Theaterperipherie Frankfurt

Auf Netflix gibt es keine Flucht

Von Eva-Maria Magel
21.11.2020
, 19:19
„Beshir im Blätterland“ erzählt die Geschichten von Beshir und von vielen Jugendlichen, die trotz Corona monatelang daran gearbeitet haben. Darin arbeiten sie ihre Migrationsgeschichten auf. Nun ist das Stück als Livestream zu sehen.

Irgendwann wird Beshir auf Netflix zu sehen sein. Er wird einen Anzug tragen, und niemand wird ihn mehr schräg ansehen. Und dann werden alle wissen, wie das war. Seine Geschichte. Die jetzt schneller im Internet landet als gedacht. Erst einmal hätte „Beshir im Blätterland“ ein Theaterstück vor Publikum sein sollen, bei Theaterperipherie Frankfurt. Viel Publikum, im besten Fall. Nun gibt es, nach einer Premiere im kleinen Kreis, eine große als Livestream über theaterperipherie.de.

Corona ist lästig. Noch lästiger aber, wenn man jung ist, so zwischen 14 und Anfang 20. Und umso lästiger, wenn man seit April in den Startlöchern steht für ein Theaterstück, ein Filmprojekt, ach was, vielleicht eine neue Serie. Einen Trailer haben Beshir und sein Team fertig. Um damit die Chefs von großen Medienunternehmen zu ködern. Wer, wenn nicht er, sollte daran fest glauben?

Beshir ist 16. Ein paar der acht anderen, mit denen er nun bei Theaterperipherie spielt, haben schon mal Theater gemacht, unter anderem in den Workshops des Bundesprogramms „Theater und Tanz machen stark“, die Kinder und Jugendliche fördern sollen und von Theaterperipherie an Schulen und Bildungseinrichtungen veranstaltet werden.

Gar keine richtigen Proben möglich

Beshir hat vor zwei Jahren in „Rettung“ mitgespielt, einem der Projekte mit jungen Flüchtlingen, die die Regisseurin Ute Bansemir verantwortet hat. Nun ist sein eigenes Leben die Grundlage von „Beshir im Blätterland“, ebenfalls im Rahmen von „Theater und Tanz machen stark“. Bansemir und ihrem Co-Regisseur Hadi El-Harake ist es trotz aller Corona-Widrigkeiten gelungen, die Gruppe zusammenzuhalten, in einer Mischung aus künstlerischer und sozialpädagogischer Betreuung. Dass bei solchen Projekten immer eine starke Fluktuation herrscht, weiß Bansemir. Seit zehn Jahren verbindet sie bei Theaterperipherie die Produktionen mit jungen, oft migrantischen Darstellern und die theaterpädagogische Arbeit in verschiedenen Kontexten. Wenn Probenprozesse stocken, nimmt die Energie ab, erst recht bei jungen Laien, da braucht es gar keine Pandemie. Doch die Gruppe von „Beshir im Blätterland“ hat sich erst in ihrer jetzigen Form gebildet, als gar keine richtigen Proben möglich waren.

Flucht, zu Fuß, im Boot, im Bus, an Polizeiketten vorbei, das Ankommen in einem „Blätterland“, in dem es für alles ein Formular zu geben scheint, all das findet sich in der Szenencollage wieder. Und auch wenn nicht alle der Mitspieler eine Fluchterfahrung haben, ein größeres Päckchen als das, was man landläufig als unbeschwerte Jugend bezeichnet, tragen sie alle. Die Gespräche in der Gruppe über das, was sie jeweils erlebt haben, erst recht in der Corona-Zeit, sind in die Performance samt Videos eingeflossen.

Es war die Erfahrung mit „Rettung“, die dazu geführt hat, dass Beshir Texte, Erinnerungen, auch seine Wut in unzählige Whatsapp-Nachrichten an Bansemir geschrieben hat. Eine regelrechte Welle. Weil ihm im „Blätterland“ kein Erwachsener glaubt und die Jugendlichen nichts hören wollen, so sein Gefühl. Noch viel mehr Texte sind entstanden, als er sich, regelrecht beflügelt, daranmachte, seine Idee in die Tat umzusetzen. Dreieinhalb Jahre lang war Beshir, der Jüngste der Familie, nach der Flucht aus Syrien mit den Eltern in der Türkei. Dort hätte das Kind die Grundschule besuchen müssen. Stattdessen hat es gejobbt. Eine Härte, die prägt. Schule, das begann erst wieder in Deutschland, mit knapp elf Jahren, in einer Intensivklasse für Deutsch. „Ich habe so viel gelernt und erlebt, und die chillen durch ihr Leben“, sagt er über seine Altersgenossen. Nach der Hauptschule will Beshir nun den Realschulabschluss machen: „Mir haben so viele gesagt, dass ich das nie schaffen werde.“ Am 1. Januar wird er fünf Jahre in Deutschland sein. „Überhaupt nichts wissen die“, sagt er über seine Altersgenossen.

