Oper in Corona-Zeiten

„Wir können nicht einfach die Füße hochlegen“

Von Guido Holze
13.11.2020
, 18:34
Trotz des Lockdowns probt der Opernchor in Frankfurt unter Tilman Michael emsig weiter. Die Premiere des weltlichen Oratoriums „Le vin herbé“ („Der Zaubertrank“) ist vorerst auf den 3. Dezember verschoben.

In weitem Halbrund verteilt über die ganze Breite des Orchesterprobenraums der Oper Frankfurt sitzen die elf Mitglieder des Opernchors da, jeweils seitlich durch Plexiglaswände voneinander getrennt. Sie singen ohne Mund-Nasen-Schutz, in ihrer Singrichtung steht im vorgeschriebenen Abstand von sechs Metern Chordirektor Tilman Michael neben dem Korrepetitor am Flügel und probt ganz normal lauter schwierige Stellen, hier ein paar Takte, da ein paar Takte: „Die Halbtöne bitte schön getrennt“, fordert er beispielsweise.

Für die Sopranistinnen und Tenöre, die hier ohne die Bass- und Alt-Stimmen üben, scheint die Situation, die vor einigen Monaten noch absurd erschienen wäre, inzwischen normal zu sein. Sie lächeln sich durch die Plexiglaswände zu und machen kleine Späße. Ganz zufrieden sind sie und Tilman Michael zwar noch nicht mit den musikalischen Ergebnissen, doch beruhigt der Chordirektor mehrfach, dass ja noch einige Zeit zum Üben bleibe und die Premiere diesmal auch nicht gleich auf die Generalprobe folgen werde.

Die Premiere hätte eigentlich schon am 22. November sein sollen, nun ist die szenische Frankfurter Erstaufführung des weltlichen Oratoriums „Le vin herbé“ („Der Zaubertrank“) von Frank Martin vorerst auf den 3. Dezember verschoben. Das 1942 uraufgeführte Stück des Schweizer Komponisten behandelt in französischer Sprache die auch von Richard Wagner adaptierte mittelalterliche Geschichte von Tristan und Isolde und ist mit seiner kammermusikalischen Besetzung und dem zwölfköpfigen Gesangssolisten-Ensemble, das auch die umfangreichen Chorparts gestalten soll, für die ursprünglich geplante Neuproduktion der Oper „Der Traumgörge“ von Alexander Zemlinsky auf den Spielplan gekommen.

Inszeniert wird „Le vin herbé“ von Tilmann Köhler, der mit dem Bühnenbild von Karoly Risz auf die Corona-Situation eingehen wird: Die 24 Choristen, die in Frankfurt gemäß einer von Frank Martin goutierten Aufführungsvariante neben den Solisten zum Einsatz kommen, werden in einer Art überdimensionalem Setzkasten stehen, also ähnlich wie bei der Probe durch seitliche Trennwände separiert.

So müsse der Chor also nicht wie zuletzt bei den Produktionen der Oper Frankfurt, wie bei Bellinis „I Puritani“ etwa, mit Masken singen, erläutert Michael. Diese Masken aus Stoff seien zwar eigens von der Kostümschneiderei mit einem etwas größeren Hohlraum vor Mund und Nase angefertigt worden, doch mindere das nicht die Schwierigkeiten für Sänger: „Da kommt der Klang raus, mit Mund, Lippen und Zunge wird die Sprache geformt“, sagt Michael. Die Maske werde bei starkem Einatmen eingesogen, und dämpfe natürlich auch den Klang. Die Trennwände bringen dafür andere Probleme mit sich: „Ich höre vorne alle gut, aber die Choristen hören sich untereinander nicht richtig“, sagt Michael. Das könne zwar eine Übung sein, doch brauche Chorgesang eigentlich etwas Nähe. Auch für das Publikum mische sich der Chorklang besser, wenn die Abstände zwischen den Sängern nicht zu groß seien.

Spärlich gesät

Dass das Publikum in den Vorstellungen, die zwischen den Lockdowns möglich waren, so spärlich gesät war, sei innerlich schwierig für die Auftretenden: „Wenn man auf der Bühne steht und das Haus ist voll, vermittelt sich eine ganz andere Energie“, gibt Michael gern zu. In Puccinis „Manon Lescaut“ seien die Choristen ganz hinter die Kulissen verbannt gewesen und hätten daran auch Spaß gehabt, jedoch fehlten eben die Kostüme, die Szene und das Bühnengefühl.

Geprobt wird in jedem Fall weiterhin emsig und unverdrossen, auch wenn es für einige Stücke vergeblich war: In „Le Grand Macabre“ von Ligeti, „Der Traumgörge“ von Zemlinsky und „Die Banditen“ von Offenbach war schon viel Arbeit investiert worden, als die Produktionen abgesagt wurden. Derzeit sind die insgesamt 70 festangestellten Mitglieder des Frankfurter Opernchors, die allesamt Gesang studiert haben und aus 20 verschiedenen Nationen kommen, in Kurzarbeit, je nach Beschäftigung zu unterschiedlichem Anteil. Maximal 30 Choristen können derzeit zusammen im Opernhaus singen, aber nur selten, wenn der Zuschauerraum für die Proben mitgenutzt werden kann. Ohne Masken dürften bei den geltenden Abstandsregeln höchsten 14 Chormitglieder gemeinsam üben. Das Frankfurter Haus der Chöre, in dem 24 Vokalisten singen können, hat der Opernchor daher auch schon genutzt. Getestet werden die Choristen derzeit nicht. Das sei auch eine Kostenfrage, legt Michael dar. Allerdings habe es in der Oper Frankfurt im Vorderhaus, also im Bühnenumfeld, bis jetzt keinen einzigen Corona-Fall gegeben.

Dass überhaupt geprobt werden könne und er sich mit Musik beschäftige könne, bedeute ihm viel, stellt Michael klar. Als während des ersten Lockdowns im Frühjahr keine Proben stattfinden durften, habe er „Audio-Tutorials“ aufgenommen und auf elektronischem Weg an die Choristen verschickt. Diese Einführungen in die Werke und die sanglichen Schwierigkeiten seien bei manchen so gut angekommen, dass sie gleich angeregt hätten, dies beizubehalten, schmunzelt er. Die Motivation im Chor sei jedenfalls gut: „Wir können nicht einfach die Füße hochlegen.“ Zwei weitere Neuproduktionen stehen für den Chor, nach den derzeitigen Plänen, noch an: „Fedora“ von Umberto Giordano im Januar 2021 und im Februar „Luisa Miller“ von Verdi anstelle von „Aida“.

Die szenische Frankfurter Erstaufführung des Oratoriums „Le vin herbé“ ist in der Oper Frankfurt für den 3. Dezember geplant. Weitere Vorstellungen soll es am 5. und 11. Dezember sowie am 14., 16. und 22. Januar 2021 geben.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Guido Holze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot