Ulrike Crespo beschenkt Städel

Beschwingte Versammlung

Von Eva-Maria Magel
27.11.2021
, 20:13
Lückenschluss im Städel Museum: Die Köpfe“ von Otto Dix, circa 1923, sind eines von 90 neuen Werken aus dem Nachlass Ulrike Crespos.
Mit einer Sonderausstellung feiert das Frankfurter Städel die außergewöhnliche Geste von Ulrike Crespo, dem Haus ihre wertvolle Sammlung mit Gemälden und Zeichnungen zu schenken. Über das Zustandekommen dieser Sammlung wüsste man gerne mehr.
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Einer der schönsten Neuzugänge hängt um die Ecke rechts: Otto Dix, „Köpfe“, von 1923. Großäugig starrt ein Herr in der Bildmitte, die Damen sind blasiert, abgewandt, kurios, in einer farblichen Frische, als sei das Blatt erst am Vorabend entstanden. Warum dieses kecke Aquarell und viele andere Werke von der Wende zum 20. Jahrhundert bis in die Sechzigerjahre hinein in der Sammlung des Darmstädter Indus­triellen Karl Ströher (1890–1977) gelandet sind, die seit etwa 1950 entstand, darüber weiß man wenig.

Wie und warum sie im Städel Museum gelandet sind, wird jetzt deutlich: „Zeichen der Freundschaft. Ulrike Crespo beschenkt das Städel Museum“ heißt eine Sonderausstellung im Saal der Graphischen Sammlung. Sie zeigt einen großen Teil der 90 Werke, die nach dem Willen der Ströher-Enkelin Ulrike Crespo (1950–2019) als Schenkung an das Städel Museum gegangen sind. Es ist ein Dank, der die Betrachter nicht nur dazu anregt, Pendants in der ständigen Ausstellung des Museums zu finden.

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Was da ist und was durch das posthume Geschenk erst kam, hat Kuratorin Regina Freyberger durch unterschiedliche Markierungen angezeigt: Mit Positionen aus dem Bestand bettet sich das Neue in den künstlerischen Kontext ein. In seiner jetzigen Umgebung, in einem Kabinett mit Emil Noldes ungewöhnlichem Italien-Ausflug nach „San Giorgio Maggiore in Venedig“ (1924), Kirchners einzigem erhaltenen Abzug des „Kopf Erna“ (1912) eines nachkolorierten Holzschnitts seiner Lebensgefährtin, neben Werken von Erich Heckel, einem neu hinzugekommenen Akt von Gustav Klimt, einer insgesamt beschwingten Versammlung, leuchtet etwa das Dix-Aquarell geradezu hervor.

Farbenfroh: der „Tannenwald“ von Paul Klee, 1914
Farbenfroh: der „Tannenwald“ von Paul Klee, 1914 Bild: Städel Museum

Empfangen aber werden die Besucher von einer Aquarellskizze Oskar Schlemmers. Diese zartfarbige „Bauhaustreppe“, ein Vorläufer des Manifest gewordenen Gemäldes der „Bauhaustreppe“, das als Reaktion auf die von der Stadt Dessau beschlossene Schließung des Bauhauses 1932 entstanden ist, und zwei dunkle experimentelle Ölskizzen aus dem Jahr 1942 schließen eine schmerzliche Lücke in der Sammlung des Städel Museums, das bislang etwa nur eine Buntstiftzeichnung von Schlemmer besaß. Und es ist nicht die einzige.

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Das Vermächtnis als heilende Geste

1937 sind durch die Nationalsozialisten große Teile der Moderne in der Sammlung beschlagnahmt worden. Und wenn Freyberger, die noch junge Leiterin der Graphischen Sammlung von 1750 an, sagt, „wir“, also das Städel, habe damals viel verloren, zeigt das, welche heilende Geste das Vermächtnis der Philologin, Psychotherapeutin, Fotografin und Philanthropin Ulrike Crespo bedeutet. Im Oktober 2019, kurz vor ihrem 68. Geburtstag, ist sie gestorben und hatte schon lange zuvor dafür gesorgt, dass viele aus dem wachsen können, was ihre Herkunft ihr beschert hatte: Einen sehr großen Teil des Ströher-Wella-Vermögens hat sie in ihre Crespo Foundation gesteckt, die großzügig vom Kindergarten bis zur Hochliteratur fördert und zumal jenen mit schlechteren Startbedingungen Bildungszugänge verschafft. Etwa 2044 soll das Stiftungsvermögen aufgebraucht sein.

Seit November 2020 ist das Konvolut dieser Schenkung Crespo, einer der bedeutendsten seit vielen Jahrzehnten, am Städel Museum, es hat aber erst der Aufarbeitung und Neurahmung aller Exponate bedurft, bis nun, ergänzt durch eigenen Bestand, in der Ausstellung gezeigt werden kann, welche Lücken damit geschlossen werden konnten. Nicht immer sind sie dem Nationalsozialismus geschuldet, manches wurde auch schlicht nicht gesammelt, der Surrealismus etwa zieht nun mit Max Ernsts „Grätenwald“ von 1927 ins Museum ein. Karl Ströher wiederum hat in etwa so gesammelt, wie es auch Museen taten und tun: Das Neue, Cy Twombly, die befreundeten Maler Willi Baumeister oder Fritz Winter etwa, hat er früh und in ihrer Zeit gekauft, klassische Moderne dazu. Was dazu führt, dass etliche seiner Erwerbungen wiederum an das Vorhandene anschließen.

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Man würde gern mehr über das Zustandekommen dieser Sammlung Ströher wissen. Warum, nur zum Beispiel, dieser einzelne Dix? Warum Christian Rohlfs (1849–1938) mit „Magnolienknospe“ oder „Kahle Koniferen“, farblich dezent, technisch mit Liebe zum Handwerk zwischen den berühmten Vertretern von „Brücke“ und „Blauem Reiter“? Warum diese einzelne, ganz kleine und sehr reizende „Die Frau mit der Gans“ (1902) von Paula Modersohn-Becker?

Nach Chronologie und nach Künstlergruppen geordnet

Etliche dieser erstaunlichen Werke hängen nun als „Einzelpositionen“ in der Ausstellung, alle anderen sind nach Chronologie und nach Künstlergruppen geordnet, ein Rundgang durch das 20. Jahrhundert. Der überwiegende Teil der Neuzugänge besteht aus Arbeiten auf Papier, nur neun Gemälde, darunter die nun ausgestellte winzige Landschaft „Kallmünz – Hellgrüne Berge“ von Wassily Kandinsky, eine Skulptur und der nun ebenfalls ausgestellte Bildteppich „Landschaftliche Komposition mit Figuren“ (1928/33) von Ida Kerkovius sind dabei, der Rest also gehört nun in die Graphische Sammlung. Was nicht in den „Zeichen der Freundschaft“ ausgestellt ist, können sich interessierte Kunstfreunde im Saal der Graphischen Sammlung vorlegen lassen.

Zeichen der Freundschaft ist bis zum 6. März 2022 im Städel Museum, Schaumainkai 63, Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr zu besichtigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.
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