Leichte Sprache

Gar nicht so leicht

Von Simone Stern, Frankfurt
27.11.2015
, 12:05
Lesen leichtgemacht: Leichte Sprache hilft nicht nur Menschen mit einer Leseschwäche.
Bei der Integration von Menschen mit Behinderung geht es nicht nur um rollstuhlgerechte Eingänge oder Schulen mit inklusiven Klassen. Auch Sprache kann eine Barriere sein. Die Leichte Sprache würde mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland helfen.

Bernd Buggenhagens Lesebrille hängt an einem schwarzen Band um seinen Hals. Er liest vor: „Man kann ein Hochbeet befüllt oder leer kaufen.“ Kurz überlegen er und die beiden anderen Leser, die mit ihm am Tisch sitzen. „Dann muss doch aber vorher auch etwas drin gewesen sein, wenn ich es leer kaufen kann“, sagt Buggenhagen. Die anderen verstehen seinen Einwand nicht, wiederholen was da steht. Wo ist das Problem? Sie fragen das nicht genervt oder irritiert, sondern ernsthaft interessiert. Sie testen für das Unternehmen Capito Texte auf ihre Lesbarkeit. Also: Was ist an dem Satz zu schwer?

7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland

Das ist die konkrete Frage. Die abstrakten Fragen sind: Wie lässt sich eine Informationsgesellschaft wie unsere für Menschen mit Behinderung barrierefrei gestalten? Mit Brailleschrift auf Tablettenpackungen für Blinde und Untertiteln im Fernsehen für Gehörlose. Aber was ist mit denen, die im Verstehen der Informationen behindert sind?

Das sind keineswegs nur die Menschen, die mit Lernschwächen geboren wurden. Laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2010 leben in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, also Menschen, die nicht in der Lage sind, selbst aus Texten, die normale Leser als einfach empfinden, Sinn herauszulesen. Dazu kommen noch einmal 13 Millionen, die nie das Rechtschreib- und Leseniveau erreichen, das Grundschüler am Ende der vierten Klasse haben.

Über die Hälfte der funktionalen Analphabeten hat Deutsch als Muttersprache, es geht also nicht nur um Menschen, die unsere Grammatik erst nachträglich erlernt haben und deshalb mit ihr kämpfen. Durch die Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, wächst aber auch diese Gruppe. Ihnen allen, ob sie Deutsch erst noch lernen oder es schon immer sprechen, aber manchmal trotzdem nichts verstehen, ist zu helfen: mit leichter Sprache. Das ist in diesem Fall nicht nur eine grobe Beschreibung, sondern der Name eines Konzepts, das aus den Vereinigten Staaten stammt. 1996 entwickelte die Initiative „People First“ dort Texte, die „easy to read“, also einfach zu lesen sind. Seit 2006 gibt es auch in Deutschland ein „Netzwerk leichte Sprache“.

Wie ein Ratgeber für guten Journalismus

Leichte Sprache hat feste Regeln und man sollte sie auf keinen Fall „einfach“ nennen. Denn einfache Sprache gibt es ebenfalls, wurde von Akademikern erfunden und enthält immer noch einiges, das leichte Sprache verbietet. Leichte Sprache wird auf den Sprachlevels A1 und A2, den ersten zwei von sechs Ebenen der Sprachkenntnis, verfasst.

Eigentlich klingt vieles aus dem Regelwerk wie aus einem Ratgeber für gutes journalistisches Schreiben: Lieber „Arbeitsgruppe“ als „Workshop“ benutzen, „das heißt“ und nicht „d. h.“ schreiben. Man sollte von Bus und Bahn sprechen statt von öffentlichen Verkehrsmitteln, denn das ist genauer, und beim Wort Pferd bleiben, und es nicht später durch Gaul ersetzen, denn das verwirrt. Doch zu leichter Sprache gehören auch Bilder, die das Geschriebene anschaulich machen und vor allem die Überprüfung durch die Menschen, die damit erreicht werden sollen.

Die Firma „Capito“ übersetzt in eine einfachere Sprache

Bernd Buggenhagen, Amina Dornheim und Alexander Kellner sind Teil einer solchen Testgruppe, alle drei lesen und schreiben auf Grund von Lernschwächen auf dem Sprachlevel A2. Sonst haben sie scheinbar nicht viel gemeinsam. Buggenhagen und Dornheim trennen 34 Jahre Leben. Alexander Kellner trägt auch am Tisch, auf dem Kaffee und Kekse stehen, eine gelbe Warnweste, er kommt gerade von der Arbeit. Sie sind alle in den Praunheimer Werkstätten in Fechenheim angestellt und lesen dort für das Unternehmen Capito Probe. Capito ist ein Franchise-Unternehmen aus Österreich, die Filiale in Frankfurt gibt es seit September.

Franchise ist ein englisches Wort.

Man spricht es so aus: Fränscheis.

Capito bietet Unternehmen, Behörden und Organisationen eine Übersetzung von „schwerer“ Alltagssprache auf ein einfacheres, gewünschtes Sprachniveau. Eine anschließende Prüfung durch potentielles Publikum ist inbegriffen. Richtet sich ein Angebot also an Rentner, lesen Senioren die Texte gegen. In Frankfurt geht es heute um Texte für die Internetseite des Berufsbildungswerks BBW Südhessen.

