Lesungen in Corona-Zeiten

Literatur vor der Entscheidung

Von Florian Balke
04.09.2020
, 06:00
Lesung heute: Anna Katharina Hahn (rechts) Mitte August im Frankfurter Haus am Dom beim "Stromern-Festival".
Video-Streaming oder Lesung live: Die Literaturveranstalter in Frankfurt blicken auf eine abgebrochene Saison zurück und in eine unsichere Zukunft voraus. Mit unterschiedlichen Strategien und Ängsten.
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Er gibt der Branche noch bis Mitte des nächsten Jahres. Sei bis dahin kein Impfstoff gefunden, bedeute es das endgültige Aus für die Mehrzahl der freien Veranstalter. „Ich sehe schwarz“, sagt Michael Hohmann. Dem Leiter der Frankfurter Romanfabrik sind durch die Corona-Krise bis zu drei Viertel der rund 40.000 Euro weggebrochen, die er durch die Untervermietung seines Saales jährlich verdient. Das mache im Etat der als Verein organisierten Romanfabrik, die von Stadt, Land, Stiftungen und Sponsoren unterstützt wird, einen nicht ganz unbedeutenden Posten aus.

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Ausgerechnet die bislang erfolgreich verdienten Eigenmittel erwiesen sich nun als „Achillesferse“ des Budgets, bedauert Hohmann: „Das ist ein Moment, der uns existentiell bedroht.“ Nun, nach der Hauptversammlung des Vereins, wird es daher einen Spendenaufruf geben.

Zwar kann Hohmann seine eigene Miete derzeit noch zahlen. Und der Verein könnte zur Not auch ohne festen Sitz weiterbestehen und Veranstaltungen organisieren. Dann und wann, hier und da. Aber mit festem Ort veranstaltet es sich besser, von der Licht- und Tontechnik bis zum Konzertflügel auf der Bühne: „Daher ist es wichtig, dass uns Freunde, Mitglieder und die Stadt beistehen.“

Es geht wieder los

Aber auch Hohmann beginnt wieder mit Veranstaltungen, es geht an der Hanauer Landstraße erst mit etwas Musik los, dann, am 9. September, mit einem Gespräch zwischen dem Dramaturgen Norbert Abels und dem Komponisten Moritz Eggert zur europäischen Oper. Als Teil der Reihe „Café Europa“ wird es aufgezeichnet und auf dem Youtube-Kanal der Romanfabrik zu sehen sein. Live-Streams aber wird es, anders als im Frühjahr, nicht mehr geben. Dabei war Hohmann mit ihnen Ende April der regionale Pionier. Frank Witzel, Clemens Meyer, Pit Knorr – dank der Romanfabrik gab es für Literaturfreunde etwas zu sehen, als alle anderen noch zögerten. Mit glücklichen Künstlern, vielen hundert Zugriffen auf Youtube und einem sehr erfreulichen Spendenaufkommen.

Lesung einst: Dicht gedrängtes Publikum bei einer Lesung von Ingrid Noll m Römerkeller im Jahr 2017.
Lesung einst: Dicht gedrängtes Publikum bei einer Lesung von Ingrid Noll m Römerkeller im Jahr 2017. Bild: Rainer Wohlfahrt

Im Juni ließ Hohmann zudem als Erster wieder Publikum im Saal zu. Und merkte sofort, was er beim Streaming vermisst hatte. „Das war eine ganz andere, einfach viel natürlichere Situation.“ Kein Raum mit Autor und Kamera, „ansonsten leer und steril“, kein kleiner Bildschirm, „vor dem die Sache eben nicht so spannend ist“. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: Kein Streaming mehr.

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Das sieht Hauke Hückstädt vom Literaturhaus ein wenig anders. Obwohl er im Frühjahr nicht gestreamt und nach dem Ende des Lockdowns im Juni auch nicht versucht hat, Veranstaltungen zu retten. Drei von zwölf Lesungen wären noch möglich gewesen, bei den anderen konnten Gäste aus dem Ausland nicht anreisen, oder Kooperationspartner sagten ab. Das war ihm zu wenig: „Dafür fahren wir den Betrieb nicht hoch.“

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80 Prozent der von März bis Juni ausgefallenen Veranstaltungen will er dafür bis in den Sommer nächsten Jahres nachholen: „Jeder Abend soll den Platz bekommen, den wir ihm zugedacht haben.“ Das sagt er auch als Initiator der Kampagne „Zweiter Frühling“, für die das seit kurzem von ihm geführte Netzwerk der Literaturhäuser inzwischen mehr als hundert Partner gewonnen hat.

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„Man schaltet schneller aus“

Hückstädts Programm steht bis Dezember. „Es wird den Umständen entsprechend weniger international.“ Bis Anfang November kommen neben anderen Jean-Luc Bannalec, die Autoren der Buchpreis-Shortlist und Zsuzsa Bánk. „Wir planen ein vollständiges, live erlebbares Programm unter den dann geltenden Hygieneregeln.“ Derzeit und vermutlich auch noch im Oktober und Dezember bedeutet das, dass im Lesesaal nur 35 Zuschauer Platz finden. In normalen Zeiten sind es 200.

