Kulinarisches aus dem Rheingau

Tischlein, deck dich

Von Ingo Swoboda
Aktualisiert am 16.08.2020
 - 17:18
Rheingauer Symbol: Die Abtei Sankt Hildegard bei Rüdesheim ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes.zur Bildergalerie
Viele machen machen derzeit Urlaub in der Heimat. Das ist der ideale Zeitpunkt, den Rheingau und seine Restaurants und Gasthäuser zu entdecken. Ein kulinarischer Streifzug durch die bunte Welt der Rheingauer Gastronomie.

Glaubt man den Meinungsumfragen, Prognosen, dann ist das beliebteste Urlaubsland der Deutschen in diesem Jahr ihre Heimat. Was liegt da näher, als sich vor der Haustür umzuschauen und für ein paar Tage oder Stunden den Rheingau und seine facettenreiche Gastronomie zu entdecken oder wiederzuentdecken. Ob altbewährte Restaurants, traditionsreiche Gasthäuser, Newcomer oder skurril anmutende Locations: entlang der Bundesstraße am Rhein und in den Höhengemeinden gibt es für jeden Geschmack und Geldbeutel die passende Einkehrmöglichkeit. Wein natürlich inklusive, die kleine Anbauregion spannt den vinologischen Bogen vom einfachen Gutswein bis zum Riesling mit Prädikat „Weltklasse“.

Unser Streifzug beginnt in Walluf, der Pforte zum historischen Rheingau. In der engen Hauptstraße der kleinen Altstadt liegt die „Schlupp“, ein Gasthaus wie aus dem Bilderbuch, dessen Namen von den kleinen, Schaluppen genannten Booten abgeleitet ist, die früher auf dem Rhein verkehrten. Viel Platz ist in den beiden gemütlichen Räumen und im kleinen Innenhof nicht, eine Reservierung empfiehlt sich in jedem Fall. Dass hier der Chef kocht, ist eine beruhigende Information, denn Michael Ehrhardt steht für eine bodenständige Küche, die er gekonnt mit mediterranen Akzenten verfeinert, während sich seine Frau Isabelle liebenswert charmant um die Gäste kümmert.

Nur ein paar Schritte weiter erlebt das „Brunnenstübchen“ im Hotel Ruppert gerade eine Renaissance. Das Restaurant wurde geschmackvoll aufgehübscht und setzt auf eine nachhaltige Küche, die sich vorwiegend aus regionalen Produkten bedient. So findet man auf der Rheingauer Vorspeisenplatte neben Hausmacherwurst vom Taunus-Rind, luftgetrockneten Knackern vom Taunus-Landschwein, Gemüse aus dem Rieslingsud und hessischen Bio-Champignons auch einen Rauenthaler Bio-„Feta“ aus Schafsrohmilch.

Eine Rheingauer Institution ist der Weingarten von Hajo Becker direkt am Wallufer Rheinufer. Was hier an Weinen angeboten wird, ist klassisch im Holzfass ausgebaut und mit Bedacht gereift, exzellente Rieslinge und Spätburgunder für Kenner und solche, die es glasweise werden wollen. Sein Essen darf man selbst mitbringen, oder man bestellt bei Nico an der nahen Hauptstraße gute Pizza und Pasta, die ofenfrisch geliefert werden. Apropos: Ohne den „Italiener um die Ecke“ kommt auch die Rheingauer Gastronomie nicht aus, Pizza und Pasta gehören längst zur kulinarischen Grundversorgung der kleinen Weinbauregion. Eine empfehlenswerte Adresse ist „La Gondola“ in Eltville, etwas abseits vom Zentrum im Gewerbegebiet gelegen, aber unter Einheimischen bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“. Das liegt vor allem an der eloquenten Gastgeberin Lucia, die mit italienischem Charme jedem Gast das Gefühl vermittelt, bei Mama in besten Händen zu sein.

Tradition in Eltville

Wer sich nach Eltville aufmacht, findet nicht nur eine herausgeputzte Altstadt, sondern vor allem ein weitläufiges Rheinufer fernab von Bundesstraße und Bahnlinie. An der exponierten Uferpromenade hat man einen wunderbaren Blick auf den Rhein, den man am besten von der Terrasse des „Anlegers 511“ genießen kann. Man schaut auf die vorbeiziehenden Schiffe, lehnt sich zurück und beißt in die legendäre Bratwurst „11te Generation“: mal als Currywurst mit hausgemachter Sauce und Kartoffelsalat oder puristisch im Brötchen mit Meerrettichsenf serviert.

