Techno-Produzent Hildenbeutel

Eine Frage der Technik

Von Christian Arndt
15.01.2019
, 19:45
Heimlicher Helde der deutschen Elektronikszene: Ralf Hildenbeutel
Techno in Frankfurt: Der Produzent Ralf Hildenbeutel gehört zu den heimlichen Helden der deutschen Elektronikszene.
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Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sven Väth und Chris Liebing wird Ralf Hildenbeutel selbst in seiner Heimatstadt Frankfurt auf der Straße selten von Passanten erkannt. Dabei gehört auch er zu den nachhaltig prägenden Figuren der hiesigen Technoszene. Mit Projekten wie Odyssee of Noises (sic!), Curare und Earth Nation, vor allem aber mit den Sven Väth-Alben „Accident in Paradise“ (1992), „Barbarella – The Art of Dance“ (1992) und „The Harlequin, The Robot and The Ballet-Dancer“ (1994) trug der Komponist, Musiker und Produzent maßgeblich zur Entwicklung des melodisch-druckvollen „Sound of Frankfurt“ bei.

Dem Team Väth/Hildenbeutel gelang der Spagat zwischen clubtauglichen Techno-Tracks und weitschweifig-sphärischen Stücken wie „L’Esperanza“, und so setzten die beiden Frankfurter in den neunziger Jahren musikalische Maßstäbe weit über die Tanzflächen in Deutschland hinaus. Schon damals spielte das Party-Paradies Ibiza in Väths Kalkül eine wichtigere Rolle als die Überlegung, ob sein Sound auch in Berlin oder London gefallen würde. Letzteres ergab sich dann von selbst, auch dank der kongenialen Klangtexturen, mit denen Ralf Hildenbeutel die harten Beats zu verkleiden wusste. Trance nannte man diesen Sound.

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„Konventionell und klassisch“

Als der Musiksender Viva dann Hildenbeutel im Sommer 1996 mit dem Musikpreis „Comet“ in der Sparte „bester Produzent“ auszeichnete, schien er selbst genauso überrascht wie das Publikum. Schüchtern nahm er die Trophäe entgegen und war mit einem gehauchten „Dankeschön“ auch gleich wieder von der Bühne verschwunden. In seinem natürlichen Lebensraum, dem Studio im Frankfurter Nordend, wirkt er heute sehr viel entspannter, auch wenn es den Anschein hat, als wundere er sich rückblickend noch immer über seinen musikalischen Werdegang.

„Konventionell und klassisch“ habe alles angefangen, erinnert er sich: „Klavier mit neun, inklusive Musiktheorie, mit vierzehn kam das erste Keyboard, mit 20 habe ich erste Demo-Studio-Sachen gemacht.“ Sein musikalischer Kosmos bestand zunächst aus Klassik, Rock und konventionellem Pop, „mit der deutschen elektronischen Musik hatte ich gar nichts am Hut. So etwas wie Klaus Schulze kannte ich damals gar nicht, ein paar Kraftwerk-Nummern fand ich o.k., aber ich war kein Fanatiker in dieser Richtung“, erinnert er sich.

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Als Techno noch recht frisch war

Aus seiner „Band-Zeit“ kennt er Matthias Hoffmann alias A.C. Boutsen und Steffen Britzke, besser bekannt als Stevie B-Zet, die dann wie er selbst zu Studio-Tüftlern wurden. „Damals war das Techno-Ding ja noch recht frisch“, so Hildenbeutel: „Innovativ, eine Bewegung wie der frühe Rock’n’Roll. Da gab es Kids, die hatten zuhause drei Maschinen und keinen Plan von Musik. Die haben einfach gemacht, und dadurch hat sich ein ganz eigenständiges Ding entwickelt.“ Viele der Kids verschwanden bald wieder in der Versenkung, Hildenbeutel und seine Freunde sind immer noch da. Nachdem ihr „Heimatlabel“ Eye Q Records nach Berlin gezogen und kurz darauf pleite gegangen war, firmierten Hildenbeutel, Hoffmann und Britzke kurzerhand um: „Schallbau“ wurde schnell zur Marke für anspruchsvolle Produktionen verschiedenster Genres, darunter Drum&Bass- und „Intelligent Techno“-Stücke unter eigenem Namen wie auch Pop-Alben von Laith Al-Deen, Yvonne Catterfeld und Andreas Bourani.

Parallel dazu wandte sich Hildenbeutel der Filmmusik zu, einem Metier, dem er bis heute treu geblieben ist. Er vertonte Komödien wie „Ausgerechnet Sibirien“ mit Joachim Król und – zusammen mit Steffen Britzke – einige Folgen der ZDF-Serie „Kommissarin Lucas“, aber auch die gefeierte italienische Mafia-Serie „Maltese“. Ganz nebenbei entstand im Jahr 2015 mit „Moods“ ein vielschichtiges Soloalbum, das nahezu alle Facetten seines Schaffens vereinte: Melancholische Meditationen wie „Curious“, dunkle, kantige Klangskulpturen wie „Fall“ und nebulöse nächtliches Stimmungsbilder wie „Misty“.

