Künstlerische Forschung

Am Fleischlichen interessiert

Von Eugen El
Aktualisiert am 18.06.2020
 - 19:18
Die Künstlerin Lena Grewenig in ihrem Atelier in den Opelvillen von Rüsselsheim.
Die Frankfurter Künstlerin Lena Grewenig ist derzeit Gast im „Labor“ der Opelvillen. Der Gegenstand ihrer künstlerischen Forschung ist der eigene Körper. Gelernt hat sie eigentlich etwas anderes.

Die Metapher ist nicht ganz unpassend. Betritt man den kühlen, verschatteten Atelierraum im Souterrain der Rüsselsheimer Opelvillen, fühlt man sich fast wie in eine Laborsituation versetzt. „Labor“ heißt denn auch das Atelier, in dem ausgewählte Kunststudenten mehrere Monate arbeiten und ausstellen können. Lena Grewenig nutzt den schlicht und roh anmutenden Raum indes nicht als sterile, streng wissenschaftliche Versuchsstation. Vielmehr steht bei ihr das offene künstlerische, vor allem malerische Experiment mit Material und Farbe im Mittelpunkt.

Zum Teil noch nicht fertiggestellte Gemälde unterschiedlicher Größe hängen unübersehbar an einer Wand. Einige Kleinformate stehen hingegen etwas schüchtern und versteckt in einer Ecke. Hier und dort hängen Leinwandobjekte frei im Raum. Das Herzstück von Grewenigs Atelierlabor ist ein Tisch, auf dem die Künstlerin mehrere Setzkästen und Behältnisse mit Steinen und Werkzeug aufbewahrt. Das Gestein findet der Besucher in unterschiedlichen Zuständen und Stadien vor, mal am Stück, mal bröselig oder auch zu Pulver zerkleinert.

Aus den Steinen stellt Grewenig Malpigmente her. Sie nutze teilweise besonders poröse Lavasteine vom sizilianischen Vulkan Ätna, erzählt die 1988 geborene Künstlerin. Viele Steine habe sie rund um den Ort Andratx im Westen Mallorcas gesammelt, sagt sie. Im vergangenen Dezember absolvierte Grewenig dort ein Atelierstipendium. Ihr Konzept habe vorgesehen, die Landschaft zu erkunden und Steine zu sammeln. „Ich wollte die Pigmente der Natur für die eigene Arbeit nutzen“, sagt Grewenig. In Andratx schuf sie unter anderem bemalte, auf verformte Rohre aufgespannte Baumwollstoff-Stücke, die an Mobiles denken lassen. „Mit der Malerei raumgreifend hantieren“, so beschreibt Grewenig ihre damalige Motivation.

Die Geduld ist den Bildern anzusehen

Mitte März, als sie in das Atelier in den Opelvillen einzog, bereitete sie zunächst vor allem Pigmente vor. Mit deren Hilfe begann Grewenig Bilder zu malen, die Fragmente historistischer Gebäude in Rüsselsheim aufgreifen. Das Konzept verwarf sie aber, um sich daraufhin dem eigenen Körper als Gegenstand künstlerischer Forschung zu widmen. „Es bekommt dadurch etwas Performatives“, erläutert Grewenig ihre veränderte Vorgehensweise. Die neuen, in Öl unter Beimischung selbst hergestellter Pigmente ausgeführten Gemälde zeigen vereinzelte und zu Konstellationen komponierte, mitunter verfremdete Körperteile. Die Geduld, die Grewenig dabei walten lässt, ist den Bildern anzusehen. Hier und da staunt man über sanft hervortretende Venen oder präzise ausformulierte Hautpartien.

„Ich wollte klassisch malen“, sagt die Künstlerin über ihre neue Serie. „Das Fleischliche hat mich interessiert“, ergänzt sie. Ganz früher habe sie schon einmal figurativ gemalt, erinnert sich Grewenig. Als sie dann bei Christa Näher an der Frankfurter Städelschule studierte, sei sie jedoch vom Gegenständlichen abgerückt – „um eine neue Sprache in der Malerei auszuprobieren“. Der eher abstrakten, suchenden Arbeitsweise blieb Grewenig auch nach ihrem Studienabschluss 2014 treu. Dass sie mittlerweile genauer und konzentrierter arbeitet, führt die Künstlerin auf ihre Ausbildung zur Goldschmiedin zurück, die sie von 2016 bis 2019 an der Hanauer Zeichenakademie absolvierte. An der Städelschule sei es vor allem um die Künstlerpersönlichkeit gegangen, sagt Grewenig rückblickend. Damals habe sie gedacht, alles müsse aus der Muße kommen. An der Zeichenakademie habe sie derweil etwas anderes gelernt: „Man muss schon viel Fleiß einbringen.“

Kunst und Schmuckgestaltung empfindet Lena Grewenig als Kontrapunkte: Einerseits das konkrete, im Alltag verankerte Design, auf der anderen Seite die Malerei als etwas Schwebendes, das sich vor allem im Kopf abspielt. Mit ihrer Ausbildung setzte Grewenig eine Familientradition fort. Schon ihr Großvater sei Goldschmied gewesen, auch ihre Mutter sowie weitere Verwandte hätten dieses Handwerk gelernt. Ihre künstlerische Arbeit möchte Grewenig parallel zur Schmuckgestaltung weiterführen. Als Künstlerin bevorzugt sie einen kontinuierlichen Schaffensprozess: „Es muss einen immer begleiten.“ Man solle sich aber nicht dazu zwingen, Kunst zu machen, sondern auch mögliche Werkkrisen zulassen.

Nach dem Aufenthalt im Rüsselsheimer Gastatelier wird Grewenig in ihr Atelier in der Frankfurter „Basis“ zurückkehren. Überdies strebt sie an, ihr derzeitiges Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung abzuschließen. Einen dauerhaften Ortswechsel zieht sie nicht in Betracht. Frankfurt sei überschaubar und biete dennoch viel Neues. Es herrsche viel Zirkulation. Auch hebt Grewenig die hohe Anzahl von Menschen aus verschiedenen Ländern hervor. Andere Großstädte wie Hamburg oder München seien „viel deutscher“. Frankfurt, sagt sie, sei zu einer Heimat geworden. Die Stadt dränge sich jedoch nicht auf. Sie lasse einem die Chance, heimatlos zu sein, sagt Grewenig. Eine Stadt, die auf Abstand achtet – das klingt in diesen Zeiten gar nicht unangebracht.

Quelle: F.A.Z.
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