Aber Hückstädt hat sich eine Überraschung ausgedacht: Alle Lesungen werden zusätzlich live gestreamt. Dazu werden mehrere Kameras im Saal installiert, an einem Mischtisch wird zudem live geschnitten, damit den Zuschauern zu Hause visuelle Abwechslung geboten wird: „Wir werden lernen. Wir können kein Fernsehstudio aufbauen, aber wir werden auf vieles achten.“ Warum? Was er im Frühjahr bei Veranstaltern in Deutschland sah, gab ihm nicht gerade das Gefühl, als Zuschauer dabeibleiben zu wollen: „Das Bewegtbild verzeiht viel weniger als das Live-Erlebnis. Man schaltet schneller aus.“

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Das gilt es zu verhindern. Zumal Hückstädt ein weiteres Experiment plant. Er will versuchen, mit dem Streaming Geld zu verdienen. „Wann immer man auf der Internetseite des Literaturhauses ist, kann man wählen zwischen einem Live-Ticket und einem Schau-Ticket.“ Es kostet fünf Euro, für die man die Lesung bis zu 72 Stunden nach der Veranstaltung vom Sofa aus betrachten kann: „Im Bademantel.“ Die Nachteile solcher Formen seien offensichtlich, sagt Hückstädt: keine Begegnungen, kein Wein, kein AusgehErlebnis. Aber vielleicht gebe es ja auch Vorteile. Für die Zuhörer: „Man kann öfter hingehen. Und bekommt auf jeden Fall immer eine Karte.“ Und für die Organisatoren, die plötzlich mehr als 200 Plätze vergeben können: „Es können erstmals mehr werden.“

Kürzere Lesungen in Corona-Zeiten

Es ist der Versuch, gegen die verringerten Einnahmen aus Kartenverkauf und Vermietungen anzugehen, die auch bei ihm einen gewichtigen Posten im Budget ausmachen: „Das tut uns alles weh.“ Aber auch ein Protest gegen das Umsonst-Anbieten von Kulturinhalten im Netz: „Es geht hier ja nicht um Unboxing-Videos.“ Vor allem aber sieht er es als Zeichen an die Autoren. Es gehe um die Solidarität mit ihnen, die als Einzelkämpfer auf möglichst viel Aufmerksamkeit für ihre Bücher angewiesen seien: „Es gibt für den gesamten Kulturbereich praktisch die Verpflichtung, Veranstaltungen anzubieten.“

Bei ihm werden sie allerdings kürzer ausfallen, so wie in den Konzertsälen und Theatern der Region vor der Sommerpause. Statt der üblichen anderthalb Stunden eher eine Stunde. Um die Zeit, in der man gemeinsam im Saal sitzt und sich anstecken kann, zu verringern, aber auch, um die Zuschauer am Computerbildschirm nicht zu langweilen.

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Die nächste Herausforderung, fügt Hückstädt wie nebenbei hinzu, werde es übrigens sein, im September und Oktober planerisch zu erahnen, was in der Zeit zwischen April und Juni 2021 möglich sein wird.

„Eine Lesung ist ein soziales Ereignis“

Da kann Björn Jager ihm nur beipflichten. Der Leiter des Hessischen Literaturforums im Frankfurter Mousonturm hat im Frühjahr ebenfalls über digitale Lösungen nachgedacht, aber schnell verworfen: „Eine Lesung ist ein soziales Ereignis, das lässt sich nicht im Internet reproduzieren.“ Es sei, fügt er hinzu, als sage man einem Bäcker, er solle sich eine digitale Lösung für das Brötchenbacken ausdenken.

Lieber analoge Schrippen also. Nach dem gerade zu Ende gegangenen Festival „Stromern“, mit dem er im Haus am Dom versucht hat, Ausgefallenes nachzuholen, wird Jager mit seinen Herbstveranstaltungen wegen der geringen Größe seines Saales im Künstlerhaus weiterhin durch befreundete Häuser ziehen. Ulrike Almut Sandig kommt mit ihrem ersten Roman ins Haus am Dom, mit Olga Grjasnowa geht es in die Jüdische Gemeinde.

Lesungen digital oder analog: das Literaturhaus in Frankfurt
Lesungen digital oder analog: das Literaturhaus in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Dort hat am 1. September mit Minka Pradelski auch die „Frankfurter Premieren“ des städtischen Kulturamts begonnen. Und wie in Frankfurt, so in der gesamten Region. Das Literaturhaus Wiesbaden zieht, um unter Einhaltung von Abstand und Hygiene mehr Gäste sicher unterbringen zu können als in den hübschen, aber kleinen Räumen der Villa Clementine, ins Kulturforum an der Friedrichstraße und das Museum Wiesbaden, sein Programm beginnt am 29. August mit Ingo Schulze. Er eröffnet am 23. September auch das Programm des Literaturhauses Darmstadt, das die meisten Lesungen zwecks besseren Abstandhaltens in die Centralstation verlegt. Das Rheingau-Literaturfestival ist vom 17. September an für Besucher da, während die Darmstädter Stadtkirche ihren „Literarischen Herbst“ erst am 2. Oktober mit Abbas Khider beginnt.

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Bleibt bloß noch die Frage, wie lange das alles gutgeht. Pessimisten und Optimisten aus Virologie und Literaturbetrieb geben unterschiedliche Antworten. Für Jager steht schon jetzt fest: Die Spielzeit wird verkürzt. Nach derzeitigen Plänen ist Anfang November Schluss. Er will in Corona-Zeiten nicht in die klassische Erkältungssaison hineingeraten, in der die Besucher ohnehin zu schniefen und zu husten beginnen, auch ohne zusätzlich umgehende Pandemie-Viren: „Und weil ich nicht weiß, ob neue Einschränkungen nicht alle Planungen abermals unmöglich machen.“

Er wolle kein zweites Frühjahr erleben, in dem er viel Geplantes oder gar alles ausfallen lassen und den Rest abermals verschieben müsse. Das will keiner. Mal sehen, was passiert.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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