Trend in Corona-Zeiten

Kind sein

EIN KOMMENTAR Von Eva-Maria Magel
21.09.2020
, 16:53
Je bunter desto besser: Farbliche Diversität kann auch durch Maskentragen realisiert werden
Die Corona-Pandemie hat entschleunigt. Die Leute entdecken nicht nur ihr inneres, sie entdecken auch ihr äußeres Kind wieder. Dabei kommen die kindlichen Überreste wieder zutage.
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Leute, wir müssen wirklich aufpassen. Eine zweite Welle im Herbst und zack, sitzen wir wieder in unseren Behausungen fest. Das wäre schlimm. Wegen der Schulen. Der Kunst. Der Wirtschaft. Und uns. Denn seit das erste Mal alle, die es sich leisten konnten, in ihr Zuhause geflohen sind, hat sich eines unfassbar beschleunigt: die Wiederentdeckung des inneren Kindes.

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Schon vor Jahren hat es angehoben, mit all diesen Sachbüchern, mit der Einübung von Langmut gegenüber eigenen Enttäuschungen. Und es ist gewiss kein Zufall, dass die jüngste Welle von Bestsellern rund um das innere Kind mit der Corona-Welle zusammenfiel. Es kommt noch schlimmer: Die Leute entdecken nicht nur ihr inneres, sie entdecken auch ihr äußeres Kind wieder. Was man sofort bemerkt. Die Achtsamkeit, mit der manche Leute ihre eigenen kindlichen Überreste pflegen, spürt man ja meist erst in Worten und Taten.

Die Trends haben sich verstärkt

Frauen mit Einhorn- und Männer mit Spiderman-Muster auf dem Mund-Nasen-Schutz, Pastellfarben, allgemeine Kurzhosigkeit, die bald wieder abgelöst wird von schlabberndem Jersey mit Gummibund, wie Mamas ihn gern windeltragenden Kleinkindern anziehen: Die Trends haben sich verstärkt, seit Heimarbeit und Couch nahe beieinanderliegen. Werbeslogans verheißen, dass Kindheitsträume wahr werden. Einer erfreut sich neuerdings größter Beliebtheit und führt mitten hinein in das Ausleben des vernachlässigten Kindseins: roher Teig zum Weglöffeln, in Pfundpackungen.

So viele Leute, die traumatisiert wurden, weil sie nie eine ganze Schüssel Teig auslecken durften. Sondern nur das kriegten, was ihnen Mami oder Papi zustanden. Echt schlimm. Weil es um einen Kuchen für alle ging. Und nicht nur um das eine gierige Kind.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.
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