Pearl Jam in Frankfurt

Hurra, wir leben noch

Von Christian Riethmüller
29.06.2022
, 17:13
Pearl Jam in Aktion in der Festhalle, hier mit Sänger Eddie Vedder, Schlagzeuger Matt Cameron und Gitarrist Stone Gossard
Nach mehr als 31 Jahren wieder mal am Main: Die amerikanische Band Pearl Jam zeigt sich in der restlos ausverkauften Festhalle in bestechender Form.
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Das grüne Bändchen der Sympathie weist den wahren Fan aus. Der oder die war bereits in Berlin, Zürich, Imola und träumt vermutlich von Reisen nach Kopenhagen, London, Wien, Prag, Krakau oder Amsterdam. Am Dienstagabend ist aber erst einmal die Festhalle in Frankfurt das Ziel, wo das Bändchen den Zutritt zu einem besonderen Zirkel direkt am Spielfeldrand garantiert. Das Spielfeld ist in diesem Fall die große Bühne, vor der sich die Mitglieder verschiedener Fanclubs drängen, deren Hingabe übrigens keinem Sportclub, sondern einer Rockband gehört, die sich in ihrer Reiselust gleichwohl aber mit jedem Groundhopper vergleichen können. Wie der stolz auf jedes Fußballstadion ist, das er zum ersten Mal besucht, können die Bändchenträger nun das „crazy building“ Festhalle auf ihre Liste setzen wie auch die meisten wohl überhaupt Frankfurt, hat die große amerikanische Rockband Pearl Jam doch hier das erste und einzige Mal vor nunmehr 31 Jahren und fast vier Monaten hier gespielt, wie Frontmann Eddie Vedder die restlos ausverkaufte Festhalle, von ihm bewundernd „crazy building“ genannt, wissen lässt.

Im März 1992 war das, seinerzeit noch in der alten Batschkapp, deren Dach man hätte wohl abdecken müssen, um auch nur noch eine Menschenseele mehr hineinzuzwängen, weil alle diese Grunge-Band aus Seattle erleben wollten, deren damals erschienenes Debütalbum „Ten“ wie eine musikalische Offenbarung wirkte und dessen Kraft bis heute nicht nachgelassen hat, selbst wenn die Nostalgie dieses Empfinden etwas überhöhen mag.

Eddie Vedder feuert beim Pearl Jam-Konzert in der Frankfurter Festhalle Bassist Jeff Ament an.
Eddie Vedder feuert beim Pearl Jam-Konzert in der Frankfurter Festhalle Bassist Jeff Ament an. Bild: Michael Braunschädel

Von Nostalgie ist allerdings keine Spur als die Band um kurz nach 21 Uhr die Bühne betritt und die ersten Töne von „Inside Job“ erklingen, einem Song, den Pearl Jam auf der aktuellen Tour bisher noch nicht gespielt haben, was gerade die Bändchenträger erfreut. Die schätzen an der Gruppe nicht zuletzt, dass diese eben nicht Abend für Abend das selbe Set herunternudelt, sondern stets aufs Neue beherzt aus ihrem umfangreichen Songkatalog schöpft und auch noch die ein oder andere Coverversion einstreut (in Frankfurt ist es Pink Floyds „Interstellar Overdrive“).

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Und als nach „Animal“ und „Last Exit“ und damit nach gerade einmal drei Liedern schon die ganze Halle tobt, ist einem sofort wieder die Wucht dieser Band bewusst, die dafür noch nicht einmal eine große Show benötigt. Zwei große Videoleinwände links und rechts der Bühne dienen meist dazu, die Band in Nahaufnahmen beim Musizieren zu zeigen, nur in ganz wenigen Fällen wird etwas Filmmaterial eingespielt.

So bleiben stets die Musik und Eddie Vedders markante, oft sanft vibrierende Stimme im Mittelpunkt, die nicht nur bei den Balladen wie „Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town“ für Gänsehaut sorgt, sondern auch den nötigen Biss für eruptivere Songs wie „Why Go“ hat, wie der 57 Jahre alte Vedder sich überhaupt von bewundernswerter Agilität zeigt, hüpft, tanzt und springt. Übertroffen wird er dabei nur vom rastlosen, gleichaltrigen Leadgitarristen Mike McCready, der in seiner Ecke ständig in Bewegung ist, ganz so, als solle nicht nur Eddie Vedders Ausspruch, Lust auf eine gute Show zu haben, mit Taten belegt werden, sondern auch der Titel ihres berühmtesten Songs Motto des Abends sein: „Alive“.

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Ja, sie leben noch, im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen aus der Blütezeit des Grunge und sie sind schon lange der „Here we are now, entertain us“-Erwartungshaltung entwachsen, wie sie noch Kurt Cobain postulierte. Pearl Jam haben nichts dagegen, selbst zu unterhalten, die Menge zwei Stunden lang mit Krachern wie „Jeremy“, „Porch“ oder „State Of Love And Trust“ an den Rand der Ekstase zu treiben oder sie mit einem Jahrhundertlied wie „Indifference“ zum Heulen zu bringen, weil sie dafür auch ihre Anliegen formulieren können, die heute nicht mehr der Introspektion folgen, sondern nun etwa die Zerstörung der Natur durch den Menschen anprangern, eines der Themen ihres letzten, vor zwei Jahren erschienenen Albums „Gigaton“. Von dem spielen sie in Frankfurt gleich vier Titel, darunter auch das sperrige „Dance Of The Clairvoyants“, bei dem die sonst so hart rockende Band Pearl Jam fast schon in New Wave-/Post-Punk-Gefilde unterwegs ist, was vielleicht nicht allen in Jugenderinnerungen schwelgenden Zuschauern in der Festhalle gleich gut gefällt, doch wohl am ehesten unterstreicht, dass auch in einer der größten Stadion- und Arena-Rockbands unserer Zeit weiterhin musikalische Innovationskraft steckt. Auch dafür wird man ihr noch in Jahren hinterher reisen und sie im Jahr 2052 in der neuen Frankfurter Multifunktionshalle feiern.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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