Musiker des Ensemble Modern

In der Einsamkeit des Übens Kraft schöpfen

Von Wolfgang Sandner
15.04.2020
, 14:48
Die Musiker des Ensemble Modern: Rainer Römer ist seit 1985 Schlagzeuger des Spezialensembles für zeitgenössische Musik, das in diesem Jahr sein vierzigjähriges Bestehen feiert.

Herr Römer, wie geht es Ihnen in diesen Corona-Zeiten, in denen Sie mit dem Ensemble Modern gleichsam brachliegen?

Es ist wie eine Vollbremsung. Aber ich bin gesund und munter zu Hause.

Sind die Räume des Ensemble Modern in der Schwedlerstraße geschlossen?

Dort ist erst einmal alles stillgelegt. Wahrscheinlich könnte ich in meinen Übungsraum, da wäre ich auch allein. Aber momentan bleibe ich noch zu Hause.

Wie wirkt sich die Zwangspause auf das Ensemble Modern aus? Kann man es mit einer Fußballmannschaft vergleichen, bei der eingeübte Spielzüge erst wieder aufgefrischt werden müssen?

Wir werden es erleben, wenn wir wieder proben. Aber ich denke, das kommt alles schnell zurück. Die größere Aufgabe liegt jetzt bei unserem künstlerischen Manager Christian Fausch, der mit unglaublicher Energie und viel Arbeit tagtäglich darum kämpft, dass wir liquide bleiben, die Finanzen so geregelt werden, dass wir noch eine Weile unsere Gehälter auszahlen können.

Das Ensemble Modern hat eine interessante Struktur, ist basisdemokratisch organisiert und als Spezialensemble für Neue Musik höchst erfolgreich. Dennoch könnte ich mir vorstellen, dass ausfallende Konzerte problematischer sind als bei anderen Orchestern?

Das ist genau so. Wir dürfen als Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die öffentliche Zuwendungen erhält, keine Rücklagen bilden, keine Fonds aufbauen im Sinne einer Vorsorge für schlechte Zeiten. So leben wir eigentlich immer von der Hand in den Mund.

Kommen wir einmal von dieser prekären aktuellen Situation zu Ihnen als Schlagzeuger. Einer Ihrer Kollegen, Christoph Caskel, meinte einmal, er habe das Instrument nicht studiert, nur um als Orchestermusiker am Ende einer klassischen Symphonie einmal auf die Pauke zu hauen. So engagierte er sich lieber für Neue Musik. Wie war es bei Ihnen?

Mit zwölf, dreizehn Jahren begann ich mich für Musik zu interessieren. Ich hörte „Bitches Brew“ von Miles Davis oder „Facing You“ von Keith Jarrett. Es gab dann nächtliche Rundfunksendungen mit Neuer Musik, die Hans Zender oder Ernest Bour dirigierten. Ich saß gebannt vor dem Radio und fand diese Musik großartig. Aus dem Interesse an Jazz und klassischer Musik erwuchs das Bedürfnis, selbst Musik zu studieren. Dabei habe ich dann festgestellt, wie sehr das Schlagzeug mit der Musik des 20. Jahrhunderts verbunden ist. So schloss sich der Kreis. Mit der Zeit wurde mir auch klar, in welchem Umfeld ich lebe. Mich hat ja mein Vater nicht mit acht Jahren in einen Jazzclub auf der 52. Straße mitgenommen. Ich bin in Würzburg aufgewachsen. Dass mich primär das Instrument angezogen hätte, kann ich gar nicht sagen. Mich hat Musik interessiert.

Sie haben sich auch mit Marimba, Conga und persischen Trommeln beschäftigt. Muss sich ein Schlagzeuger damit befassen, wenn er fit sein will für heutige Musik?

Das ist eine spannende Frage, was ein Schlagzeuger für zeitgenössische Musik können muss. Darauf gibt es keine einfache Antwort. Zudem muss man das Problem von Spezialisierung oder Vielfalt bedenken. Man kann nie in allen Disziplinen so gut sein wie bei der Konzentration auf eine einzige. Für mich habe ich erkannt, je mehr ich mich mit verschiedenen Instrumenten beschäftige, desto besser ist es für meine Arbeit im Ensemble Modern.

Sie sind auch Professor an der Musikhochschule in Frankfurt. Wird die Ausbildung an Hochschulen dem gerecht, was heute für die Interpretation Neuer Musik verlangt wird?

Das Wissen wird einem Studenten sicherlich nicht hinterhergetragen. Wir haben durch die Bachelor- und Masterstudiengänge ein hohes Maß an Verschulung, mit großer Anforderung an Fächern und an Prüfungen. Es gibt keine Muße, weil die Studenten sehr früh zielgerichtet arbeiten müssen. Man konzentriert sich auf das Berufsbild und fragt: Was kann ich als Schlagzeuger machen, will ich ins Orchester, will ich vielleicht unterrichten, vielleicht solistisch spielen? Aber die Leute, die sich interessieren, finden im Institut für zeitgenössische Musik und in der Internationalen Ensemble Modern Akademie Bereiche, wo sie sich informieren und aktiv werden können.

Würden Sie einem begabten jungen Menschen empfehlen, neben dem Studium früh schon praktische Erfahrung in einem Ensemble für klassische Musik, einer Jazz- oder Rockband zu sammeln?

Auf jeden Fall. Musizieren, Improvisieren, Arrangieren, Interpretieren, das Selbermachen halte ich für extrem wichtig. Dann aber gibt es die Einsamkeit des Übens, diesen wichtigen Moment, mit sich und dem Instrument in tiefere Schichten vorzudringen. Nur in der Isolation, in der man mit sich und dem Instrument hart arbeitet, kommt man auf neue Ebenen.

