Mousonturm digital

Premieren vor dem Bildschirmpublikum

Von Eva-Maria Magel
Aktualisiert am 14.01.2021
 - 05:00
Live-Premiere vor Online-Publikum: „Telling Stories“ von Fabrice Mazliah
An den Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm docken 80 vom Bund geförderte Künstler an, Unterdessen plant das Haus ein digitales Live-Programm bis in den Frühling hinein.

Würden alle 80 Künstler Zeit und Raum physisch beanspruchen, wer weiß, wie der Frankfurter Mousonturm den Ansturm bewältigen könnte. „Diese Menge ist natürlich eine Überforderung und etwas anderes als die Residenzen, die wir normalerweise anbieten“, sagt Matthias Pees, Intendant des Künstlerhauses Mousonturm. Aber sie ist auch ein positives Moment für eine von Corona schwer getroffene Szene. Dank des Corona-Hilfsprogramms „Neustart Kultur“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), haben zahlreiche Freischaffende Fördermittel des Fonds Darstellende Künste bekommen.
Unter dem Titel „#Take Care“ vergibt die zentrale Förderinstitution der freien Szene jeweils bis zu 5000 Euro aus dem großen Dachprogramm „Take That“ für Recherchezeit, Projekte oder den Versuch, neue Formate, auch digital, zu entwickeln. Bislang sind in mehreren Tranchen rund vier Millionen Euro an knapp 800 Künstler in Deutschland geflossen – und es kommen noch weitere nach. Freischaffende Künstler, die in Deutschland tätig sind, haben gute Chancen auf die Corona-Kreativhilfe, die ergebnisoffen vergeben wird.

„Take Care“ bringt neue Künstler an den Mousonturm

Der Mousonturm ist eines von insgesamt 30 größeren und kleineren Produktionshäusern, die in ganz Deutschland als Andockstation für die Künstler dienen. Physisch werden bis Ende August wohl ein Drittel der Geförderten anwesend sein, die anderen vernetzen sich mit uns auf virtuellen Wegen“, sagt Pees. Aus vielen der Begegnungen können später Projekte und Koproduktionen mit dem Mousonturm entstehen. „Dinge, die wir sonst gar nicht finanzieren könnten, wie Materialsammlungen, Konzeptionsphasen und Recherchezeit oder neue künstlerische Konstellationen können so der eigentlichen Produktion vorgelagert werden“, erklärt Pees. Die werde dann im Regelfall aus dem normalen Mousonturm-Etat produziert.
80 Leute, mal einzeln, mal in Gruppen, die darstellende Kunst machen: Das Künstlerhaus an der Waldschmidtstraße würde monatelang überquellen. Die Realität sieht anders aus. An einem Ort wird geprobt, eine andere Gruppe arbeitet an Konzepten, wieder andere sammeln als Feldforschung Material. Manche stehen mit dem Künstlerhaus in losem Kontakt, andere proben direkt dort. Nur wenige arbeiten so eng verzahnt mit Dramaturgie und Produktion zusammen wie bei den üblichen Künstlerresidenzen, die das Haus vorhält.

Viel Arbeit und ein Trumpf zugleich

Dennoch hat der Mousonturm im Lockdown mit unabsehbarem Ende viel Arbeit und einen Trumpf zugleich: Er konnte sich aussuchen, mit welchen der „#Take Care“-Künstlern in den nächsten Monaten kooperiert wird. Die Listen auf der Internetseite des Fonds Darstellende Künste weisen viele in der Region ansässige Namen auf, Performerinnen, Kindertheatergruppen, Choreographinnen sind darunter. „Viele kommen aus Frankfurt, aber wir können auch die Chance nutzen, auch mit Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten, an denen wir schon Interesse hatten und die nun eine bezahlte Gelegenheit haben, uns kennenzulernen und Kontakte für künftige Projekte herzustellen“, so Pees.
Wobei das nicht heißt, dass dann Hunderte von Performances fertig sind. Etliche aber schon, darunter werden auch viele bekannte Namen des Mousonturm-Repertoires wiederkehren. Denn auch hiesige Künstler wie das Choreographenduo Billinger & Schulz, andpartnersincrime oder viele andere, die dem Mousonturm seit Jahren verbunden sind, müssen das Beste aus den Streichungen und Verschiebungen der Pandemie machen und versuchen, umzudisponieren. Die Stadt als Fördergeberin sei „sehr flexibel damit umgegangen“, sagt Pees, nun gäben etwa Residenzen oder Recherchephasen eine „tolle Möglichkeit zu improvisieren“.
Für den Mousonturm, der seit September ein an die Pandemie-Lage angepasstes Lehm-Innengebäude hat, laut Pees das „schönste Coronatheater der Stadt“, ist die Lage zwar nicht weniger misslich als für andere: „Aber wenn wieder gespielt werden kann, sind wir sofort dabei.“ Wobei das auch jetzt schon geschieht – denn ganz verwaist ist die 360-Grad-Spielfläche nicht.

