Poetikvorlesung

An der Schwelle

Von Florian Balke
26.11.2020
, 15:41
„Nachhaltigkeit und Vergeudung“ behandelt der zweite von drei Vorträgen, die die Goethe-Universität in diesen Wochen als Videoaufzeichnungen ins Netz stellt. Monika Rinck stellt die Frage: Wie spricht die Gegenwartslyrik über die Zukunft?

„Kaum etwas verändert sich schneller als die Vorstellungen, die man sich von der Zukunft macht“, sagt Monika Rinck. Das gilt nicht nur im Corona-Jahr, ganz besonders aber während der Pandemie. Da werde es monatelang 16.30 Uhr, sagt Rinck, ohne dass sich bis dahin irgendetwas Nennenswertes ereignet habe. Dann aber überstürze sich an einem einzigen Tag alles, und plötzlich seien ganz andere Regeln gültig.

Der Mensch, das Wesen aus Verstand, Sprache und Größenwahn, ist jedenfalls nicht Beherrscher der Natur. Es gebietet nicht einmal souverän über Dingwelt und Garderobe. Da ist der „schöne moosgrüne Übergangsmantel“, den Rinck an den Tagen, an denen sie ihn tragen könnte, Jahr für Jahr im Schrank vergisst. „Gefahren der Schwelle, Schrecken des Übergangs“, sagt die Frankfurter Poetikdozentin. Um solche Erfahrungen geht es ihr gleich in mehrfacher Hinsicht, vom Virus über den Klimawandel bis zum Verfassen von Gedichten.

„Nachhaltigkeit und Vergeudung“ behandelt der zweite von drei Vorträgen, die die Goethe-Universität in diesen Wochen als Videoaufzeichnungen ins Netz stellt. Diesmal geht es um eine Bestandsaufnahme: „Wie spricht die Gegenwartslyrik über die Zukunft? Wie stellt sie sich auf das ein, was sein könnte?“ Ausführlich stellt Rinck dazu Gedichtbände von Anja Utler, Daniel Falb und Charlotte Warsen vor. Ebenso ausführlich kreist ihr Denken um Nachhaltiges („Etwas, das mich aufrechterhält, indem ich es aufrechterhalte“) und Verschwenderisches. In einem Sprechen, das von einem Wort zum anderen zwischen poetologischer und poetischer Ausrichtung hin und her springt, nachhaltig und verschwenderisch zugleich.

„Komme ich aus der Falle heraus?“

Ökologie und Moral, Natur und Kunst – Rinck identifiziert hier wie da erstrebenswerte oder empirisch beobachtbare Vorgehensweisen: „Das nehmen, was schon da ist, was herumliegt.“ Selbst das aber schützt nicht vor der grundlegenden Aporie jedes menschlichen Handelns und damit jedes einzelnen Kunstwerks: „Komme ich aus der Falle heraus, in der alles Gemachte schon immer eine Abart von Verbrauch ist?“ Kaum.

Rinck geht es aber ohnehin um ein tiefer sitzendes Gegensatzpaar. Da ist zum einen das Idyll, ohne Zeit, nur Raum und Zustand, und zum anderen das Nekropastorale, ein Begriff, den sie von der amerikanischen Dichterin Joyelle McSweeney übernimmt. Es holt vom Abscheulichen bis hin zur Sterblichkeit allerlei Unerfreuliches in Kunst und Leben herein, Rinck entdeckt es in den von ihr zitierten Texten. Zustimmend zitiert sie McSweeney selbst: „Die Gegenwartsform der Poesie lehnt die Zukunft zugunsten einer sich aufblähenden und verfallenden Allgegenwart ab. Sie macht immer nur korrupte Kopien von sich selbst.“ Eher ein Verharren auf der Schwelle also.

Die dritte Poetikvorlesung wird am 1. Dezember, 18 Uhr, im Netz zu finden sein.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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