Staatstheater Wiesbaden

Nah an Loriot

Von Matthias Bischoff
15.09.2020
, 14:44
Maskerade: Sibylle Weiser und Tom Gerber spielen Marianne und Johan
Zeitlos und schmerzhaft: Ingo Kerkhof inszeniert „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman am Staatstheater Wiesbaden. Übergroße Marionettenköpfe und Loriot ähnelnde Ehealltagssketche prägen die eindringliche Inszenierung.
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Für Jüngere ist es schwer vorstellbar, dass vor fünfzig Jahren Menschen zu Millionen dasselbe Fernsehprogramm sahen und hinterher in Familien, Büros, Schulen ausführlich darüber sprachen. Der 1973 entstandene schwedische Fernsehmehrteiler „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman war in ganz Europa ein solcher „Straßenfeger“ und traf mit seiner Problematisierung der bürgerlichen Institution Ehe offenbar den Zeitgeist. Doch ist nichts falscher, als den Film und das von Bergman selbst daraus destillierte Bühnenstück als zeitgebunden abzutun. Ingo Kerkhofs Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden ist für seine Zeitlosigkeit der schlagende Beweis, auch wenn ein paar Requisiten wie ein grünes Wahlscheibentelefon und ein Toaster in Orange mit den siebziger Jahren liebäugeln.

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Mochte man damals noch glauben, mit der Emanzipation der Frau und einer von religiösen und gesellschaftlichen Zwängen befreiten Sexualität würden sich die Probleme der Zweierbeziehung in Wohlgefallen auflösen, weiß man heute, dass Liebe, ob mit oder ohne Trauschein, ob homo- oder heterosexuell ohne Schmerz, ohne Abnutzungserscheinungen und oft ohne trauriges Ende kaum lebbar ist. Um die Abnutzung geht es bei Bergman vor allem, sie vollzieht sich heute genau wie 1975, und ähnlich wie seinerzeit Millionen fragt man sich immer wieder, was Menschen dazu bringt, sich gegenseitig so zu quälen, zu vernichten oder auch nur zu langweilen, wo man doch vorgeblich Liebe empfindet.

Lachen erlaubt

Kerkhofs Inszenierung vor einer schlichten weißen Wand (Bühne Dirk Becker) beginnt und endet mit einer gelungenen, wenngleich auch in ihrer Wirkabsicht ein wenig rätselhaft bleibenden Irritation. Das junge wie das ganz alte Paar spricht mit übergroßen Marionettenköpfen (Masken und Puppen Rita Hausmann) zu uns, keine Mimik wird in den starren Gesichtszügen sichtbar. Der Effekt ist eine überdeutliche Typisierung, eine Distanzierung auch vom individuellen Schicksal, denn alles, was hier in etwas mehr als zweieinhalb Stunden inklusive Pause vorgeführt wird, ist erbarmungslos typisch. So wird im Kleinen Haus in Wiesbaden treffend genau an den Stellen gelacht, an denen das Publikum sich – oder den Partner – wiedererkennt.

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Und es darf immer wieder mal gelacht werden, denn Kerkhof hat Bergmans Drama das Bleierne, das Langatmige der immer um die gleichen Dinge sich drehenden Paar-Dialoge ausgetrieben, so dass bisweilen fast sogar die Grenze zu Loriots Ehealltagssketchen gestreift wird. Dabei spielen Sybille Weiser als Marianne und Tom Gerber als Johan mit größter Leidenschaft und auf angenehme Weise altmodisch sich mit der Rolle identifizierend, für die Distanz sind die Puppenköpfe da. Dabei gehören die Sympathien wahrscheinlich der meisten Zuschauer der Frau. Nicht nur weil sie die Verlassene ist, als Johan ihr eröffnet, dass er sich in eine junge Studentin verliebt hat. Sondern auch weil sie einen gelingenden Emanzipationsprozess durchläuft und sich von der anfangs von Konventionen und Familienansprüchen fremdbestimmten Mutter zu einer sich beruflich und in Liebesdingen durchsetzenden, die eigenen Bedürfnisse nicht länger verleugnenden Frau entwickelt.

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Eindringliche Inszenierung mit kleiner Schwachstelle

Mit Johans Leben geht es in der Szenenfolge, die sich über einige Jahre erstreckt, schrittweise bergab. War er zu Beginn noch der erfolgreiche Professor, voller Neugier und vielseitigen Interessen, lebensfroh und impulsiv, ist nach den Jahren der Trennung und der nicht glückenden neuen Beziehung ein griesgrämiges Wrack aus ihm geworden, selbstmitleidig und ganz offensichtlich verloren ohne Mariannes Liebe und Lebenstüchtigkeit. Dass sie es am Ende ist, die nun auch offiziell auf Scheidung besteht und befreit in die Zukunft gehen will, ist der sinnfälligste Beleg für diese Umkehrung der anfänglichen Konstellationen. Was sie allerdings nicht daran hindert, noch ein letztes Mal, und anders als früher nun sehr fordernd, mit Johan zu schlafen. Der Sex wie auch die darauffolgende Schlägerei werden von Weiser und Gerber als Regieanweisungen gelesen, hier verzichtet die Inszenierung auf visuelle Drastik.

Eine seltsame Schwachstelle leistet sich Kerkhof an diesem ansonsten so packenden, von einem großartigen Schauspielerpaar getragenen Abend. Neben den großen Köpfen hat man noch einen kleinen Jungen, gesprochen und bewegt von Tom Gerber, dazuerfunden, der die Rechte der Kinder, bei Bergman eine heute überaus befremdliche Leerstelle, einklagt. Dass er dazu ausgerechnet eine Rede von Greta Thunberg benutzt, im Programmheft dokumentiert, verknüpft auf kaum nachvollziehbare Weise die Verantwortungslosigkeit selbstsüchtiger Eltern mit dem Verhalten der Erwachsenen angesichts des Klimawandels. Das ist ein so sinnloser wie gewaltsamer Kurzschluss, den diese eindringliche Inszenierung eines zeitlosen Klassikers so nicht nötig hat.

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Szenen einer Ehe

Die nächsten Aufführungen sind am 18. September um 19.30 Uhr, am 20. und 27. September um 16 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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