FAZ plus ArtikelTodesanzeigen im Wandel

Letzte Grüße

Von Tobias Rösmann
23.11.2019
, 14:37
Früher zierten Kreuz und Psalm die Todesanzeigen – heutzutage entscheiden sich viele für ein Foto und ein Zitat aus dem Kleinen Prinzen. Aussterben werden die Anzeigen aber nicht.

Gestorben ist ein Mann, erst ein paar Wochen ist das her. Zur Welt kam er im Oktober 1926, den letzten Atemzug tat er im Oktober 2019. Die Todesanzeige zeigt einen alten Herrn mit weißem Haarkranz und Brille. Er lächelt leicht und sieht jünger aus als 93 Jahre. Sein Foto macht fast die Hälfte der Anzeige aus. Einen Psalm, ein Gebet oder ein christliches Kreuz gibt es nicht. Stattdessen findet sich neben dem Bild des Verstorbenen ein Zitat. Es stammt aus dem Lied „Euch zum Geleit“ der Mittelalter-Folkband Schandmaul.

Gestorben ist eine Frau, schon 40 Jahre ist das her. Wann sie zum ersten Mal geatmet hat, steht da nicht; im November 1979 schloss sie für immer die Augen. „Nach mehr als einem halben Jahrhundert gemeinsamen Lebens hat mich meine Frau für immer verlassen“ – das hat ihr Mann in die Todesanzeige geschrieben. Links zieht sich ein schmales Kreuz entlang, viel länger als breit. In der Mitte steht „Ihr Vorbild wird weiterleben“, ein Satz wie eine Beschwörung. Und Psalm 23 wird erwähnt. Er beginnt mit der Zeile „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“.

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