Teil-Lockdown im November

Die Frankfurter Kultur steht unter Schock

Von Eva Maria Magel und Guido Holze
30.10.2020
, 16:27
Ärger, Fassungslosigkeit und Lähmung: Die Enttäuschung und Verzweiflung der Kulturszene nach der bundesweiten Verschärfung der Corona-Regeln ist groß. Reaktionen der Betroffenen in Frankfurt.

„Uns fehlt die Lobby, uns fehlt eine Gewerkschaft und das Selbstbewusstsein, dass Kultur systemrelevant und wichtig ist“, sagt die Frankfurter Regisseurin Sarah Kortmann. Es bleibe „das Gefühl der Fassungslosigkeit und Lähmung“. Die Enttäuschung und Verzweiflung der Kulturszene ist groß. Von „Symbolpolitik“ sehen sich Vertreter getroffen. An Kulturstätten habe sich nachweislich bisher niemand angesteckt. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass man in Deutschland ohne Platzreservierung Zug fahren kann, aber die Theater nicht mehr bespielt werden dürfen“, so der Kasseler Intendant Thomas Bockelmann.

Auch die sozialen und pädagogischen Folgen seien enorm. Insgesamt 47 Vorstellungen für Kinder etwa müssten im November entfallen, sagt Dramaturgin Susanne Freiling vom Theaterhaus Frankfurt. Dabei sei die Nachfrage wieder sehr hoch gewesen. „Die Schulen merken auch, dass die Kinder mehr als nur Unterricht brauchen.“

Die Absicht hinter den Verschärfungen könne sie gut nachvollziehen, so die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). „Dennoch bedauere ich, dass diese Maßnahmen vielfach ausgerechnet jene treffen, die sich bei der Umsetzung der Vorbeugungsmaßnahmen vorbildlich verhalten haben.“ Museen und Theater seien „Bildungseinrichtungen, sie sind für eine offene Gesellschaft systemrelevant wie Schulen und Kitas“, so Hartwig. Positiv sei die Bereitschaft, 75 Prozent der Umsatzausfälle zu erstatten.

Erhebliche Einnahmeausfälle zu erwarten

Es seien aber erhebliche Einnahmeausfälle zu erwarten. „Ich halte ausdrücklich fest, dass nach allen uns vorliegenden Erfahrungsberichten die Hygienekonzepte besonders von Kultureinrichtungen und Museen sehr zuverlässig umgesetzt wurden“, so Hartwig. „Ich erwarte deshalb, dass bei den anschließenden Lockerungen die Kultur mit an erster Stelle berücksichtigt wird.“

Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, sagte, dass er sich von der Politik „einen differenzierten Blick auf unsere Hygienekonzepte gewünscht hätte“. Es ärgere ihn, „dass wir so als Freizeitveranstalter tituliert werden“ und der Eindruck entstehe, dass auf Kultur als Erstes verzichtet werden könne. Die Oper stehe nun wieder vor „unglaublichen organisatorischen Schwierigkeiten“. Markus Fein, Intendant und Geschäftsführer der Alten Oper, sprach von einer „Krise von historischem Ausmaß“, die Orchester, Agenturen und Konzerthäuser treffe. Er zeigte gleichwohl Verständnis für die Anordnungen.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Guido Holze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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