Nur ein paar Schritte weiter hat die junge Generation das elterliche Gasthaus „Zur Krone“ übernommen und serviert im gemütlichen Ambiente herzhafte Wildsülze, saftige Rumpsteaks und Schnitzel in verschiedenen Variationen. Dass der Rheingau auch asiatisch kann, beweisen Luc und Than, die in einer traditionsreichen Eltviller Gaststätte ihr Restaurant betreiben. Während Than die authentische vietnamesische Küche ihrer Mutter und Großmutter zubereitet, kümmert sich Luc um den Service. Eine willkommene kulinarische Bereicherung und ein echter Publikumsmagnet, ohne Reservierung ist hier kaum ein Platz zu bekommen.

Wer die urige Rheingauer Gastronomie sucht, wird leider nur noch selten fündig, denn die regionaltypische Kultur der Straußwirtschaften liegt im Sterben. Immer weniger Winzer räumen für drei Monate im Jahr ihr Wohnzimmer aus, um den Gästen zu eigenen Weinen eine überschaubare kleine kalte Küche anzubieten. Dagegen ist die ganzjährig offene Gutsschenke längst ein Erfolgsmodell, das sich im Speisenangebot kaum mehr von den Restaurants und Gasthäusern unterscheidet. In der einfachen Variante ist die stimmungsvolle „Schneck“ in Eltville, in der sich vorwiegend Einheimische einfinden, ein kleiner Geheimtipp und bekannt für frisch gebratene Schnitzel in bester Metzgerqualität. Richtig gute und saftige Steaks mit den passenden Beilagen, dazu pfiffige Vorspeisen, findet man im „Chamamé“ an den Tennisplätzen am Wiesweg.

Eine beliebte Anlaufstelle ist auch der „Gutsausschank Diefenhardt“ in Martinsthal. Im mit Szenen froher Zecher dekorierten klassischen Wirtshausambiente sitzen die Gäste erwartungsfroh vor Weinen aus dem Familienweingut und warten auf die Hausspezialitäten wie Schnitzel Rosmarie, Wildsülze, Blutwurst-Ravioli, Hackbraten, Lammkarree oder Rumpsteak: alles vom Feinsten.

Obwohl die Gemeinde Rauenthal heißt, ist sie der höchstgelegene Weinbauort im Rheingau. Von Martinsthal führt eine steile Straße in engen Kurven auf die Höhe, der kleine Abstecher lohnt. Denn während in den anderen Rheingauer Gemeinden die Winzerhäuser nach und nach zugemacht haben, wurde in Rauenthal die traditionsreiche Gaststätte von Familie Wölfel kulinarisch wiederbelebt. Gutbürgerlich ist das Etikett, das der Küche anhängt, aber neben halben Grillhähnchen mit Pommes frites, Rauenthaler Wildschinken und Schnitzel mit Calvadosrahmsoße gehören auch vegetarische und vegane Burger zum herzhaften Speisenangebot.

Von außen eher unauffällig, verbirgt sich hinter der Fassade des „Alten Weinhauses Schuster“ in Erbach seit 1731 eines der schönsten Rheingauer Gasthäuser. In der holzvertäfelten Gaststube wird neben saisonalen Wildgerichten, Rumpsteak und Entenbrust das weit und breit beste Paprikaschnitzel serviert. Dazu sollte man die hausgemachten Bratkartoffeln bestellen, die ebenfalls eine Klasse für sich sind.

Raffiniertes in Kiedrich

Im Kiedricher Gutsausschank Münz Albus zeigt Jonas Berger, dass auch raffinierte Gerichte im schlichten Ambiente ihr Publikum finden, wenn sie mit Leidenschaft und Können zubereitet werden. Der junge Koch belässt es nicht bei Handkäs’ mit Musik und Schweineschnitzel mit hausgemachtem Kartoffel-Gurken-Salat, sondern setzt auch auf Gerichte wie gebackenen Wasabilachs mit Reisflakes auf exotischem Obstsud oder Korean Fried Chicken mit gegrillter Ananas, Brioche und Chinakohl.

Die größte Dichte an empfehlenswerter Gastronomie findet man in Hattenheim. Nur wenige Meter voneinander entfernt liegen „Adlerwirtschaft“, „Krug“ und „Kronenschlösschen“. Die drei gastlichen Häuser sind Felsen in der gastronomischen Brandung, die auch vor dem Rheingau nicht haltgemacht und in den letzten Jahren einige Traditionshäuser weggespült hat.

Falls eines Tages das deutsche Gasthaus unter Artenschutz gestellt wird, gehört der „Krug“ in jedem Fall mit auf die Liste. Ein gepflegtes Gasthaus hinter pittoresker Fachwerkfassade und Buntglasfenstern, in dem die gutbürgerliche Küche im besten Sinne gepflegt wird. Beeindruckend ist die umfangreiche Weinkarte, die eine bemerkenswerte Jahrgangstiefe und so manche Rarität aus Weingütern bietet, die schon lange nicht mehr am Markt sind.

