Von der Krise hart getroffen

Veranstalter und Künstler verunsichert

Von Christian Riethmüller, Eva-Maria Magel und Guido Holze
02.11.2020
, 18:29
In der Kulturszene in Rhein-Main herrscht angesichts des zweiten Lockdowns eine Mischung aus Verständnis und Verzweiflung. Und die Sorge, künftig ganz oben auf der Streichliste zu stehen.

Hinter den Kulissen geht es weiter. Zumindest an den Theatern, wo weiter geprobt, und in den Museen, wo weiter geforscht und kuratiert wird. Große Teile der Kulturwirtschaft aber fürchten um ihr Fortbestehen. Bernd Loebe, der Intendant der Oper Frankfurt, sagte, er habe zwischenzeitlich mit Burkhard Bastuck, dem Vorsitzenden der Frankfurter Museums-Gesellschaft, überlegt, ob man juristisch gegen die neuerliche Schließung der Opern- und Konzerthäuser vorgehen solle. Jedoch halte er das für wenig sinnvoll, zumal eine Kluft in der Gesellschaft entstehen könne, wenn es für die „Hochkultur“ Ausnahmeregelungen gäbe. Es habe keinen einzigen Corona-Fall im „Vorderhaus“, im Umfeld der Bühne, gegeben. Das spiegele die bundesweite Situation wider, sagte Loebe, der auch Vorsitzender der Deutschen Opernkonferenz ist. Die Verärgerung sei insofern da, dennoch wolle man nun nach einvernehmlichen Lösungen suchen.

Anselm Weber, Intendant des Schauspiels Frankfurt, geht davon aus, im Dezember öffnen zu können. Vier Produktionen werden weiter geprobt. Die Kritik an den Beschlüssen kann er verstehen, „aber welchen anderen Weg sollten wir gehen? Ich bin für Rationalität. Wir sind in einer Ausnahmesituation. Damit müssen wir uns beschäftigen. Wir werden sehr viel Geduld haben müssen.“ Er versuche, ein Gleichgewicht zu schaffen, finanziell, was Kurzarbeit betreffe, und inhaltlich, indem der Betrieb unter der Vorgabe des Gesundheitsschutzes weitergeführt werde. Digitale Formate könnten das Momentum des Miteinanders, den analogen Charakter von Theater nicht ersetzen. Eventuell werde man sich in einzelnen Momenten so sichtbar machen. „Das Primäre aber gilt dem Publikum und den Abonnenten, die sich als mehr als treu erwiesen haben. Für die werden wir uns etwas überlegen“, sagt Weber.

Die Komponistin Rebecca Saunders, die regelmäßig mit dem Frankfurter Ensemble Modern zusammenarbeitet, wies auf die existenzbedrohende Lage für freie Ensembles hin, die keine Rücklagen bilden dürfen, sobald sie öffentliche Zuschüsse bekommen. Unabhängig von großzügig gewährten finanziellen Hilfen müsse klar sein, dass Musik den öffentlichen Raum brauche.

„Die reale gesellschaftspolitische Relevanz von Künstlern ist nicht richtig eingeschätzt worden“

Gerade, als jetzt die Neustart-Stipendien ausgeschüttet worden seien, komme der Lockdown. Viele fragten sich, wann und wo sie überhaupt arbeiten und die geförderten Projekte zeigen könnten, sagt Jan Deck vom Landesverband der professionellen freien darstellenden Künste: „Es herrscht sehr viel Unsicherheit.“ Die Politik stelle durchaus Hilfen bereit, so Matthias Pees, Intendant des Frankfurter Mousonturms. „Da das so weitergeht und die Programme extrem aufwendig sind, wäre ein Grundeinkommen oder ein Unternehmerlohn für die freien, soloselbständigen Künstlerinnen und Künstler möglichst für das ganze Jahr 2021 viel sinnvoller.“

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Mit dem neuen Lehmbau im Saal ist der Mousonturm seit September schon erfolgreich neue Wege gegangen. „Wir werden den Bau bis Sommer stehen lassen. Und wir überlegen, wie man zusammen mit weiteren Partnern in der Stadt das nächste Sommerhalbjahr künstlerisch so nutzen kann, wie es sich in diesem Sommer schon bewährt hat, nämlich draußen.“ Er sei bereits in Gesprächen, so Pees, auch künftige Ideen sollen mit Hilfe von Architekten und Designern „an einer anderen Stelle der Stadt“ verwirklicht werden. „Die geringe gesellschaftspolitische und soziale Relevanz, die uns jetzt durch die Eingruppierung in den ,Freizeitbereich‘ nur zugestanden wurde, weckt die Befürchtung, auch auf einer Streichliste bei künftigen Haushaltskonsolidierungen ganz oben zu stehen“, so Pees. „Das ist wohl die bitterste Pille: dass in diesen Beschlüssen, die jetzt gefasst worden sind, die reale gesellschaftspolitische Relevanz von Künstlerinnen und Künstlern und Kunst- und Kultur-Institutionen nicht richtig eingeschätzt worden ist.“ Der Intendant wünscht sich, dass die Kulturorte wenigstens als Erste wiedereröffnen dürfen und dass die Maßnahmen differenzierter überprüft würden.

Demonstrationen an der Bockenheimer Warte

Antje Witte, Leiterin des Kinos Orfeos Erben, hatte ihr Haus erst am 1. Oktober wieder geöffnet, als ein umfangreiches Hygienekonzept und die nötigen neuen Filme bereitstanden. Sowohl das Filmangebot als auch der Publikumszuspruch seien seit der Wiedereröffnung sehr gut gewesen, so Witte. Sie hofft, dass der Wiedereinstieg abgestimmt mit den Verleihern laufen kann, ohne einen Stau der Neustarts. Konzertveranstalter in der Region hantieren bereits seit März unentwegt mit dem Terminkalender, müssen doch sowohl Tourneen als auch Einzelkonzerte immer wieder verschoben oder abgesagt werden. Entsprechend ausgedünnt war das Konzertangebot im November, offeriert von einer Handvoll Clubs und Musiklokale, die überhaupt geöffnet hatten.

Dazu zählte etwa die Centralstation in Darmstadt, die mit einem ausgefeilten Hygienekonzept Konzerte für jeweils bis zu 100 Besucher veranstaltet und weitere geplant hatte. „Uns bleibt nur der Blick nach vorne, und wir appellieren an alle, weiterhin, wo es geht, die Kulturbranche zu unterstützen“, äußerten Meike Heinigk und Lars Wöhler, Geschäftsführer der Centralstation.

Wie der Aschaffenburger Colos-Saal hoffen auch der Schlachthof Wiesbaden, die Batschkapp in Frankfurt und der Hafen 2 in Offenbach darauf, im Dezember noch Programm anbieten zu können. Die Brotfabrik im Frankfurter Stadtteil Hausen hingegen setzt auf 2021. Um auf die unverändert dramatische Lage aufmerksam zu machen, wollen die regionalen Kulturveranstalter gemeinsam mit der „Initiative Alarmstufe Rot“ am 14. November um 16 Uhr an der Bockenheimer Warte in Frankfurt demonstrieren.

Unterdessen haben die hessische Kunstministerin Angela Dorn und der Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (beide Die Grünen) erklärt, die Einschränkungen seien nötig, aber ein harter Schnitt. Jetzt gehe es darum, Hilfen zu organisieren, die bei denen ankämen, die sie am meisten brauchten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
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Guido Holze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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