird einmal in der Woche ausgeschüttet, eine Jury entscheidet, wer was bekommt. Dafür müssen sich die Künstler bewerben. Ich auch.

Warum beteiligen Sie sich?

Ich habe lange überlegt, ob ich das mache. Wenn ich wüsste, dass ich mich ein paar Wochen finanzieren muss ohne Einnahmen, hätte ich vielleicht noch gesagt, na gut, das geht irgendwie. Aber ich sehe jetzt: Ich habe derzeit schon 25 ausgefallene Vorstellungen, und viele in der Kunstszene sagen, es wird bis Jahresende so gehen, mit mindestens anderthalb Jahren Auswirkung.

Warum braucht es eine Initiative wie „KulturzeiterIn“ überhaupt?

Als Freiberufler kann ich bei den bereitgestellten Sofortmaßnahmen des Landes nur wegen betrieblicher Kosten und nur bei Liquiditätsengpässen Geld beantragen. Die habe ich wie fast alle Künstler nicht, weil ich mein Büro zu Hause habe und auch keine getrennten Konten führe. Da kommt von den Behörden sofort der Verweis auf das Arbeitslosengeld II, also Hartz IV. Da muss ich mich doch fragen, ob ich mit meiner Kunst früher besser kein Geld hätte verdienen müssen, um jetzt diese Hilfe zu bekommen?

Von Künstlern in anderen Bundesländern ist zu hören, dass sie Soforthilfe-Geld bekommen?

Die freien Künstler in Hessen bekommen das aber nicht. In den hessischen Vorgaben steht explizit, dass die Soforthilfe gerade nicht für entgangene Einnahmen gedacht ist. Hätte man Künstler und andere Selbständige getrennt betrachtet, dann wäre das Problem nicht aufgetreten. Es werden fremde Forderungen an uns gestellt. Das ist nicht zu leisten, und das ist bitter.

Was ist für Sie das Problem daran, Grundsicherung zu beantragen?

Dass jetzt schnell darauf hingewiesen wird, wir könnten doch Hartz IV beantragen, während es doch eine Hilfe für andere Selbständige gibt, da muss ich schlucken: Das klingt so wie „Oh, die Schauspieler kommen, holt die Wäsche rein!“ Wir wissen, dass wir in einem Beruf arbeiten, der immer mit Selbstausbeutung einhergeht. Und jetzt müssen wir von dem, was wir dennoch erwirtschaftet haben, ein weiteres Mal gewollt selbstausbeuterisch überleben. Ich finde es schwierig, dass mir als Künstler vorgeworfen wird, dass ich für mein Alter und schlechtere Zeiten vorgesorgt habe. Unternehmen dürfen dennoch Hilfen beantragen. Es gibt natürlich Kollegen, denen es deutlich schlechter geht. Ich kenne sehr viele, in ganz Deutschland.

Wie sehen Sie denn die Unterschiede in den deutschen Bundesländern?

Es ist wirklich krass, wie unterschiedlich gehandelt wird. Jedenfalls am Anfang der Krise. Da haben Berlin, Hamburg, jetzt auch Baden-Württemberg, schnell auch Künstlern geholfen. Mir scheint Hessen ein ziemliches Schlusslicht zu sein, auch im Sinne der Wertschätzung von Künstlern.

Sie berichten in Ihrem Video sehr offen, dass auch Sie gerade durch sämtliche Raster der Hilfsmaßnahmen fallen, dass Ihnen die Hände gebunden sind. Worüber ärgern Sie sich am meisten?

Ich habe nicht erwartet, dass sich sofort eine Oberfinanzdirektion in ein Künstlerleben hineindenkt. Aber ich habe etwas gegen Beratungsresistenz. Und spätestens als Ende März herauskam, wie die einzelnen Länder damit umgehen, wo jeder Künstler einen Pauschalbetrag bekam beziehungsweise die entfallenen Gagen geltend gemacht werden konnten, da war klar: In anderen Bundesländern sind auch die Künstler als „systemrelevant“ verankert. Und wir werden hier nicht gesehen!

Was erhoffen Sie sich von dieser Krise?

Dass sich dieses Land endlich zum bedingungslosen Grundeinkommen durchringt! Dann wären wir alle gleichberechtigt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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