Einen Steinwurf vom Krug entfernt signalisiert ein auffälliges Schild, dass hier die Adlerwirtschaft des charismatischen Bonvivants Franz Keller beheimatet ist. Vom Einfachen das Beste, lautet sein Credo, und Keller ist alles andere als ein Dampfplauderer. Was auf die Teller kommt, sind Produkte bester Qualität, von Junior Franz Keller unkompliziert zubereitet und fernab jedweder Spielerei appetitlich angerichtet. Ein Großteil der Produkte kommt von Kellers Falkenhof im nahen Taunus, wo Rinder, Hühner, Gänse und Bunte Bentheimer Schweine artgerecht in freier Natur aufgezogen werden.

Der Dritte im kulinarischen Bunde ist das „Kronenschlösschen“, das gerade mit einem neuen Gästehaus sein Zimmerkontingent erweitert hat. Während im Gourmet-Restaurant sterneverdächtig aufgetischt wird, triumphieren im Bistro mittags und abends bodenständige Genüsse vom Feinsten, etwa ein Wiener Schnitzel mit perfekt luftiger Panade, Bouillabaisse oder klassisches Roastbeef mit Sauce Remoulade comme il faut.

Klassisches in Winkel

Auf dem Weg von Hattenheim nach Oestrich kommt man am „Kleinen Gasthaus“ vorbei, das etwas unscheinbar auf der rechten Straßenseite liegt. Die Auswahl an großzügig belegten Pizzas und hausgemachter Pasta ist größer, als der Name des heimeligen Restaurants vermuten lässt, das sich für einen unkomplizierten Zwischenstopp anbietet.

Was nur wenige wissen: Ein paar Kilometer weiter in Winkel stand die Wiege der deutschen Rheinromantik. Im Brentanohaus, wo sich illustre Gäste wie die Brüder Grimm, Freiherr vom Stein und Johann Wolfgang von Goethe die Klinke in die Hand gaben, bekommt man heute regional und klassisch geprägte Gerichte serviert, immer von einem guten Schuss kulinarischen Zeitgeists beflügelt. Dahinter steckt die rührige Winzerfamilie Allendorf, die das historische Gemäuer zu neuem Leben erweckt hat. Favoriten der abwechslungsreichen Gutsküche sind das von Hand geschnittene Rindertatar mit Trüffel und Wachtelei, ein zartes „Woi-Hinkel“ in Riesling-Sauce, Winzergulasch mit Bratkartoffeln und natürlich der beste Spundekäs im Rheingau. Seit einigen Wochen kann man Allendorf- Weine auch direkt am Rhein in Winkel genießen. Sinnigerweise heißt das kulinarische Konzept der neuen Location „Wein & Fisch“ und bietet kleine Snacks und Hauptgerichte rund um das Thema.

Gänzlich ohne Fisch und Fleisch kommt die Küche im kleinen Restaurant „Zwei und Zwanzig“ in Geisenheim am Lindenplatz aus, die sich auf vegane Gerichte spezialisiert hat und jede Menge einfallsreiche schmackhafte Gemüse-Kombinationen auf die Teller bringt. Von Geisenheim geht es weiter nach Johannisberg in Richtung Stephanshausen. An der ansteigenden Straße liegt Burg Schwarzenstein, die 1874 als historisierende künstliche Ruine erbaut wurde und heute geschmackvoll Alt und Neu zusammenfügt. Im schicken Restaurant geht es angenehm entspannt zu, „Müllers auf der Burg by Nelson Müller“ heißt das Brasserie-Konzept aus der Ideenschmiede des Essener TV-Kochs. Das Angebot reicht von Gillardeau-Austern mit Rotwein-Vinaigrette, Bouillabaisse über Kalbscurrywurst berlinerisch und Rinderfilet Rossini mit Gänseleber bis zum Hummer Thermidor mit Pommes frites.

Unser kulinarischer Streifzug endet in Assmannshausen. Im einzigen Rheingauer Rotweinort empfiehlt sich die Einkehr ins Restaurant „Zwei Mohren“, wo Küchenchef Torsten Schambach mit seinen bodenständigen Gerichten einen gelungenen Blick zurückwirft: eine kulinarische Zeitreise mit Schweinerückensteak, überbacken mit Champignons, Tomaten, Schinken und Käse, geschmorter Rinderroulade mit Speckbohnen und Kartoffelpüree, offenfrischem Spießbraten und Rumpsteak mit Zwiebeln und Kräuterbutter. Und zum Abschluss natürlich einen Assmannshäuser Rotweinkuchen, der noch einmal geschmacklich daran erinnert, dass der Rheingau nicht nur die Heimat des Rieslings ist, sondern zu jeder Jahreszeit in seiner ganzen kulinarischen Bandbreite eine Entdeckungstour lohnt. „Stay at home“ heißt dann: Herzlich willkommen im Rheingau.

Quelle: F.A.S.
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