Rothschild-Palais in Frankfurt

Pracht und Geschichte

Von Hans Riebsamen
20.10.2020
, 10:50
Das Rothschild-Palais in Frankfurt ist selbst ein Objekt – es erzählt vom jüdischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts bis zu den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Wenig ist vom alten Frankfurt nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg übrig geblieben. Die berühmte Altstadt war fast vollständig zerstört. Viele Stadtvillen, Geschäftshäuser und Kulturbauten der im 19. Jahrhundert erbauten neuen Bürgerstadt lagen in Trümmern. Das Rothschild-Palais, das seit 1988 das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt beherbergt, zählte zu den wenigen erhaltenen repräsentativen Häusern.

Tatsächlich besteht dieser Altbau, in dem die neue Dauerausstellung gezeigt wird und in dessen oberem Stockwerk die Museumsverwaltung ihre Büros bezogen hat, aus zwei Häusern, den Gebäuden Untermainkai 14 und 15. Erbaut hat sie der damalige Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess, der mit der Alten Stadtbibliothek oder dem Turm der Paulskirche weitere bedeutende architektonische Akzente in der damals noch Freien Reichsstadt gesetzt hatte.

Hess errichtete zwischen 1819 und 1821 auf eigene Rechnung auf dem Gelände der abgebrochenen Schneidwallbastion das Wohnhaus Untermainkai 14, dessen erstes Stockwerk er selbst mit seiner Familie zwei Jahre lang bewohnte. Dann verkaufte er das Gebäude an den Staatsrat Simon Moritz von Bethmann. Auf dem Nachbargrundstück baute er zudem für den aus einer alten jüdischen Familie stammenden Bankier Joseph Isaak Speyer im Stil der italienischen Renaissance ein Wohngebäude. In dieses reich ausgestattete Haus zog nach Speyers Tod 1843 der aus dem Neapolitaner Zweig der Familie stammende Mayer Carl von Rothschild mit seiner frischvermählten Frau Louise.

Museum seit Ende des 19. Jahrhunderts

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieses Rothschild-Palais erstmals als eine Art Museum genutzt. An prachtvollen Ausstellungsstücken mangelte es nicht, denn Mayer Carl von Rothschild war ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber, der neben Büchern die zu jener Zeit weltweit bedeutendste Kunstgewerbesammlung zusammengetragen hatte. Nach seinem Tod 1886 beschlossen seine Witwe und seine Tochter Hannah Louise, die kostbaren Goldschmiedearbeiten aus seinem Besitz im Erdgeschoss des Palais öffentlich auszustellen. Die Büchersammlung des Verstorbenen nutzte die Tochter als Grundstock für die von ihr gegründete Freiherrlich Carl von Rothschild’sche Bibliothek, eine öffentliche Freibibliothek nach englischem Vorbild, vorerst untergebracht im Haus Bethmannstraße 1.

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Nachdem Hannah Louise 1888 und ihre Mutter ein Jahr später verstorben waren, wurde das öffentliche Museum im Rothschild-Palais geschlossen. Des Gebäudes nahmen sich zwei in England beziehungsweise Frankreich verheiratete Töchter von Mayer Carl und Louise an, sie ließen es grundlegend umbauen und die Rothschild’sche Bibliothek 1895 dorthin überführen. Sie war, wie Michael Lenarz, einer der stellvertretenden Direktoren des Jüdischen Museums, erläutert, nach den damals modernsten Prinzipien eingerichtet, zum Beispiel mit einem großen Lesesaal und zwei kleineren Lesezimmern. Schon bald reichte der Platz für die stetig wachsenden Bestände an Werken zu Sprachwissenschaft, Volkskunde, Musik, Theaterwissenschaften und Literatur zur Familie Rothschild nicht mehr aus, weshalb die Töchter 1906 das Nachbargebäude erwarben und mit den neuen Räumen die Bibliothek vergrößerten.

Bibliothek musste wegen Geldmangels aufgelöst werden

Der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg konnte wie viele andere Einrichtungen auch die von den Rothschild-Töchtern gegründete Bibliotheks-Stiftung nicht trotzen; sie musste wegen Geldmangels 1927 aufgelöst werden. Am 1. April 1928 übernahm stattdessen die Stadt Frankfurt die Rothschild’sche Bibliothek, die nun als eine Abteilung der Stadtbibliothek geführt wurde, aber ihren alten Namen behielt. Das ging gut bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, dann ließ der neue Bibliotheksdirektor, ein überzeugter Parteigenosse, die Institution in „Bibliothek für neuere Sprachen und Musik“ umbenennen. Der in Klammer gesetzte Namenszusatz „Freiherrlich Carl von Rothschild’sche Bibliothek“ wurde zwei Jahre später getilgt und die im Erdgeschoss angebrachte Stiftertafel beseitigt. Zum Glück wurden während des Krieges die kostbaren Bestände rechtzeitig nach Oberfranken ausgelagert.

Zwischen Juli 1945 und August 1946 nutzte die amerikanische Militärregierung die nur leicht beschädigten Gebäude der Rothschild’schen Bibliothek als „Collecting Point“. Das war eine Sammelstelle für jene Bücherbestände, die das Amt Rosenberg für Kulturpolitik und Überwachung im NS-Staat während des Krieges in ganz Europa für das Frankfurter „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ zusammengeraubt hatte. Später kam die Verwaltung der neu gegründeten Frankfurter Gesamtbibliothek dort unter, die alle geretteten Bestände der wissenschaftlichen Bibliotheken vereinte, bis die neue Bibliothek in Bockenheim erbaut war.

Das Palais wurde 1967 von der Stadt umgebaut und diente bis 1972 als Dependance des Historischen Museums. Nach dessen Umzug in den Neubau an der Saalgasse nutzte Marieluise Ritter die Häuser als Spielstätte für ihr „Frankfurter Figurentheater“. Sie musste weichen, nachdem die Stadtverordnetenversammlung 1980 beschlossen hatte, das Rothschild-Palais nach den Plänen des Architekten Ante Josip von Kostelac zum Domizil eines zu gründenden Jüdischen Museums umbauen zu lassen. Am 9. November 1988 eröffnete es der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Gute drei Jahrzehnte später glänzt das grundrestaurierte Rothschild-Palais – mit neuer Dauerausstellung und modernen Räumlichkeiten.

Quelle: F.A.Z.
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