Sie gehören seit 1985 zum Ensemble Modern. Gibt es heute eine größere Bereitschaft als früher, sich mit aktueller Musik auseinanderzusetzen?

Ich denke schon. Aber ich bin manchmal am Rätseln, was Neue Musik überhaupt ist. Ich habe das Gefühl, die heutige Musikkultur hat noch gar keinen Namen für sich gefunden. Früher gab es große Instanzen der Neuen Musik, Persönlichkeiten wie Stockhausen, Boulez, Lachenmann, die die Richtungen und Denkformate vorgaben. Auch das Feuilleton war ein großes Leitmedium, um sich zu orientieren. Das geht noch immer, und dennoch, der Ästhetik-Kanon, auf den man sich intellektuell einigt, ist weggefallen. Dazu kommt ein neues Phänomen: Der Musik nähert man sich jetzt von vielen Seiten, von der performativen, der elektronischen, der instrumentalen, auch von der theatralischen Seite, improvisatorisch wie kompositorisch. Und man kommt auf ganz unterschiedlichen Ausbildungswegen zu zeitgenössischer Musik, war nicht in Darmstadt, hat nicht bei bestimmten Leitfiguren studiert. Der Horizont hat sich geweitet, aber einen Namen gibt es dafür nicht. Ich bin eigentlich heilfroh, wenn ich sagen kann, ich mache zeitgenössische Musik. Wenn ich zum Friseur gehe und erzähle, ich spiele in einem Ensemble für moderne Musik, fragt er, wie die Band heißt.

Das Ensemble Modern hat über die Jahre eine bewundernswerte Vielfalt an Ausdrucksformen hervorgebracht. Gibt es darunter etwas, was Ihnen besonders nahe war, auf das Sie besonders aufmerksam machen möchten?

Es fällt mir schwer, darauf eine Antwort zu geben. Unsere Aufgabe ist es, Musik erfahrbar zu machen, nicht zu bewerten. Ich bin immer froh, wenn etwas gelingt. Gelingen heißt, mit dem Dirigenten und Komponisten am richtigen Ort etwas zu machen, von dem wir sagen können, ja jetzt ist etwas passiert, was mehr ist als die Leistung jedes Einzelnen. Jetzt kann der Vogel fliegen, und wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Das ist immer das Schönste. Aber zurück zu Ihrer Frage. Es gibt immer wieder Stücke, bei denen ich komplett aus dem Häuschen gerate. Simon Steen-Andersens Trio für Orchester, Bigband, Chor und Video, das voriges Jahr in Donaueschingen herauskam, ist ein Stück, von dem ich sagen würde, da hat jemand Denkprozesse zusammengefasst, neu formuliert, unausweichlich gemacht. Es gibt so viele schöne Dinge, die mich berühren und mir sagen: Mein Gott, wo kommt das jetzt her, wo kommt diese Energie her, wie könnte ich sie in andere Musik transformieren?

Bei „Atmosphère“ von Ligeti oder „Le Marteau sans maître“ von Boulez können wir sagen, das sind Meilensteine der Musikgeschichte. Auch bei neuen Stücken ist, wie Sie sagen, große Qualität spürbar, ohne dass wir sie aber schon historisch bewerten könnten.

Man sollte vielleicht ein paar Schubladen öffnen, um zu entdecken, was da noch an unbekannten Partituren liegt. Oder man sollte bei Komponisten, die man zu kennen glaubt, nachschauen, was sie noch geschrieben haben. Ich bin davon überzeugt, dass die Sicht auf die letzten siebzig Jahre sich noch einmal ändern wird. Außerdem: Ich habe letztes Jahr auf Youtube die Aufführung von Stockhausens „Inori“ mit dem Orchester der Luzerner Festival Akademie mit Péter Eötvös als Dirigenten gehört. Ich war wie gebannt und habe es kaum glauben können. Da wird dieses Stück von einer komplett neuen Musikergeneration gespielt, und plötzlich klingt alles so leicht, präsent und unmittelbar. Und man erkennt, wie unglaublich stark diese Komposition ist.

Sie haben auch mit Frank Zappa zusammengearbeitet. Ich nehme einmal an, das Ensemble Modern hat ebenso viel von der Zusammenarbeit profitiert wie Zappa vom Ensemble und seiner Expertise. Oder?

Frank Zappa, das ist ein eigenes Kapitel. Aber die Proben waren gar nicht unbedingt so lustig mit ihm. Er war extrem kritisch und hat die Möglichkeiten dessen, was mit uns geht und was nicht, sehr schnell erkannt. Trotzdem war er jemand, der immer weiter Dinge entwickelt hat. Von ihm aus gesehen war es so: Wenn ihr mit mir arbeiten wollt, dann kümmert euch bitte um die Musik. Sich kümmern, mitdenken, mitleben, das ist es, was durchgeschlagen hat. Aber das gilt generell für künstlerische Arbeitsprozesse. Damit ist man auf einem guten Weg.

Bisweilen kommt man dabei auch an Belastungsgrenzen. Gab es solche Projekte auch mit dem Ensemble Modern?

Auch darauf kann ich keine konkrete Antwort geben. Aber so viel kann ich sagen: Ich gehe in der letzten Zeit ziemlich oft in die Schwedlerstraße oben in den Dachsaal. Manchmal bin ich allein, weil ich früher da sein muss, um aufzubauen. Dann stehe ich dort wie gebannt und denke mir: Wie ist das möglich, dass ich immer noch hier bin, diese Musik so machen darf. Das ist für mich wirklich der stärkste Moment. Zu erkennen, was wir da für einen Schatz haben, der so fragil ist. Da im Dachsaal zu stehen und zu wissen, es geht weiter. Das ist großartig.

Quelle: F.A.Z.
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