„Das schönste Corona-Theater der Stadt“


Die Struktur des Hauses, das als städtische Gesellschaft mit freischaffenden Künstlern und kreativen Gewerken arbeitet, hat sich als besondere Verantwortung in der Pandemie herausgestellt: „Von uns hängen sehr viele Freischaffende ab. Wenn wir nicht produzieren, fließt kein Geld“, so Pees. Weshalb der Mousonturm einerseits so viele der Fonds-geförderten Künstler und Gruppen aufnimmt – und andererseits in den nächsten Wochen auch zahlreiche digitale Premieren veranstaltet. „Für die Bezahlung der Künstler ist das gleich, für uns ist die Produktion sogar etwas teurer“, sagt Pees: „Denn wir wollen es ja besonders gut machen.“ Der technische Aufwand der digitalen Premieren lohne sich aber, weil statt einer analogen Vorstellungsserie sogenannte Replays, Aufzeichnungen der Liveaufführungen, an den Folgeabenden angeboten werden. Denn das ist eine der Erfahrungen, die Pees und sein Team nun gemacht haben: Eine Mediathek – die es auch gibt – ist für das Publikum nicht so attraktiv wie eine virtuelle Zusammenkunft zu einer bestimmten Uhrzeit, für die man ein Ticket kaufen muss. Als nun Fabrice Mazliahs „Telling Stories“ online Premiere hatte, war sie gut besucht, auch im Vergleich zur Online-Müdigkeit des Publikums im zweiten Lockdown, die viele andere Theater mittlerweile feststellen. „Das, was derzeit digital gezeigt wird, kommt aus Projekten, die eigentlich als Vorstellungen am Haus gezeigt werden sollten“, sagt Pees. Mit jedem Künstlerkollektiv oder Einzelkünstler sei besprochen worden, wie das verabredete Projekt stattfinden könnte: Einige haben ihre Produktionsphase verschoben, wieder andere sahen in einer digitalen Version auch eine Chance. Das sei auch bei den sogenannten Showings einiger Residenzen von „#Take Care“ so.
„In fast allen Fällen hat es dadurch starke Veränderungen des ursprünglichen Projekts gegeben“, sagt Pees. „Aber so ist aus geplanten Projekten, die nicht oder nicht wieder verschoben werden sollten, etwas Neues entstanden.“ Der Schritt zum Online-Programm ermöglicht dem Mousonturm nicht nur, den ganzen Januar über ein Digitalprogramm mit neuen Produktionen zu zeigen: „Das Winterquartal füllt sich, so dass es bis Ostern Programm geben könnte. Aber es bindet auch unsere Ressourcen und vieles ist derzeit unabsehbar.“

Digitale Premieren gehen gut


Allein vier Produktionen gehen noch bis Ende Januar an den Start – alles Premieren, die sonst als analoge Performances stattgefunden hätten. Swoosh Lieus „A Room Of Our Own“ etwa ist wegen Corona schon zweimal verschoben worden. Jetzt hat das Künstlerinnenkollektiv daraus einen eigenständigen Film gemacht. Susanne Zaun und Marion Schneider wiederum, die jetzt ein neues Chorstück gezeigt hätten, entwickeln daraus ein dreistündiges digitales Format. Und auch Hanna Steinmairs Performance „Rage. A Tennis Western“ war schon mehrfach disponiert und wegen der Schließungen verschoben worden. Nun werden die Performerinnen Joana Tischkau und Maria Sendlhofer ihre Bälle und ihre Wut digital dem Publikum entgegenschmettern. Die Premiere von „Rage“ findet am 17. Januar um 18 Uhr im Digitalen Mousonturm statt, weitere Vorstellungen bis 21. Januar jeweils um 20 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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