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Staatstheater Darmstadt

Zukunftsvisionen in der rosa Hüpfburg

Von Matthias Bischoff
 - 19:41
Wir werden mutig gewesen sein: Jessica Higgins (vorne), Karin Klein am Staatstheater Darmstadt

Am Anfang dieser Uraufführung im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt steht die unhinterfragte Tatsachenbehauptung, dass die Krise unserer Gegenwart so überwältigend groß sei, dass Reformen nicht mehr ausreichen, der allumfassenden Katastrophe zu entkommen: Klimawandel, Turbokapitalismus, Verarmung weiter Teile der Weltbevölkerung, Ungerechtigkeiten und wachsende Ungleichheiten, wohin das Auge nur sieht – das ist hier Konsens. Die locker aneinandergereihten „Szenen einer guten Zukunft“, so der Untertitel, die Sandra Strunz und Dramaturg Maximilian Löwenstein gemeinsam mit dem Schauspielensemble erarbeitet haben, verstehen sich als Sprengkapseln, die verkrustetes Denken aufbrechen und Alternativen erkennbar machen sollen.

Ursprünglich hatte Strunz am Auftragswerk „Nur das Beste!“ von Dirk Laucke gearbeitet, in dem es um die aktuelle Wohnungsnot gehen sollte. Vor einigen Wochen meldete das Theater, dass das Projekt zurückgezogen werde, das Produktionsteam blieb beisammen und widmete sich fortan den ganz großen Fragen. Das Futur zwei im Titel deutet bereits den zentralen Gedanken an: Es geht um einen zugleich aus dem Heute in die Zukunft, aber auch von dort zurück in unsere Gegenwart gerichteten Blick. Die gesprochenen, immer wieder auch gesungenen Texte stammen von populären Kritikern der westlichen Gesellschaften, darunter Yuval Noah Harari, Richard David Precht und Theodor W. Adorno sowie Donna J. Haraway, deren auf Überwindung des anthropozentrischen Weltbilds zielende Texte besonders breiten Raum einnehmen.

Das bunte Jahrmarktstreiben

Angesichts des behaupteten Ernstes der Lage überrascht es, dass der Grundton der Inszenierung ironisch ist. Auch das bunte Jahrmarktstreiben auf der Drehbühne mit einer rosa Hüpfburg in Drachenform, einem Windrad, einem roten Sofa und übergroßen goldenen Blüten (Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt) konterkariert die alarmistischen Aussagen der Texte und gibt zumindest den Augen viel Futter. Ohnehin ist dauernd etwas los, Purzelbäume, kleine akrobatische Einlagen und viel Gesang (Musik: Karsten und Rainer Süßmilch) bieten über neunzig Minuten revueartige Unterhaltung.

Fast scheint es, als sei dem Team während der Stückerarbeitung klargeworden, dass das Pathos all der Pamphlete und Visionen, der Anklagen und Prophezeiungen nur durch dauernde Kontrapunktierung halbwegs erträglich wird. Alle Positionen werden irgendwie augenzwinkernd relativiert, umso leichter lässt es sich am Ende frenetisch applaudieren: Vieles, was da auf der Bühne formuliert wurde, könnte man mit gutem Gefühl unterschreiben, denn nichts tut weh, alles bleibt harm- und folgenlos.

Uniform mit beiger Bügelfaltenhose

Auch gegen Kritik dieser Art hat sich die Performance schlau immunisiert. Gleich zu Beginn, nachdem das Ensemble ausgerechnet Michael Jacksons „We are the world“ geschmettert hat, gibt Hubert Schlemmer bekannt, dass er bei Projekten dieser Art nicht mehr mitmachen möchte. Das sei nicht das Theater, für das er als Schauspieler zur Verfügung stehe, er wolle Geschichten und Figuren, keine Belehrung und irgendwelche Stücke, in denen einer sich nackt auszieht und auf den Kapitalismus schimpft. Dem möchte man nur allzu gerne zustimmen.

Aber da die Inszenierung Schlemmer in eine Spießer-Uniform mit beiger Bügelfaltenhose und grauem Pullunder gesteckt hat, begreift man schnell, dass solche Meinungen nur alte weiße Männer haben, die hoffnungslos aus der Zeit gefallen sind. Zu denen möchte man aber auf gar keinen Fall gehören und spendet den schauspielerisch unterforderten Akteuren daher brav Beifall.

Nächste Aufführungen am 6. und 11. April um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt

Quelle: F.A.Z.
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