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Rassismus und Kunst

Sie haben keine Angst mehr

Von Alexander Jürgs
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 19:30
Zeigt ihre Modesammlung an ausnahmslos schwarzen Schaufensterpuppen: Mode-Bloggerin Michelle Elie
Was Ausgrenzung anrichtet und warum sie so beharrlich fortlebt, beschäftigt auch die Künstler. Sowohl das Frankfurter MMK als auch das MAK zeigen in aktuellen Ausstellungen, wie Sklaverei und Kolonialismus weiter wirken.

Man sieht in grobkörnigen, verwackelten Bildern eine Reihe Polizisten in ihren blauen Uniformen aufmarschieren und die Knüppel ziehen. Man sieht eine andere Gruppe, vier Beamte, die einen Schwarzen wegtragen, an ihm zerren. Und man sieht die Demonstranten, die Steine aufklauben und sie in Richtung der Polizisten schleudern, erblickt die stolzen Männer, die ihre Reggae-Platten spielen, das meterhohe Soundsystem auf der Straße. Sie stammen aus den siebziger und achtziger Jahren, diese Filmaufnahmen, die einen sofort an die Proteste, die gerade an allen Ecken der Welt aufgeflammt sind, denken lassen. Gedreht wurden die Aufnahmen beim Londoner Notting Hill Carnival, einem Fest der dort lebenden schwarzen Community. Zu einer Videoinstallation zusammengefügt hat die Bilder der britische Künstler Isaac Julien. Im Rahmen einer Retrospektive des karibischen Künstlers Frank Walter ist die Installation derzeit und noch bis 15. November im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) zu sehen.

Wohl noch nie gab es einen dermaßen weltumspannenden Protest gegen die Ausgrenzung von Schwarzen wie nach der brutalen Ermordung des Afroamerikaners George Floyd. „I can’t breathe“, „Ich kann nicht atmen“, hatte der Mann immer wieder gerufen, doch der Polizist, der ihn festgenommen hatte, hörte nicht auf, sein Knie auf Floyds Hals zu pressen, bis dieser starb. Die Wut und die Empörung darüber sind groß, Millionen Menschen demonstrieren gegen Polizeigewalt und Rassismus, das Thema ist omnipräsent – und doch kein neues. Auch nicht in der Kunst: Dort spielt die Auseinandersetzung mit rassistischen Denkmustern, aber auch die Beschäftigung mit den Bewegungen, die sich dagegenstemmen, schon lange eine wichtige Rolle.

Kaum versteckter, aktivistischer Charakter

Was Rassismus anrichtet, wie Sklaverei und Kolonialismus weiter wirken, das wird in der MMK-Ausstellung gleich in einer ganzen Reihe jüngerer Kunstwerke beschrieben. Eigentlich sollen die Arbeiten eine Verbindung herstellen zwischen dem bislang kaum bekannten, ausufernden Werk des 2009 verstorbenen Künstlers Frank Walter und der Gegenwart, nun wirken sie wie ein Kommentar zu den Protesten der „Black Lives Matter“- Bewegung. Das hat auch mit ihrem kaum versteckten, aktivistischen Charakter zu tun. Dass die ausgestellten Künstler sich einmischen wollen, ist unübersehbar.

Von dem britischen Künstler, Autor und Regisseur John Akomfrah, einem der Gründer des linken Black Audio Film Collective, wird eine Videoinstallation gezeigt, die auf drei nebeneinander plazierten Leinwänden vom Leben des schwarzen Intellektuellen Stuart Hall, einem der Vordenker der Cultural Studies, erzählt. Hall, der in Jamaika aufwuchs, bevor er als Student nach Großbritannien kam, war einer der Ersten, der darauf hinwies, welche Kraft die Kultur entwickeln kann, wenn es darum geht, Gesellschaften zu verändern. Akomfrah lässt in seiner Hommage an Hall Jazz erklingen, zeigt Ausschnitte von Fernsehauftritten Halls und vermischt die Bilder von Demonstrationen mit tristen Stadtlandschaften im Verfall.

Nicht zum Tanz aufgefordert

Viel spartanischer, aber nicht weniger eindringlich ist die Videoarbeit „Free, White and 21“ der amerikanischen Künstlerin Howardena Pindell, die 1980 entstand. Darin berichtet sie, das Gesicht starr in die Kamera gerichtet, von rassistischen Anfeindungen, von Demütigungen in Kindergarten und Schule, davon, wie es ist, als einzige Schwarze auf einer Hochzeit nicht zum Tanz aufgefordert oder wegen der Hautfarbe nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Weiß geschminkt, mit einer phosphorblonden Perücke auf dem Kopf, spielt Pindell ihr nichtschwarzes Gegenüber gleich mit: Sie solle nicht so undankbar sein, nicht so jammern, entgegnet sie sich in dieser Rolle selbst. So verkörpert sie eine Haltung, über die viele Schwarze auch jetzt wieder klagen: dass Menschen, die mit ihnen nicht die Hautfarbe teilen, meinen, ihre Sorgen wären übertreiben. So schlimm wird es mit dem Rassismus ja wohl nicht sein: Solche Belehrungen wollen sie nicht mehr hören.

Auf der anderen Seite des Mains, im Museum Angewandte Kunst, läuft derzeit und noch bis 1. November die Ausstellung „Life doesn’t frighten me“. In ihr geht es um die Mode der japanischen Designerin Rei Kawakubo, die mit ihrem Label Comme des Garçons die Modewelt revolutionierte. Doch weil die bunten, schrägen, voluminösen Kleider, die in der Schau ausgestellt sind, aus der Sammlung der schwarzen, in Köln lebenden Mode-Bloggerin Michelle Elie stammen, hat auch diese Ausstellung Aussagekraft darüber, wie Schwarze in der Gegenwart gesehen – oder eben übersehen – werden. Das fängt mit den Schaufensterpuppen, an denen die Stücke aus Elies Sammlung hängen, an, die ausnahmslos schwarz sind. Elie und die Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka haben sich bewusst dafür entschieden, wollen damit zeigen, dass schwarze Menschen sowohl im Kulturbetrieb wie auch in der Modewelt noch immer unterrepräsentiert sind.

Auch in der Schau über Michelle Elies Modesammlung gibt es Filme. Einer mit dem Titel „Sitting in a Cloud“ zeigt die Bloggerin, die sich für den Besuch einer Modeschau während der Pariser „Fashion Week“ zurecht macht. Elie, die früher selbst als Model arbeitete, berichtet regelmäßig von den wichtigen Schauen der Modewelt, gehört zu den Privilegierten, denen ein Platz in der ersten Reihe reserviert wird. Das Kleid, dass sie sich überzieht, besteht aus weißen Stoff-Kugeln, erscheint wie ein Klumpen aus Wolken, ist exzentrisch und alles andere als alltagstauglich. Auf dem Weg zur Modenschau bleiben die Menschen stehen, schauen irritiert oder begeistert, fotografieren Elie und ihren Look.

Das Kleid sorgt für das, was schwarzen Menschen sonst noch immer allzu häufig fehlt: Sichtbarkeit. Man braucht Mut, darf nicht ängstlich sein, um diese Mode zu tragen, sagt Michelle Elie. Und genauso braucht es Mut, um die Welt zu verändern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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