Nach fast zwanzig Jahren Pause hat er auch die Zusammenarbeit mit Chris Liebing wieder aufgenommen. „Wir sind uns in den letzten Jahren immer wieder mal zufällig in Frankfurt über den Weg gelaufen, da wir sehr nahe wohnen. Irgendwann hat es dann bei uns beiden im gleichen Moment Klick gemacht, und der Gedanke kam auf, sich einfach mal wieder zusammenzutun. Im Oktober 2015 haben wir uns dann ins Studio gesetzt.“ Trotz eines engen Tourplans beim einen und vielen Verpflichtungen in Sachen Filmmusik beim anderen Partner, fand man sich immer wieder für mehrere Tage zusammen, um an Remixes für Goldfrapp und Depeche Mode zu arbeiten.

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Die Produktionen entstehen „hauptsächlich in meinem Studio und so gut wie ausschließlich gemeinsam, weil dadurch der Einfluss beider Seiten am besten verschmilzt“, sagt Hioldenbeutel: „ Bei den Remixes haben wir uns vorgenommen, nicht primär auf Clubmixe zu gehen, sondern den Sound vom Album einfließen zu lassen. Dadurch waren wir viel freier, als wenn wir immer nur an die Clubtauglichkeit hätten denken müssen. Es gibt zwar auch einen Club Remix von ,Going Backwards‘[DEPECHE MODE], aber wir haben einfach noch einen zweiten gemacht, ganz Downbeat in unserem Style und diesen dann auch mitgeschickt. Es gefiel der Band so gut, dass sie beide genommen haben, das hat uns natürlich sehr gefreut.“

Demnächst ein Fünfziger

Hildenbeutel hat selbst einmal gesagt, dass man (gute) Technomusik nur machen könne, wenn man selbst regelmäßig in Clubs feiern gehe. Das meint er auch heute noch, selbst wenn er nur noch sehr selten feiert: „Natürlich kann ich gut an einem Club-Mix arbeiten, wenn ich zum Beispiel mit Chris Liebing im Studio bin, dann ist er meine Verbindung zum Club. Alleine würde ich das wohl nicht machen, wenn ich nicht auch regelmäßig an der Front wäre. Man muss das zeitgemäße Gefühl und das Wirken der Tracks im Club einfach selbst miterleben.“

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Hildenbeutel wird demnächst fünfzig Jahre alt, Chris Liebing ist vor wenigen Wochen fünfzig geworden und viele aktive DJs wie Sven Väth, Westbam oder Monika Kruse haben diesen besonderen Geburtstag schon hinter sich. Sollten in der vom Jugendkult geprägten Technoszene die „Alten“ nicht langsam mal abtreten – oder kann die gereifte Generation noch das eine oder andere beitragen? „Ich finde, dass gerade auch diese Generation nach wie vor gute Impulse bringen kann und die Gesamtszene dadurch einen größeren Reiz hat. Außerdem sprechen die Publikumszahlen für sich, die alten Hasen rocken ja noch. Ich glaube auch nicht, dass Sven Väth vor seinem siebzigsten Geburtstag aufhört“, sagt Hildenbeutel, der im Älterwerden den Vorteil sieht, aus einem reichen Erfahrungsschatz zwischen Clubkultur, Kino und Kommerz immer wieder neue Energie und Ideen für unerhörte musikalische Konstellationen generieren zu können.

Teilweise Filmmusik-Charakter

So schließt sich für ihn mit dem Liebing-, für das er bei fast allen Stücken als Co-Autor und -produzent verantwortlich zeichnet, auch ein kreativer Kreis: „Bei den Albenproduktionen, ob damals auf Eye Q oder jetzt mit Chris, handelte es sich ja oft um ,Listening Music’, die Tracks waren und sind meist nicht primär vom schnellen Beat bestimmt. Deshalb hatten auch früher schon viele Alben zumindest teilweise Filmmusik-Charakter. Diese Einflüsse stehen bis heute und fließen immer wieder in meine Arbeit ein.“

Das Album „Burn Slow“ von Liebing und Hildenbeutel ist auf dem legendären Label Mute von Daniel Miller erschienen, wo bis vor kurzem auch Depeche Mode zuhause waren und bis heute Künstler wie Goldfrapp, New Order und Apparat veröffentlichen. So finden sich die beiden Frankfurter in bester internationaler Gesellschaft wieder und aus früheren Idolen sind nun Partner geworden – siehe Depeche Mode.

Quelle: F.A.Z.
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