Es geht auch um Wertschätzung

Das Problem mit den Hochbeeten ist noch nicht gelöst. Marianne Dewey von Capito leitet die Prüfung und versucht immer noch zu verstehen, was Buggenhagen an dem bereits extra einfach formulierten Satz Probleme macht. Sie hat früher schon als Übersetzerin gearbeitet; für technische Texte wie Betriebsanleitungen. Jetzt stimmt sie sich nicht mehr nur mit dem Kunden ab, sondern auch mit den Lesern. „Unsere Prüfgruppen sind die Experten, wir reagieren nur auf ihre Vorschläge“, sagt sie.

Tatsächlich macht sie sich ständig Notizen neben den Originaltext, fügt Ausrufezeichen oder Bindestriche hinzu. Dazu wirft sie ihren langen braunen Haare auf den Rücken und hält das Papier so nahe vors Gesicht, dass es ihre Nasenspitze fast berührt, denn sie hat eine starke Sehschwäche. Nach einigem Hin und Her löst sich auch das Hochbeet-Problem: Buggenhagen versteht „leer kaufen“ im Sinne von „alles aus dem Hochbeet wegkaufen“ und schon funktioniert der simple Satz nicht mehr.

Das BBW Südhessen lässt seine Texte aus einem einfachen Grund übersetzen: „Wir wollen auch von unseren Kunden und Mitarbeitern verstanden werden“, sagt Geschäftsführerin Renée Eve Seehof. Zuvor hätten sich Texte oft an die Eltern der Lernschwachen gerichtet und an die Behörden, die zum Beispiel unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an sie vermitteln. Die Umgestaltung der Website sei nur der erste Schritt, den die Berufsbildungswerke in Sachen leichter Sprache gehen wollen. Bald sollten auch die Verträge der Auszubildenden und Mitarbeiter übersetzt werden, sagt Seehof. „Es den Menschen möglich zu machen, uns zu verstehen, gibt ihnen auch Wertschätzung“, sagt Seehof. Inklusion heiße, dass sich die Gesellschaft zugunsten des Individuums verändere und nicht andersherum.

Inklusion ist ein lateinisches Wort.

Auf Deutsch heißt das Wort: Einbeziehung oder Dazugehörigkeit.

Auch Websites von Bund und Ländern soll es in leichter Sprache geben

Vor sechs Jahren hat sich Deutschland zusammen mit den anderen EU-Staaten dazu verpflichtet, das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ der Vereinten Nationen einzuhalten.

In der Konvention steht zum Beispiel:

Menschen mit Behinderung sollen überall mitmachen können.

Deshalb soll es keine Barrieren geben.

Menschen mit Behinderung sollen die gleichen Rechte haben wie alle anderen Menschen auch.

Bund und Länder haben darin auch versprochen, Schreiben und Teile ihrer Websites in leichter Sprache anzubieten. Das Problem: Das gilt zunächst nur für Behörden. So kann man sich zum Beispiel auf der Seite des Finanzministeriums Progression erklären lassen.

Nicht alle Menschen zahlen gleich viel Einkommens-Steuer.

Wenn jemand viel verdient, muss er mehr Steuer zahlen.

Wenn jemand wenig verdient, zahlt er weniger.

Es geht darum, anderen das Leben leichter zu machen

Für Privatunternehmen gibt es aber keine Vorgaben oder Richtlinien, es braucht selbständiges Engagement wie beim BBW. Und das von Prüfern wie Alina Dornheim. Sie seufzt, „meine berühmten Bindestriche“, sagt sie. In leichter Sprache werden zusammengesetzte Substantive oft getrennt, um das Ende eines Wortes zu verdeutlichen. In der Übersetzung des BBW-Texts ist es das Wort „Rollstuhl-Fahrer“. „Rollstuhlfahrer gehören zusammen, außerdem fehlen die Fahrerinnen und Ladies first, bitte“, sagt Dornheim. Sie erzählt, dass sie für Capito testet, weil sie einem Freund helfen wollte, der nicht so gut lesen kann. Auch Kellner und Buggenhagen geht es darum, anderen das Leben leichter zu machen.

Die Prüfung aller Übersetzungen für die BBW-Website sei an zwei Tagen erledigt worden, sagt Dewey von Capito. Acht Prüfgruppen haben sich dabei abgewechselt, die Teilnehmer kamen alle aus den Praunheimer Werkstätten, mit denen Capito zusammenarbeitet. Dornheim, Kellner und Buggenhagen sind eine der letzten Gruppen. In 45 Minuten haben sie noch nicht einmal zwei Seiten geschafft. Denn viele Dinge werden genau überdacht: „Was ist eigentlich ein Pavillon?“, sagt Dewey. In „Flora‘s Pavillon“ kann man die Hochbeete kaufen. Aber wie sieht er wohl aus? Ist er automatisch offen? Oder aus Holz? „Vielleicht ist es aber auch nur der Name des Ladens. Wie bei der Baumschule, da sitzen ja auch nicht die Bäume auf Stühlen vor der Tafel“, sagt Buggenhagen. Generell gilt: Je abstrakter, desto unverständlicher. Eine Capito-Kollegin von Dewey erzählt, dass sie bei einem Seminar einmal das Wort „Vorurteil“ erklären musste. Gar nicht so leicht.

Ein Vorurteil ist, was wir über andere denken,

obwohl wir sie gar nicht kennen.

Quelle: F.A.Z.
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