Hip-Hop aus Offenbach

Rappen ohne Protzen

Von Alexander Jürgs
Aktualisiert am 23.09.2020
 - 18:22
Bis heute beste Kumpels: Nelson M. Brandt alias Nepumuk hat vom Vater musikalisch gelernt
Als Nepumuk zeigt Nelson M. Brandt, dass Hip-Hop sehr gut ohne den Klamauk drumherum auskommen kann. Statt auf Gangsta-Rap setzt der Musiker auf Soul, Funk und Jazz.

Die Geschichte der Popmusik und der eng mit ihr verbundenen Subkulturen wird meistens so erzählt: Weil die jüngere Generation sich von der älteren abgrenzt, weil sie mit den Konventionen, der Spießigkeit, der Routine brechen will, sucht sie das Neue. Der Mief der fünfziger Jahre wird mit dem Hüftschwung des Rock ’n’ Roll hinweggefegt, Punk schlägt den Geist der Hippies, Hip-Hop fegt die Gitarrenmusik davon. Pop gilt als lautkrachender Bruch mit der Elterngeneration.

Bei Nelson M. Brandt war das anders. „Meine Eltern haben mich zum Hip-Hop gebracht“, erzählt der in Offenbach lebende Musiker, der sich als Rapper Nepumuk und als Beat-Produzent Knowsum nennt. Durch Vater und Mutter hat er Musiker wie Jazzmatazz oder Madlib überhaupt erst kennengelernt. Vor allem sein Vater, der bis heute in einer Funkband spielt und in Mainz ein Geschäft für Musikinstrumente betreibt, war es, der in ihm die Begeisterung für das Genre entfacht hat. Von Rebellion gegen die Älteren will der 28 Jahre alte Musiker deshalb nichts wissen. „Meine Eltern sind bis heute meine besten Kumpels“, sagt er.

Um die Ecke gedacht

Von dem Klischeebild des deutschen Gangsta-Rappers, der die Mütter anderer Söhne beleidigt und mit Potenz und Statussymbolen protzt, ist Brandt jedenfalls so weit wie möglich entfernt. Und auch seine Musik hat mit der Sorte Rap, die in Deutschland im Moment den Ton angibt, nicht viel gemein. Anfang August hat er unter seinem Pseudonym Nepumuk ein neues Album veröffentlicht, das man als großen Wurf bezeichnen darf, dessen Stücke es ins Chart-Radio aber mit großer Sicherheit nicht schaffen werden.

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„Ad Absurdum“ ist sehr tiefenentspannt und groovend, die Menge an Samples aus alten Jazz-, Soul- und Funk-Stücken ist groß, die Texte sind hintersinnig, oft um die Ecke gedacht und auch komisch. Vor einer Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen schreckt Brandt nie zurück. Den warmen Sound der Stücke bringt der Rapper mit seinem stakkatohaften Gesang ins Schwingen. Erschienen ist das Album, wie alle seine Produktionen, auf dem Mainzer Label Sichtexot.

Bloß kein Mainstream

„Im deutschen Hip-Hop stehen wir mit unserem Label weit ab vom Schuss“, sagt Brandt, der einen bunten Strickpullover und Stonewashed-Jeans trägt, beim Gespräch in einer italienischen Kaffeebar im Offenbacher Mathildenviertel. Von dort ist es nicht weit bis zur Hochschule für Gestaltung, wo er seit 2016 Freie Kunst studiert. Nach Offenbach ist Brandt aus Mainz gezogen. „Sichtexot ist als Freundeskreis entstanden, wir haben uns auf einem Rap-Contest kennengelernt, erst mit den Jahren ist das Label gewachsen.“ Alternativ, Underground, bloß kein Mainstream: Das sind Begriffe, die fallen, wenn er beschreibt, was die Gemeinsamkeiten der Sichtexot-Musiker sind.

„Bei uns muss sich niemand glätten, um erfolgreich zu sein, bei uns muss keiner über Frauen, Autos und Techno rappen“, sagt Brandt. Dafür nimmt das Label auch viel Nichtbeachtung in Kauf. „Von den klassischen Rap-Medien werden wir nicht wahrgenommen.“

Nach Herkunft gelöchert

Eines der stärksten Stücke auf „Ad Absurdum“ heißt „In Farbe“. Brandt beschreibt darin, wie auch er immer wieder nach seiner Herkunft gelöchert wird, wie die Leute nicht nachlassen, bis er dann doch offenbart, woher seine Mutter nach Deutschland eingewandert ist (fürs Protokoll: aus Großbritannien). „Untermalt vom Rauschen der Platte treibe ich es bunt und übersehe Hautfarben, für mich seid ihr nicht weiß, sondern Mensch“, rappt er in dem Stück zu satten Beats und Jazz-Sounds.

Brandt sagt, dass sich gerade viel tut, dass die Black-Lives-Matter-Bewegung einiges in Frage stellt, viele Diskussionen in Gang bringt. Die dort oft propagierte Betonung der Hautfarbe, um Diskriminierung deutlich zu machen, ist seine Sache jedoch nicht. Der Blick auf die Vielfalt sei wichtig, aber er wolle lieber davon sprechen, was die Menschen verbindet. „Dass ich so gerne in Offenbach lebe, hat auch damit zu tun, dass diese Stadt solch ein Melting Pot mit Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen ist“, sagt der etwas andere Rapper.

Noch mehr Funk in sich tragen

Wie alle anderen live auftretenden Musiker hat die Corona-Krise auch Brandt von einem auf den anderen Tag zum Nichtstun verdonnert. Finanziell hat ihm das zugesetzt, doch allzu laut jammern will er trotzdem nicht. „Mal wieder durchatmen können, mal einen Gang herunterschalten, das hat auch gutgetan“, sagt er. „Wie sehr ich die Live-Auftritte vermisst habe, ist mir dann erst bewusst geworden, als ich zum ersten Mal wieder auf der Bühne stand.“ Mitte August war das, beim Edelweißpiratenfestival in Köln, das an die unangepassten, jugendlichen Widerständler gegen die Hitlerjugend und das nationalsozialistische Regime erinnert.

Im Oktober wird Brandt für die Frankfurter Off-Galerie Saasfee Pavillon eine Klanginstallation schaffen. Dafür arbeitet er mit Christian Komaromi zusammen, der wie er an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert und einige Animationen zu der Installation beisteuern wird. Neue Stücke, die mehr in die Singer-Songwriter-Richtung gehen, will er auch bald veröffentlichen. Und an Tracks arbeiten, die noch mehr Funk in sich tragen, bei denen er mehr singt als rappt. „So ein bisschen wie Hildegard Knef“, sagt Brandt.

Grenzen überschreiten, Neues wagen: Das ist es, was den Rapper reizt. Der deutsche Hip-Hop bräuchte mehr Menschen wie ihn.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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