Staatstheater Darmstadt

Im Wald von Trautheim

Von Christoph Schütte
Aktualisiert am 06.07.2020
 - 19:02
Verwunschener Vergnügungspark: Ein hessischer „Sommernachtsstraum“ in Darmstadt
Das Staatstheater in Darmstadt bringt einen hessischen „Sommernachtstraum“ auf die große Terrasse. Mit Dialekt und Selbstironie wird aus Shakespeares Klassiker ein verwunschener Vergnügungspark.

Der Herzog von Athen? Gestrichen. Die Amazonenkönigin? Gestrichen. Die Hochzeit? Findet ohne Theseus und Hippolyta und mithin mangels Brautpaar schlicht nicht statt. Und selbst Athen ist weit, weit weg. Junge, Junge, mag man sich nach einer Viertelstunde denken, was wohl würde Shakespeare dazu sagen? Zu alldem Gebabbel statt der Verse, zur, nun ja, ein wenig anderen, der Hessischen Spielgemeinschaft gleichsam auf den Ensemble-Leib geschriebenen Rahmenhandlung. Und nicht zuletzt zu diesem abgerockten und zugleich seltsam verwunschenen Freizeitpark, in den Pascal Seibicke die große Terrasse des Staatstheaters Darmstadt verwandelt hat.

Und doch, der Kern dieses von dem aus Darmstadt stammenden Dramatiker David Gieselmann ins Hessische übertragenen „Sommernachtstraums“, der nun wegen der Corona-Maßnahmen vor genau 105, meist paarweise gruppierten Zuschauern Premiere hatte, bleibt von den radikalen Schnitten erst einmal unberührt. Auch im Wald von Trautheim, wo Elfenkönig Oberon mit Puck und seinen Liebestropfen ein wenig Schicksal spielen möchte, wollen Hermia und Lysander, Demetrius und Helena im Wald nicht glücklich zueinanderfinden. Der Zauber macht im Gegenteil erst einmal alles schlimmer. Und, wo es die Schauspieler beherrschen, hübsch südhessisch gern auch ein wenig derber.

„Lysander, du bleeder Drecksack“, lässt Regisseur Ulf Goerke hier Sandra Russo als von Eifersucht geplagte Hermia keifen, derweil Titania (Sandra Fleckenstein) den Weber Zettel (Sophia Carnier) mit Handkäs, Musik, Äppelwoi becirct und die einsam schöne Helena (Petra Schlesinger) Lysanders Liebeswerben nicht recht traut: „Horchema, veräppele kann ich mich selber.“ Der Clou der Inszenierung aber, das Spiel im Spiel der Handwerker durch ein Proben-Spiel der Hessischen Spielgemeinschaft für das traditionelle Sommertheater zu ersetzen, deren Schauspieler sich hier gleichsam selbst darstellen, er geht am Ende nicht recht auf. Dabei scheint die Idee durchaus naheliegend. Denn nicht nur füllen Gieselmann und Goerke damit die durch die Kürzungen klaffende Lücke. Ohne die – gestrichene – Hochzeit von Theseus und Hippolyta schließlich keine Party, kein Laienspiel der Handwerker zu ihren Ehren, kein Zettel auch, kein Esel und kein Traum. Und also auch kein glückliches Erwachen.

Dialekt und Selbstironie

Vor allem ist das seit 95 Jahren für das Darmstädter Mundarttheater und insbesondere für die Inszenierung von Ernst Niebergalls „Datterich“ zuständige Ensemble auf der Stück und Szene gewordenen Probe, im Dialekt auch statt auf Hochdeutsch oder gar in Versen endlich ganz bei sich. Kann sich das Theater hübsch selbstironisch echauffieren über „moderne Ferz“, über Regietheater und Geschlechtertausch und sich überdies als „Wand“, als Thisbe, Löwe oder großer, voller, stiller Mond über das eigene Chargieren ganz köstlich amüsieren.

Allein, der Statik dieses auf äußerst knappe 90 Minuten eingedampften „Sommernachtstraums“ tun all die Streichungen nicht wirklich gut. Nicht nur mag man sich über die Flucht Hermias und Lysanders in den Wald bei Trautheim wundern; gibt es doch, anders als bei Shakespeare, für ihr heimliches Verschwinden keinen guten Grund. Vor allem erscheinen die verschiedenen Ebenen, all die Liebeswirren, Gemeinheiten und Zänkereien, erscheinen Traum und Laienspiel und Elfenreich, welche die Inszenierung hier zusammenführt, statt als Traumspiel und Komödie unterschiedslos als Klamotte angelegt.

Shakespeare, mag man angesichts von derlei fröhlich derbem Volkstheater denken, hätte da womöglich durchaus seinen Spaß gehabt. Und doch hofft man, nach Shakespeare, nach „Pension Schöller“ und Zuckmayers „Fröhlichem Weinberg“ in den vergangenen Jahren auf eine Neuauflage dessen, was die Spielgemeinschaft seit jeher allemal am besten kann: endlich, nach David Gieselmanns Inszenierung vor fünf Jahren, wieder einen neuen „Datterich“.

Ein hessischer Sommernachtstraum

Vorstellungen an diesem Montagabend sowie am 7., 9. und 11. Juli, Wiederaufnahme am 22. August. Beginn ist jeweils um 20 Uhr auf der Foyerterrasse des Staatstheaters Darmstadt.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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