Die Angst, zu versagen, verflog schnell

Im Kino, in den öffentlich-rechtlichen Sendern, da laufen Reportagen über Syrien, die Balkan-Route, das Mittelmeer. Aber das seien nicht die Medien, die Jugendliche konsumierten, sagt Beshir. Dort gebe es Geschichten wie die seine nicht. Viele Jugendliche, selbst mit postmigrantischem Hintergrund, mobben die Neuankömmlinge – das hat nicht nur Beshir erfahren. „Drecksflüchtling“ hat er oft gehört. „Manche schämen sich dafür, dass sie geflüchtet sind“, sagt er.

Das kennt auch Sarina. Sie schäme sich nicht – aber geredet werde über Probleme oder schlechte Erfahrungen im Freundeskreis eher nicht. Lieber über fröhliche Dinge. Und von sich aus erzählt sie auch nicht, wie es war. Dass sie zwei Monate lang unterwegs war, mit neun Jahren. Sarina, Tochter eines protestantischen Geistlichen, ist mit ihren Eltern aus Iran geflohen. Vieles habe sie vergessen, sagt sie, wollte das auch. Ihre Ethiklehrerin hatte angeregt, sie solle Theater spielen. Die Angst, zu versagen, verflog schnell, und Sarina, eine der Jüngsten der Gruppe, ist auf der Bühne und im Film lebhaft und präsent, ganz nach der Erkenntnis, die sie selbst traf: Im Theater kann man alles machen und sein.

„Corona war schwer. Ich habe meine Motivation zu lernen verloren“, sagt die Einserschülerin über die Isolation im Homeschooling. Obwohl ihr Wechsel ans Gymnasium bevorstand. Im Dezember 2016, nach Monaten der Flucht, kam sie ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland. Seither ist sie wie ein kleines Schiff von der Grundschule über die verschiedenen Stufen einer Integrierten Gesamtschule bis zum Gymnasium gesegelt, mit den Wahlfächern Spanisch und Informatik. Und ins Theater. Beshir war auf derselben Gesamtschule wie sie und suchte Mitspieler. „Es hat mir geholfen, zu wissen, dass andere das auch erlebt haben“, sagt Sarina. Auch sie will, wie die meisten, weiter Theater spielen.

„Corona spielt mit“

Das Stück hätte schon im April gezeigt werden sollen. Doch der erste Lockdown hat alle Proben lahmgelegt. Andere Themen rückten in den Vordergrund. Und kaum war Begegnung wieder möglich, hatten die jungen Leute einen weiteren Kollegen auf der Bühne, der Abstand und strenge Regeln erzwingt: „Corona spielt mit“, sagen sie. Nach der Uraufführung im Oktober war dann gleich wieder Schluss. Nicht einmal die Eltern und Freunde der Darsteller haben bislang gesehen, was aus den Monaten der Auseinandersetzung geworden ist.

Jedenfalls haben sie nicht das Stück gesehen. Was mit den Kindern, Geschwistern, Freunden und Kollegen passiert ist, sieht man durchaus. Die Arbeit im Theater hat alle extrem verändert und geprägt. Und das gleichzeitig mit der Pandemie, die gefordert, genervt, gelangweilt und manche Dinge auch in ein anderes Licht gesetzt hat. Wie bei Maurizio zum Beispiel, mit 26 der Älteste der Gruppe. „Mich hat die Krise voll erwischt“, sagt er. Gerade als er mit dem Bachelor in Immobilienmanagement fertig war, kam Corona. „Alles, was wir haben, ist unser Fleiß“, hatte er von den Eltern gelernt. Dann stand er vor dem Nichts. Die Studienjobs im Lockdown weggebrochen, alle Bewerbungen auf Eis oder abgelehnt.

