FAZ plus Artikel70 Jahre Jazzkeller

„Der Keller“ feiert und vibriert

Von Wolfgang Sandner
23.05.2022
, 20:24
Laudator: Tony Lakatos
Mit dem genialen Saxophonisten Tony Lakatos und einer Kollegenschar feiert der legendäre Frankfurter Jazzkeller sein siebzigjähriges Bestehen.
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Frankfurt ⋅ Salbungsvolle Reden wurden nicht gehalten. Schon gar nicht von Leuten, die die Namen Dizzy Gillespie oder Archie Shepp nicht aussprechen können. Es gab keinen Konfettiregen und auch sonst kein kunstfremdes Ablenkungsmanöver. „Der Keller“, wie der Frankfurter Jazzkeller kurz genannt wird, feierte seinen siebzigsten Geburtstag, wie es angemessener nicht hätte sein können: mit schier atemraubender Musik.

Tony Lakatos trat auf die kleine Bühne, als käme er „Out of nowhere“ und spielte Tenorsaxophon mit einer Inbrunst, als müsse er alle guten Geister anrufen, die dieses acht mal acht Meter große Gewölbe in den sieben Jahrzehnten seit 1952 mit Jazzleben gefüllt haben: Hans Koller und Heinz Sauer, Gerry Mulligan und Joe Henderson, Sheila Jordan, Stan Getz und Chet Baker. Und vor allem natürlich Albert und Emil Mangelsdorff mit dem Kreis von Musikern aus der Region und darüber hinaus, die bei ihren allnächtlichen Jamsessions in der Kleinen Bockenheimer Straße 18a etwas kreierten und noch immer erschaffen, was dem Geist der Stadt so entspricht wie das, was sozusagen antipodisch aus dem Institut für Sozialforschung herausdringt: Dialektik der aufklärerischen Blue Notes.

Mit „Sagt nur nicht Künstler zu mir“ hat Rainer Erd seine vor zwei Jahren erschienene Lebensgeschichte des Saxophonisten überschrieben. Kein Titel könnte zugleich so falsch und so richtig sein wie dieser Ausspruch des Musikers mit Gravenbrucher Wohnsitz über sich selbst. Tony Lakatos ist ein großer Künstler, einer der größten Saxophonisten, die es im aktuellen Jazz gibt, ein Monster der urwüchsigen Selbstinspiration bei seinen weitschweifigen und doch immer goldschnittmäßigen Improvisationen. Da beißt die Maus keinen Faden des sympathischen Understatements ab. An diesem Abend aber, zur Jubelfeier des Kellers, spielte der Feuerkopf mit einem Furor, als müsse er ein für allemal demonstrieren, dass die Tendenz des musikalischen Materials nichts und die schöpferische Umdeutung der überkommenen Harmonielehre alles ist.

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