Kunstwerke in Rhein-Main

Gute und böse Feen

Von Florian Balke
Aktualisiert am 11.11.2020
 - 20:01
Wenn Preußen romantisch werden, malen sie Huldigungsbilder: Für ihren Landesherrn zeichnet Armgart von Arnim 1843 einen Potsdamer Sommernachtstraum.
Ohne den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. hätte es Mendelssohns Hochzeitsmarsch nicht gegeben. Und eines der seltsamsten Kunstwerke des Rhein-Main-Gebiets erst recht nicht.

Sanssouci, am 29. Mai 1843. Neben dem Marmorsaal, in dem Friedrich der Große mit Voltaire tafelte, steht Armgart von Arnim und erklärt Friedrichs Nachfolger eine Zeichnung, die sie ihm am Vortag zugesandt hat. Diener haben das unter Glas gerahmte Kunstwerk auf einen Tisch des Zimmers gestellt, in dem der König den Abend mit seinen Gästen verbringt. Mit einem Bleistift in der Hand weist Armgart ihn auf Einzelheiten hin, während ihre ältere Schwester Maximiliane, genannt Maxe, ein langes erklärendes Gedicht vorträgt, das sie verfasst hat, während Armgart das Bild in monatelanger Arbeit auf Pergament gebannt hat. „Oberon und Titanias Feenhuldigung“ heißt es und vergleicht das preußische Königspaar mit den Herrschern des Elfenreichs in Shakespeares „Sommernachtstraum“.

„Der König saß auf einem Stuhl, der Hofstaat stand um ihn herum“, schreibt Armgart am 10. Juni ihrem Kaufmanns-onkel Georg Brentano in Frankfurt. Nach dem Schluss des Vortrags habe der König gesagt: „Das ist alles so originell, in Idee wie Ausführung, wie ich noch nichts gesehen.“ Er führt die Besucherinnen zum Tee ins Nachbarzimmer, wo er sich zu ihnen an den Tisch der Königin setzt. Erst danach beginnt das für diesen Tag geplante Konzert. „Denn eigentlich war es ein Musikabend“, gesteht Armgart, „und ich hatte schon längst Mendelssohns finstere Miene darüber, dass wir den Anfang so verzögerten, bemerkt.“ Kein Wunder bei den 192 Strophen von Maxes Gedicht.

Um welche Kompositionen es Mendelssohn und dem König an diesem Musikabend ging, ist unklar, aber es könnte sich durchaus um die Schauspielmusik zum „Sommernachtstraum“ gehandelt haben, die Friedrich Wilhelm bei seinem Generalmusikdirektor im Jahr zuvor in Auftrag gegeben hatte. Am 14. Oktober 1843, wenige Monate nach Armgarts und Maximilianes Besuch in Sanssouci, wird sie in Gegenwart des Königs im Neuen Palais uraufgeführt, eine Kutschfahrt die Allee des Parks hinunter. Der Uraufführungsabend unter der Regie Ludwig Tiecks ist die deutsche Erstaufführung des Dramas, aus dem schon im Mai sämtliche Anwesenden ihr Wissen über Titania und Oberon bezogen haben dürften.

Die grenzenlose Macht der Sexualität

Es ist einer der seltsamsten Momente der Romantik, nicht nur in Preußen, dass König, Komponist und Zeichnerin einhellig der Meinung sind, ausgerechnet das Stück über die grenzenlose Macht der Sexualität, der Phantasie und der Kunst eigne sich als Geste der Zueignung an den Monarchen, als Huldigung. Denn so versteht Armgart ihre heute zur Kunstsammlung des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt gehörende, von Ornamenten, Figuren und Geschichten überwucherte Arabeske ausdrücklich.

Den „Sommernachtstraum“ hat sie Ende 1839 zum ersten Mal begeistert gelesen. Mendelssohn kennt das Stück noch länger. Seine 1843 schon sehr bekannte Konzertouvertüre, zu der die Schauspielmusik die vom König gewünschte Ergänzung darstellt, hat der 1809 geborene Komponist 1826 vollendet. Und bereits damals Friedrich Wilhelm gewidmet, der zu diesem Zeitpunkt noch Kronprinz ist. Zu den von ihm im Auftrag seines Herrschers später komponierten Noten zählt der Hochzeitsmarsch, zu dem das halbe 19. Jahrhundert in die Ehe schreitet, nachdem er 1858 durch die preußisch-britische Hochzeit bekanntgeworden ist, bei der Friedrich Wilhelms Neffe Friedrich, der spätere Kaiser Friedrich III., sich mit der ältesten Tochter Königin Victorias vermählt.

Die 1821 geborene Armgart und ihre drei Jahre ältere Schwester wiederum kennt der König, seit sie im März 1840 als Debütantinnen bei Hof eingeführt worden sind. Ihr Vater ist der 1831 gestorbene Achim von Arnim, Dichter aus altem brandenburgischem Geschlecht, ihre Mutter die Frankfurter Kaufmannstochter Bettine Brentano, die 1835 ein sehr erfolgreiches Buch über Goethe vorgelegt hat. Sie lebt mit ihren Töchtern in Berlin, dort tun sie das, was märkische Edelfräulein tun, wenn die Mutter ihnen ein Leben in der Hauptstadt bieten kann. Sie führen Salons und gehen auf Bälle, auch bei Hofe. An den Feierlichkeiten zu Friedrich Wilhelms Thronbesteigung nehmen sie ebenfalls teil. Sie beginnen im Herbst 1840 in Königsberg. Schon dort zeigt sich, dass der König für den Märchenglanz auf preußischen Realitäten, den Armgart später für ihn in ihrer Arabeske inszeniert, etwas übrig hat. Am 9. September gibt es im Exerzierhaus am Königsgarten das „Zauberfest der drei Stände des Königreichs Preußen“, der Name stammt vom König selbst. Das Gebäude ist aufwendig dekoriert, eine Berliner Zeitung spricht von „einem wahren Feentempel“.