Eine Erfahrung, die viele der Jugendlichen derzeit machen. Durch Corona sieht es mit Berufsmöglichkeiten und Ausbildungsplätzen düster aus. Das Gefühl, ausgebremst zu werden, kannte Maurizio, Sohn argentinischer Einwanderer mit italienischen Wurzeln, schon aus der Schule. Das Gymnasium hatten seine Lehrer dem Neuankömmling nicht zugetraut – er ging trotzdem. Dieses Widerständige tritt auch hervor in „Beshir im Blätterland“.

Das Misstrauen war unübersehbar

Der zweite Corona-Lockdown brachte Maurizio zurück zu Theaterperipherie. Dort hatte er 2012 in „Frühlings Erwachen“ mitgespielt. Nun bot ihm Bansemir einen Job als Regieassistent an. Er sagte zu – übergangsweise, sonst hatte er ja nichts. Und machte die Erfahrung, dass für genau dieselben Lockdown-Schwierigkeiten, die ihn aus dem Erwerbsleben fernhielten, im Theater Lösungen gefunden wurden. Die Corona-Krise belastete ihn schwer. Auch, weil er im Lockdown von einem älteren Mann angegriffen wurde und mittlerweile „eine Art Grundhass“ auf den Straßen spürt. Das Misstrauen, das der Blätterland-Gruppe entgegenschlug, als sie im Sommer in Parks und mit Abstand probte, war unübersehbar. Einmal riefen Passanten die Polizei. Diese Wirklichkeit ist nun in die Szenen eingesickert, die immer wieder umgeschrieben wurden.

Mittlerweile hat Maurizio eine Stelle in einem Ingenieurbüro. Bewusst in Teilzeit – denn er will auch beruflich weiter Theater machen. Das erste Stückprojekt, angedockt an Theaterperipherie, läuft schon: eine Recherche zum Thema Schule. Warum sie so oft „Diamanten“ nicht erkenne, wo Ängste lägen, warum vieles wirke „wie im Museum“, das zu bearbeiten, hat Maurizio sich vorgenommen: „Das Theater hat mir signalisiert, dass ich etwas wert bin“, sagt er.

Ein Gefühl, das auch Saadia, 17, und Oliver, 18, teilen. Beide leben aufgrund schwerer Lebenskrisen in betreuten Wohngruppen. Dort haben sie einander kennengelernt. Mitregisseur Hadi El-Harake, der im Anerkennungsjahr seines Studiums der sozialen Arbeit ist, war 2011 bei „Leyla und Medschnun“ nicht nur Darsteller bei Theaterperipherie, sondern ist auch als Betreuer für Saadia tätig gewesen. So kam die junge Frau, aufgewachsen als Kind marokkanischer Einwanderer in Italien und noch nicht lange in Deutschland, zum Theater. Den ersten Lockdown verbrachte sie, wie nun den zweiten, in der Abgeschiedenheit einer sogenannten Inobhutnahme. Ein krasser Einschnitt, hatte Saadia, die gern weiter zur Schule gegangen wäre, aber nun mit einem Hauptschulabschluss eine Ausbildung sucht, doch gerade geplant, ein Praktikum bei Theaterperipherie zu machen. Besser sei ihre Lage durch Corona nicht geworden, sagt Oliver, der kurz vor dem Fachabitur steht, abgeklärt. Aus seinen ironischen Beschreibungen einer Odyssee durch Betreuungs- und Beschulungsbürokratie klingt auch Bitterkeit.

Beshir erzählt seine eigene Geschichte – aber die vieler anderer eben auch. „Herr Klamm ist mein Herr Schmidt“, sagt einer der Darsteller über den staubtrockenen Sachbearbeiter, der die Akte Beshir gerne vom Tisch hätte und sich nicht für den Menschen dahinter interessiert. Viele der Jugendlichen sind enttäuscht über die Art, wie Schule, Behörden, Öffentlichkeit auf sie reagieren. Darüber, wie ihnen automatisch unterstellt werde, sie seien die Ersten, die Corona-Regeln brächen. „Manchmal denke ich, Erwachsene sind ein bisschen dumm“, sagt Saadia leise.

„Beshir im Blätterland“ ist auf der Seite theaterperipherie.de abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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