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„The Effect“

Die ungeplante chemische Reaktion

Von Christian Riethmüller
 - 20:05
„Love Is A Drug“: Connie (Rosie Wyatt, rechts) kümmert sich um den sedierten Tristan (Nathan Welsh).

Da gibt’s doch was von..., verspricht die Pharma-Werbung, selbst wenn es unsere Emotionen sind, die da chemisch manipuliert werden sollen. Kummer? Bedrücktheit? Angst? Lässt sich gewiss mit dem Antidepressivum RLU 37 in den Griff bekommen, fraglich ist nur die Dosierung. Das richtige Quantum Trost herauszufinden ist Ziel einer Medikamentenstudie, für die sich die etwas labile, etwas misstrauische Psychologiestudentin Connie Hall (Rosie Wyatt) und der Charmebolzen Tristan Frey (Nathan Welsh), der Geld für eine Reise verdienen möchte, angemeldet haben. Überwacht von der Ärztin Lorna James (Rebecca Calder) und dem für die Studie verantwortlichen Psychiater Toby Sealey (Chris Porter), sollen die beiden Freiwilligen über mehrere Tage verteilt unterschiedliche Dosen des Medikaments verabreicht bekommen. Allerdings kommt dem reibungslosen wissenschaftlichen Verlauf der Untersuchung eine andere chemische Reaktion dazwischen: die Liebe.

Denn auch die ist eine Droge oder zumindest wirkt sie so, wie Neurowissenschaftler herausgefunden haben. Liebe (oder Lust) unterdrückt nicht nur Schmerzen, sondern stimuliert und ist etwa ursächlich für Herzklopfen oder Schmetterlinge im Bauch. Diese Gefühlsaufwallungen beobachten auch Connie und Tristan an sich, sind sie doch der Anziehungskraft des jeweils anderen erlegen. Nur, ist dieser emotionale Rausch nun echt oder ist er eine Nebenwirkung des Antidepressivums, das sie beide testen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die preisgekrönte britische Autorin Lucy Prebble in ihrem Stück „The Effect“, das nun in einer Inszenierung von Audrey Sheffield am English Theatre Frankfurt aufgeführt wird.

Was sind „echte“, was „falsche“ Gefühle?

Es ist eine durchaus existentialistische Frage nach dem Sein oder Nichtsein, nach „echten“ und „falschen“ Gefühlen. Wie ist es um die Wertigkeit unserer Emotionen bestellt, wenn sie medikamentös beeinflusst sind? Entsprechen sie vielleicht weniger unserer eigenen Identität? Die groß aufspielenden Connie und Tristan sind auf solch einer Gefühlsachterbahn unterwegs, vor allem, nachdem sie erfahren haben, dass einer von ihnen beiden gar kein Medikament, sondern ein Placebo verabreicht bekommt, was in dieser klinischen Romanze für einigen Furor sorgt, können sie einander doch selbst im Überschwang der Gefühle nicht mehr so recht trauen.

Dem Gefühlschaos der beiden Freiwilligen setzt Prebble geschickt die vordergründig überaus kontrollierten Wissenschaftler Lorna und Toby gegenüber, die allerdings ihre emotionalen Schlachten schon geschlagen haben. Die beiden hatten früher eine Affäre, die in Lorna eine tiefe Wunde hinterlassen haben muss, wirkt sie hinter ihrem Klemmbrett doch nurmehr wie versteinert, während Toby sich einredet, in seiner neuen Beziehung glücklich zu sein.

Der möchte daher nichts vom Effekt der Liebe auf unsere Gehirnregionen wissen, will er doch das Antidepressivum zur Marktreife bringen. Der Psychiater steht hier stellvertretend für die Profitinteressen der Pharmaindustrie, für die die Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht zuletzt im Hinblick auf den ungebrochenen Trend zur Selbstoptimierung wunderbare Aussichten versprechen. Auf diesen Aspekt spielt auch das Bühnenbild von Anna Orton an, das nicht an ein steriles Laboratorium, sondern an eine schicke Privatklinik mit bester technischer Ausstattung zur Erforschung von Hirnströmen denken lässt.

Wissenschaftliche Grenzen austesten will aber zumindest Lorna trotzdem nicht. Obwohl sie selbst, wie sich im Verlauf des exzellent gespielten Stücks herausstellt, an Depressionen leidet, redet nicht sie Antidepressiva als Wundermittel das Wort, sondern Toby. Die beiden Mediziner fechten eine Debatte aus, die heute noch so wichtig ist wie bei der Uraufführung des Stücks im Jahr 2012. Denn klinische Forschung kann viel, doch sie wird nicht das Allheilmittel für die menschliche Natur im 21. Jahrhundert liefern. Dazu bedarf es mehr, wie es auch dieses grundsätzlich sehr kluge Stück, dessen mit wissenschaftlichem Vokabular durchsetzte Dialoge von Nicht-Muttersprachlern Konzentration erfordern, zum Ende etwas sehr einfach propagiert: nämlich Vertrauen und Liebe. Aber auch auf deren Risiken und Nebenwirkungen sollte man gefasst sein.

„The Effect“ ist bis 22. März im English Theatre Frankfurt, Gallusanlage 7, zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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