Museum Wiesbaden

Hinter verschlossenen Türen

Von Katinka Fischer
Aktualisiert am 16.04.2020
 - 15:00
Kennt die Kunsträume nur menschenleer: Andreas Henning, neuer Leiter des Museums Wiesbaden
Andreas Henning, der neue Leiter des Museums Wiesbaden, spricht über seine Pläne und den kuriosen Umstand, sein Haus bisher fast nur menschenleer erlebt zu haben.

Allein im Museum wäre man derzeit nicht mehr nur nachts. Zum Eindringling würde man vielmehr rund um die Uhr. Denn Corona zwingt zu einem „permanenten Montagsbetrieb“, der für Andreas Henning gleich in zweifacher Hinsicht ein „kurioser Umstand“ ist. Denn der Leiter des Museums Wiesbaden, der sein Amt vor gut einem Monat angetreten ist, hat seine neue Wirkungsstätte bisher kaum anders als menschenleer erlebt. Die große Ausstellung mit Bildern der „Lebensmenschen“ Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin konnte er zwar noch eröffnen, aber schon die Vernissage ging weniger sinnenfroh als gewohnt über die Bühne – ohne Reden, ohne Sekt und mit einer bis 22 Uhr verlängerten Öffnungszeit, um allzu großes Gedränge zu vermeiden. Zwei Tage später musste der Betrieb dann ganz heruntergefahren werden: Shutdown. Einen Notfallplan zu entwickeln gehörte deshalb zu Hennings frühesten Amtshandlungen.

Der Blick auf Jawlenskys und Werefkins Werke, die in einem gemeinsamen Geist des Aufbruchs wurzeln, während ihre Schöpfer doch einen jeweils sehr eigenen Weg beschritten, bleibt einstweilen also versperrt. Die turbulente Beziehung des Künstlerpaars, die die Ausstellung aufblättert, spielt sich hinter verschlossenen Türen ab. Jetzt werden die Motive nur zur einsamen Kulisse für ein – im gebotenen Abstand geführtes – Gespräch mit dem Museumschef. Die Hoffnung, „dass wir im Mai wieder öffnen können“, gibt er nicht auf. Regulär endet die aktuelle Ausstellung am 12. Juli.

Einen ungeahnten Freiraum eröffnen

Dass sie bisher noch gar nicht wahrgenommen wurde, kann sich, wenn es gut läuft, also noch ändern. Henning und sein Team nutzen die Zeit nicht zuletzt für Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten und nehmen sich Dinge vor, „die im Grunde immer liegenbleiben“. Zum Beispiel, klar Schiff im Rahmenlager zu machen. Unterdessen läuft die Vorbereitung künftiger Ausstellungen weiter, während Corona für die Forschung auch manch einen ungeahnten Freiraum eröffnet. Zwei Gemälde des 19. Jahrhunderts profitieren sogar von der Krise und können dank des Notfallprogramms der Ernst-von-Siemens-Stiftung restauriert werden.

Auch in Wiesbaden klammert man sich an den Strohhalm der digitalen Vermittlung. So öffnen die sozialen Medien regelmäßig ein „Museumsfenster am Abend“ und führt eine App durch Dauer- und Sonderausstellungen. Ganz neu ist ein Blog, der mit einem Osterspaziergang des Direktors durch die altmeisterliche Abteilung begonnen hat. Er führt an Szenen aus der Passionsgeschichte vom Mittelalter bis zum Barock entlang. Illusionen gibt sich Henning freilich nicht hin.

Den analogen Besuch nicht ersetzen

Die virtuellen Angebote könnten bestenfalls die Neugier auf das Museum wecken, den analogen Besuch aber nicht ersetzen, sagt er und wird philosophisch: Über digitale Kanäle werde Distanz nur scheinbar überwunden. Insofern versteht er die Pandemie, die zu gelebter Distanz zwinge, auch als ein Sinnbild. Wirtschaftlich schmerzt der einhundertprozentige Besucherrückgang ebenfalls. Zur Kostenkalkulation der „Lebensmenschen“-Ausstellung gehört eine „nennenswerte Summe, die wir selbst erwirtschaften müssen“, sagt Henning. Kosten etwa für Wachschutz und Betreuung der technischen Anlagen liefen zudem ja weiter.

Dabei könnte alles so schön sein. So schwärmt Henning von der „großartigen“ Stadt und wie gut ihn sein Team aufgenommen habe. Nach einem Treffen mit Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende gleich in der ersten Woche habe er die Stadtgesellschaft aber noch gar nicht kennenlernen können und komme sich deswegen vor „wie unter einer Käseglocke“. Zumal er sein Haus auch als Museum für die Stadt versteht. Ein erstes gemeinsam mit der kommunalen Kulturverwaltung geplantes Projekt ist schon auf dem Weg: Für Herbst ist in der Kunsthalle eine Ausstellung mit Werken von Vollrad Kutscher geplant, zu der Leihgaben aus dem Museum gehören.

Was sein eigenes Programm angeht, hat Henning zwar schon Ideen, die allerdings noch nicht druckreif seien. Bis zu 16 Ausstellungen pro Jahr, auf die es sein Vorgänger Alexander Klar gebracht hat, sind von ihm aber wohl nicht zu erwarten: „Der Plan soll das Haus nicht überfordern.“ Ausstellungen, die ungewöhnliche Einsichten vermitteln, sind das Ergebnis intensiver Forschung. Und die braucht Zeit. Trotz des in Wiesbaden knappen Bestands an alter italienischer Malerei will der Raffael-Spezialist auch eine Ausstellung zu diesem Thema nicht ausschließen. Mit den Caravaggisten habe das Ende 2016 schließlich schon gut funktioniert.

Darüber hinaus kündigt er an, dass sein Programm alle Sammlungsbereiche miteinander verknüpft und den Fokus auf die Dauerausstellung legt: „Hauptwerke sollen immer zu sehen sein.“ Gerade die Klassische Moderne und die Kunst nach 1960 würden zugunsten von Sonderausstellungen zu oft beiseitegerückt. Für umso wichtiger hält er den im Koalitionsvertrag der Landesregierung bereits festgeschriebenen Erweiterungsbau, der auch die „unangemessene Depotsituation“ verbessert. 2025 würde ihn Henning gerne einweihen können und dies dann mit der Feier des 200. Museumsgeburtstages verbinden.

Quelle: F.A.Z.
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