Künstler Leven Kunt

Dabeisein wäre fein

Von Eugen El
Aktualisiert am 12.11.2020
 - 20:19
Ideenschmiede: Levent Kunt in seinem Atelier im Atelierhaus „basis“ in Frankfurt.
Die lokale Bevölkerung darf bei seinen Aktionen mitmachen: Levent Kunt setzt bei seiner Kunst auf Partizipation. In Zeiten der Pandemie ist das eine Herausforderung.

Es gibt viele Wege, die Angst vor dem weißen Blatt zu überwinden. Um die schiere Flut der künstlerischen Möglichkeiten für sich einzugrenzen, vertraut Levent Kunt auf den Kontext, in dem seine Arbeit entsteht und präsentiert wird. Einen solchen Rahmen kann etwa der Ausstellungsraum, ein öffentlicher Ort oder eine thematische Vorgabe bilden. Die meisten Arbeiten seien orts- und projektbezogen, erläutert Kunt seine Herangehensweise. Ein weiterer prägender Faktor seiner Werke ist Partizipation: Kunt möchte den Betrachter an der Kunst beteiligen.

Nachvollziehbar wird dieser Ansatz anhand einer performativen Prozession durch die mittelhessische Stadt Dillenburg, die Kunt im Sommer 2019 zum Auftakt der Gruppenausstellung „Bollwerk“ umsetzte. „Hier hat mir der Ort die Idee gegeben“, erinnert sich der 1978 geborene Künstler. Er sei oft nach Dillenburg gefahren, um den Ort zu verstehen. Während auf dem Schlossberg, einem touristischen Anziehungspunkt, etwas stattfinde, sei unten, in der Stadt, „tote Hose“, so Kunts Beobachtung. Junge Menschen zögen aus Dillenburg weg, die Stadtbewohner hätten nichts von der Kultur.

Kunt entschloss sich daher, die lokale Bevölkerung aktiv einzubeziehen. Als formalen Ausgangspunkt wählte er einen 62 Meter tiefen Brunnen in den frühneuzeitlichen Dillenburger Kasematten. Kunt entwarf, die Form und die Maße des Brunnens aufgreifend, ein schlauchartiges, langgezogenes Objekt aus papierähnlichem, robustem Tyvek-Stoff. Es erinnere an einen asiatischen Papierdrachen, sagt Kunt. Den Drachen ließ er in den „Dillenburger Werkstätten“, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, bauen.

„62 Meter, die jeder kennt“

Im Juni 2019 trugen Dillenburger Bürger und Gäste die, so Kunt, „62 Meter, die jeder kennt“, vom Schlossberg herunter, zogen damit durch die Fachwerkgassen der Altstadt und brachten den Drachen anschließend wieder hoch in die Kasematten. Etwa 25 Menschen nahmen laut Kunt an der rund eineinhalbstündigen Prozession teil. Fotografien lassen die heitere, sommerliche Atmosphäre der Performance erahnen.

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Der Künstler zeigt die Bilder auf seinem Laptop, den er in seinem Raum im Atelierhaus „basis“ aufgeklappt hat. Das Atelier beherbergt diverse Materialien, darunter Pinsel und Farbeimer, aber auch Modelle von Kunstwerken. Er verbringe viel Zeit am Computer, um Zeichnungen und Modelle für seine Projekte zu entwerfen, sagt Kunt. Am Anfang steht immer das Konzept, erst dann entscheidet er, welches künstlerische Medium sich dafür am besten eignet. Die konkrete Umsetzung seiner Werke überlässt Kunt oft Spezialisten und Firmen.

Zuletzt konnte er diese Arbeitsweise bei einer Betonskulptur anwenden, die im Sommer vor dem Haus der Stadtgeschichte in der rheinland-pfälzischen Kurstadt Bad Kreuznach aufgestellt wurde. Der Schriftzug „Haus der Stadtgeschichte“ ummantelt die über fünf Meter hohe, streng und zurückgenommen wirkende Skulptur von allen vier Seiten. Den dazugehörigen offenen Wettbewerb gewann Kunt 2019. Eigentlich sollte die Säule schon im März stehen. Doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen.

Eine Stimmung jenseits von Frühlingsidylle

Kunts partizipativer Ansatz stieß wegen der damals erlassenen Kontaktbeschränkungen auf seine Grenzen. Während des Lockdowns im Frühjahr musste er zurückgezogen arbeiten: „Das Gegenteil von dem, was ich vorher gemacht habe.“ Damals entstand unter anderem ein Video für das Projekt „Art for Spring“ des Museums Sinclair-Haus in Bad Homburg, zu dem 100 Künstler verschiedener Disziplinen eingeladen wurden. Kunt filmte am heimischen Monitor diverse Naturaufnahmen ab und schnitt sie zu einer Videocollage. Das zweiminütige, „inside out“ betitelte Video vermittelt eine Stimmung jenseits von Frühlingsidylle.

Sichtbar von der Corona-Pandemie beeinflusst ist auch Kunts jüngstes Projektvorhaben, bei dem er mit der Filmwissenschaftlerin Julia Quedzuweit und dem Theaterschauspieler Malte Scholz zusammenarbeitet. Die von Kunt, Quedzuweit und Scholz gemeinsam vor Ort entwickelte Projektskizze füllt unübersehbar eine Atelierwand. „Die Idee ist, dass wir mit den Methoden der Pandemie arbeiten“, erläutert Kunt das Vorhaben. Ein wie bei einem „Zoom“-Meeting in mehrere Bildsegmente unterteiltes Video soll entstehen. Drei im Ausland lebende Schauspieler, Tänzer und Performer sollen, ohne nach Frankfurt zu kommen, eigenes Material zu dem vorgegebenen Überthema einreichen. „Wir geben den einzelnen Künstlern die Freiheit“, betont Kunt. Auch die durch die Pandemie eingeschränkten Reisemöglichkeiten konterkarieren seine Arbeitsweise. „Für mich war es wichtig, dass ich viel gereist bin und mir Großausstellungen und ortsspezifische Projekte angeschaut habe“, sagt Kunt. Es sei Teil seiner Arbeit, viel zu sehen.

Seine künstlerische Prägung vermag Kunt trotz seiner in alle Richtungen offenen Denkweise präzise einzuordnen: „Ich komme schon aus dem dreidimensionalen, räumlichen Denken.“ Sein Diplom machte er 2006 bei Heimo Zobernig an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Zuvor studierte Kunt an der Kunsthochschule Mainz. Dort habe er sehr introvertiert in seiner eigenen künstlerischen Arbeit gelebt. Wien habe mit seinen zahlreichen Angeboten ein eher extrovertiertes Agieren begünstigt. Frankfurt sei genau dazwischen, meint Levent Kunt – eine Großstadt also, die auch ländlich sein kann. Seit 2007 entsteht seine analytisch grundierte, empathische Kunst hier.

Quelle: F.A.Z.
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