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Literatur während Corona

Skype statt Café

Von David Nieswandt
Aktualisiert am 06.04.2020
 - 12:18
Plötzlich wieder allein: Gemeinsames Lesen ist in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Und jetzt?
Literaturkreise suchen in Zeiten der Corona-Krise nach neuen Kommunikationsformen im Internet. Dabei zeigt sich, dass nicht jedes Onlineangebot geeignet ist.

In Zeiten der Ausgangsbeschränkung gibt es immer weniger Argumente, nicht zu lesen. Irgendwie müssen die Stunden zu Hause ja verbracht werden. Die Zeit ist da. Zusammen mit Proust kann man sich lesend auf die Suche nach ihr begeben oder in den fünfzehnhundert Seiten des Opus magnum von David Foster Wallace versinken und bis weit nach Ostern unendlichen Spaß in der Welt der Romane finden.

So manches Problem von Isolation und Abgeschiedenheit wird durch die Lektüre jedoch noch verstärkt: Lesen ist vielleicht eine der schönsten, aber sicher nicht die sozialste aller Tätigkeiten. Auch aus diesem Grund gibt es Buchclubs und Literaturkreise. In ihrem Schutz kann die eigene Leseerfahrung in den sozialen Raum getragen werden, indem über zuvor festgelegte Bücher gesprochen wird. So mancher Leser wird zu vertiefter Lektüre angespornt, eigene Leseerfahrungen werden ausgetauscht und verglichen, neue Lesetipps werden gegeben.

So zum Beispiel im Literaturforum in Wiesbaden. Seit sechs Jahren veranstaltet es normalerweise alle sechs bis acht Wochen öffentliche Treffen, zu denen jeder kommen kann. Zuletzt waren es um die 30 Teilnehmer. „Das fällt jetzt natürlich weg“, sagt Rita Thies, die Vorsitzende des Fördervereins des Literaturhauses Wiesbaden, die das Forum moderiert. Um während der Corona-Krise nicht ganz auf den sozialen Austausch verzichten zu müssen, ist das Forum ins Internet umgezogen und hat vor einigen Tagen den ersten Online-Chat gewagt. Kein Video-Telefonat, nur geschriebene Repliken. „Eine Premiere“, sagt Thies. Die einstige Wiesbadener Kulturdezernentin kümmert sich auch im Netz um die Moderation des Forums: „Man tritt ein wie in eine Veranstaltung.“ Wer mitschreiben möchte, muss sich vorher registrieren, den einstündigen Chat öffentlich verfolgen kann aber jeder.

Zusätzliche Konversationsregeln nötig

Vorige Woche ging es in der digital versammelten Runde um den Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Natürlich habe am Anfang ein gewisses Durcheinander geherrscht, dem ungewohnten Format geschuldet, sagt Thies. „Normalerweise sieht man sich in der Runde ja an und sieht, wer als Nächstes spricht.“ Ein paar zusätzliche Konversationsregeln könnten also nicht schaden, sagt sie und lacht.

Dennoch sind die knapp 30 Teilnehmer des ersten Chats vom Experiment angetan und bester Stimmung, wie im Internet auch ein paar Tage später noch nachzulesen ist. Zum Ende hin werden Tipps ausgetauscht, einer der Teilnehmer vermeldet das Öffnen einer Weinflasche. Dementsprechend, sagt Thies, plane man nun bis Ende August wöchentliche Veranstaltungen im Netz, jeweils dienstags von 19 Uhr an unter der Adresse www.literatur-in-wiesbaden.de, bald auch mit einem Bücherquiz, Literaturempfehlungen und Interviewreihen per Chat, weshalb man aufgrund der höheren Kosten auch auf Spenden angewiesen sei.

Die Kosten und den Mehraufwand zusätzlicher Online-Veranstaltungen spüren auch die Buchläden der Region, die derzeit damit beschäftigt sind, sich in Lieferdienste zu verwandeln, um ihre Ware trotz geschlossener Geschäfte an den Kunden zu bringen. Bei der auf portugiesischsprachige Literatur spezialisierten Frankfurter Buchhandlung TFM fällt der regelmäßig stattfindende Literaturkreis deshalb ersatzlos aus. Bislang versuchen die Teilnehmer, über etablierte Kanäle wie Blog, Mail und Twitter miteinander in Kontakt zu bleiben. Für den Fall, dass die Kontaktsperre bis weit über Ostern hinaus andauert, macht Inhaberin Petra Noack sich jedoch Gedanken über einen Internetersatz für den Austausch.

Onlinekontakt kann nicht alles ersetzen

Genauso hält man es beim Lesezirkel, der sich einmal monatlich im Literaturhaus Frankfurt trifft. Um die Treffen nicht auf unbestimmte Zeit ausfallen lassen zu müssen, denke man über Videotelefonate mit Skype nach, sagt Organisatorin Claudia Gehricke. Schließlich sei der Lesezirkel ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens seiner Mitglieder. Zugleich befürchtet sie, einige der älteren Teilnehmer könnten mit der Technik nicht ganz vertraut sein.

Für das am Literaturhaus ebenfalls betriebene Shared Reading, also das gemeinsame laute Lesen, stellt sich dieses Problem nicht. Digitale Kommunikation sei für diese Form der gemeinsamen Beschäftigung mit Literatur ganz einfach eine zu große Einschränkung, sagt Pressesprecherin Kristina Koehler. Das unmittelbare Erleben und die Atmosphäre des Vorlesens und Zuhörens ließen sich auf diesem Weg nicht nachstellen. Die von ihr geleitete Shared-Reading-Gruppe hat sich daher bewusst gegen Skype entschieden. „Die Geschichten und Gedichte warten ja glücklicherweise auf uns“, sagt sie optimistisch.

Dass Treffen über eine Videokonferenz auch gelingen können, zeigt standesgemäß der Frankfurt Science Fiction Book Club, der sich seit Mitte März auf Skype statt im Café trifft. Etwas anderes wäre für eine Gruppe mit Faible für Zukunftsromane in der augenblicklichen Situation auch nicht angemessen. Dass alles verhältnismäßig gut klappt, wie Organisator Tom Barfield mitteilt, liegt sicher auch an der für Literaturkreise vergleichsweise jungen Altersstruktur und der überschaubaren Zahl von bis zu acht Teilnehmern. Zwar leide die Spontanität der Diskussion etwas unter der neuen Situation, dennoch bleibe der Austausch über Skype eine „tolle Dosis sozialer Interaktion, die uns durch die Woche hilft und der Isolation entgegenwirkt“.

Quelle: F.A.Z.
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