Museum Ernst

Immer neue Perspektiven

Von Katinka Fischer, Wiesbaden
10.06.2021
, 20:45
Das Museum Ernst nimmt Form an. Auf der einstigen Brache im Herzen der Stadt Wiesbaden ist ein Ensemble aus vier Betonkuben aus der Erde gewachsen. Die Entscheidung über die Leitung fällt Ende des Monats.

Mehr Eleganz, Exklusivität und Ansehen kann eine Adresse in der Wiesbadener Innenstadt kaum verheißen. Die Realität der deswegen auch ermüdend oft als Filetstück gepriesenen Wilhelmstraße 1 sah jedoch lange anders aus. Über Jahrzehnte hinweg blieb das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Landesmuseum gelegene Areal eine Brache, die dem politischen Gezänk um die Nutzung, gescheiterten Plänen und unsauberen Immobilien-Deals traurige Gestalt gab. Seit gut einem Jahr verändert sich dieser Anblick allerdings täglich. Mittlerweile ist dort ein Ensemble aus vier, jeweils zwanzig Meter hohen Betonkuben aus der Erde gewachsen, die nicht nur das prominente Eckgrundstück, sondern auch dessen unrühmliche Geschichte angemessen abschließen.

Das Museum Reinhard Ernst hat konkrete Form angenommen. Mit dem nach einem Entwurf des japanischen Architekten Fumihiko Maki errichteten Haus erfüllt sich dessen Namensgeber einen so lange wie beharrlich verfolgten Wunsch: Seine etwa 800 Werke zählende Sammlung abstrakter, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandener Kunst aus Europa, den Vereinigten Staaten und Japan erhält ein eigenes Domizil. Der 1945 geborene Kaufmann mit Wiesbadener Wohnsitz, der sein Limburger Unternehmen für Antriebstechnik 2017 verkauft hat, beschenkt damit nicht allein sich selbst, sondern auch die Stadt: Die Stiftung, die er 2004 mit seiner Frau Sonja gegründet hat, übernimmt die Bausumme in Höhe von etwa 60 Millionen Euro ebenso wie alle später anfallenden Unterhaltungskosten. Dabei kalkuliert Ernst mit einem Zuschuss von jährlich drei Millionen Euro.

Die Baustelle ist für ihn fast zum zweiten Wohnzimmer geworden. Täglich verfolgt er dort das Werden des Rohbaus, der inzwischen so gut wie fertig ist. Der Beton wurde kürzlich abgeschliffen und wartet jetzt darauf, weiß gestrichen zu werden. Außer im Keller kommt die Architektur ganz ohne Stütze aus. Kein Wunder, dass die Statiker das Tragwerk einige Male nachberechnen mussten. Bis sich die voluminösen Bauteile selbst tragen und dann trotz ihres unvorstellbaren Gewichts zu schweben scheinen, ruhen sie auf Baustützen. Während der Unterhaltung mit dem Bauherrn werden die ersten dieser Eisenstangen abgeschlagen, so dass das Gespräch begleitet wird von den lauten Schlägen, die entstehen, wenn Metall mit Wucht auf Metall trifft. Dass die Bauarbeiten derzeit acht Wochen im Verzug sind, hat also nicht nur mit Corona zu tun. Ernst will jetzt im September 2022 eröffnen. „Aber genau können wir das erst im Januar sagen.“

Bis zu einem Viertel der Sammlung ausstellen

Wo künftig drei Stufen zum Haupteingang führen, gelangt man derzeit noch über Bretter ins Foyer. Dass man dort den am Tag des Baustellenbesuchs sehr grauen Himmel sehen kann, liegt nicht etwa daran, dass das Dach noch fehlen würde, sondern ist Konzept: Ein zentrales, auf allen drei Ebenen umgehbares Atrium streckt sich durch die gesamte Gebäudehöhe. Dass man sich von den auch in den umliegenden Räumen oft haushohen Wänden keineswegs erschlagen fühlt und viel Tageslicht ins Innere dringt, hat aber vor allem mit dem großflächig verbauten Glas zu tun, das für transparente Unterbrechungen der Betonwände sorgt. So wird einst das gesamte Atrium gläsern verkleidet und mit jedem Schritt auf jedem Stockwerk neue Perspektiven auf eine Architektur eröffnen, die sich leicht erschließt und trotzdem immer wieder mit Ausblicken, Übergängen und Nischen überrascht. Hergestellt werden die teilweise monumentalen Scheiben von einer Firma in Leutkirch, die auf solche Aufgaben spezialisiert ist und also dafür bürgt, dass es im Museum nicht so zugig bleibt wie in der Bauphase.

Als künstlerisches Material spielt Glas ebenfalls eine Rolle: Für Katharina Grosse taugt eine der gläsernen Wände als Bildgrund. Dem Werk der für ihre starken Farben und ihre Kunst-am-Bau-Projekte bekannten Malerin wird man im Erdgeschoss begegnen. Dito einer Installation des Wiesbadener Glaskünstlers Karl-Martin Hartmann. Raum für Kunst ist sogar bei den Toiletten im Keller. Dort ist eine ebenfalls auf Glas realisierte Arbeit der international bekannten Sprayerin MadCalias Claudia Walde vorgesehen. Bereits in situ befindet sich die zweiteilige Skulptur „Pair“ – ein Auftragswerk von Tony Cragg, das vier Tonnen auf die Waage bringt und per Kran geliefert wurde. Einstweilen noch verborgen von einem stählernen Gehäuse, haben die Bronze-Stelen ihren Platz im ersten Obergeschoss.

Ernst schätzt, wechselnd bis zu einem Viertel seiner Sammlung ausstellen zu können. Davon kann man in anderen Museen nur träumen. Indes erlaubt eine Grundfläche von 2000 Quadratmetern den großzügigen Umgang mit Platz. An einer zehn Meter hohen Wand „wird Kunst zweistöckig gehängt“. Selbst Techniker und Caterer müssen nicht beengt arbeiten, haben im Kellergeschoss sogar Stauraum, Umkleiden und Duschen. Unter der Erde ist auch ein Depot geplant. Es wird größer als Ernsts bisheriges, auch nicht eben kleines Lager in Limburg, das er gleichwohl behalten will. Denn die Sammlung wächst weiter, und „Depotraum braucht man immer“.

In dem neuen Haus werden einmal 20 Menschen täglich zu tun haben. Allen voran der Direktor respektive die Direktorin. Drei Bewerber sind in der engeren Wahl. Spätestens Ende Juni soll die Entscheidung fallen. Aus der Arbeit der Museumsleitung will Ernst sich heraushalten. Die Auftaktausstellung ist allerdings gesetzt, „das habe ich den Kandidatinnen und Kandidaten auch gleich gesagt“: Eine Hommage an den Architekten Maki wird zugleich wohl die einzige nichtabstrakte Schau bleiben, die man im Museum Reinhard Ernst je sehen wird.

Quelle: F.A.Z.
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