Ein Huldigungsbild versprochen

Am 15. Oktober 1840 nimmt der König auch in Berlin Huldigungen entgegen, Bettine, Armgart und Maxe schauen auf dem Schlossplatz zu. Abends gibt es im königlichen Opernhaus Aubers Oper „Der Feensee“, am 18. Oktober gibt der brandenburgische Adel dem König im selben Opernhaus das „Fest der märkischen Ritterschaft“, bei dem Armgart und Maxe zu den jungen Adligen gehören, die auf der Bühne des Theaters die beliebten lebenden Bilder darstellen. Elf von ihnen schildern Ereignisse der brandenburgischen und preußischen Geschichte, als zwölftes Bild wird das allegorische Transparent „Die Huldigung“ gezeigt, auf dem der Maler Carl Joseph Begas die acht preußischen Provinzen der Krone huldigen lässt. Im Laufe des Abends begegnen der König und Armgart einander irgendwo im Theatergebäude. „Der König hat sie offenbar angesprochen“, sagt Bettina Zimmermann, die zu den Wissenschaftlern des Hochstifts gehört und Armgarts Zeichnung erforscht hat. Er habe gewusst, das sie malen konnte, sie habe ihm bei dieser Gelegenheit ein eigenes Huldigungsbild versprochen.

Als die beiden Schwestern 1843 mit dem fertigen Werk nach Potsdam hinausfahren, um das Blatt dem König vorzustellen, haben sie es mitsamt Rahmen und geprägter Ledertasche schon unter Bekannten herumgezeigt. Und ihnen erklärt, was sie an diesem Tag auch dem König erläutern müssen und was jeder Betrachter des Bildes sich bis heute Stück für Stück zusammensuchen muss. In der Mitte blüht aus den Initialen des preußischen Königspaars eine Blüte, auf der Oberon und Titania thronen. Sie ist eindeutig von den Gemälden, Zeichnungen und Radierungen Philipp Otto Runges inspiriert, dessen Zyklus „Zeiten“ Bettine besaß. Das Bild enthält weitere literarische und künstlerische Anspielungen, gegliedert aber hat Armgart es so traditionell wie ein Künstler des 18. Jahrhunderts, der sich auf Bildprogramme der Renaissance und des Barocks verlässt: die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen. Handlungsreiche kleine Szenen werden durch Rankenwerk voneinander abgetrennt. Links oben der Frühling mit Blüten, Walderdbeeren, Käfern und einem prachtvollen Pfau, rechts oben der Sommer mit Ähren, Kornblumen und einem Goldfasan. Unten links der Herbst mit Reben und Weinlese, unten rechts der Winter mit Tanne, Efeu und Immergrün.

Hinzu treten als weiteres Ordnungselement in der linken oberen Bildecke die Luft mit vielen Vögeln, rechts oben das Feuer, in der rechten unteren Bildecke die Erde mit einem Bergwerk voller Zwerge und unten links das Wasser mit anmutigen Nymphen. Die Himmelsrichtungen schließlich gliedern jeweils die Mitte der Bildränder. Oben der Norden mit Inuit und einer Schlittenfahrt, unten der Süden mit einem Paar stolzer Spanier und Italienern auf einem Heuwagen, rechts der Osten, vertreten durch Richard Löwenherz und seinen Sänger Blondel, nicht Russland also, wo Friedrich Wilhelms Schwester Charlotte seit 1825 Zarin ist, sondern das Heilige Land. Und im Westen? Frankreich. Mit der einzigen Stelle, an der Armgart politisch wird: Die unter einer kleinen Trikolore fliehenden Käfer ähneln Küchenschaben, Wanzen und Asseln.

Für Friedrich Wilhelm, den 1791 geborenen Sohn der Königin Luise, ist Armgarts Bild das perfekte Geschenk. Von den Befreiungskriegen hält er nach der Niederlage gegen Napoleon, die seine Eltern durchzustehen hatten, sehr viel. Noch schöner ist es aber, wenn eine talentierte Untertanin den Souverän aus eigener Initiative zum Märchenkönig macht, indem sie ihn in die Mitte eines Geflechts von Anspielungen stellt. So hält er es schließlich auch selbst. Von Schinkel lässt er sich Ende der zwanziger Jahre unter den spätgotischen Gewölberippen der Eramuskapelle im ältesten Teil des Berliner Stadtschlosses sein Arbeitszimmer einrichten, Friedrich August Stüler errichtet ihm über der als Ersatz angelegten Kapelle auf der anderen Seite des Gebäudes von 1845 an die Kuppel, deren Rekonstruktion vor wenigen Monaten den Wiederaufbau der Schlossfassaden beendete.

Einschließlich des vom König zusammengeklitterten Bibelspruchs, nach dem vor Christus jeder das Knie beugen möge. Der Heiland als kleiner Hausgott, als dekorativer Talisman. Das christliche Zauberfest des Königreichs Preußen. Armgarts angewandte Romantik leistet dazu ihren eigenen Beitrag. Schlegels frühromantischen Traum von einer poetischen Existenz, in der die Kunst den Alltag durchdringt, träumen König und Untertanin.

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Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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