Liebieghaus Frankfurt

Eine verwunschene Welt

Von Michael Hierholzer
29.04.2016
, 08:25
Kulturstätte: Zeitung und Kaffee, gute Gedanken und Kuchen nach Großmutters Rezepten gehören nicht nur in Wien zusammen. Hier das Café im Liebieghaus.
Das Café im Liebieghaus soll einen neuen Pächter bekommen. Stammgäste befürchten, dass sich der Charakter des Orts ändert. Das wäre ein Verlust.
ANZEIGE

Die Temperatur ist spätherbstlich, ebenso das Wolkenschauspiel am Himmel. Aber die Blütenkerzen der alten, großen Rosskastanie vor dem Museumsbau erheben sich in voller Pracht. Es muss Frühling sein. Allerdings ein wirklich untrügliche Zeichen dafür wäre, dass man keinen Platz im Hof findet. Der Herkules auf seiner Säule steht jedoch verlassen und allein in der Mitte des Platzes, die Tische sind verwaist, eine große Plane überspannt das Areal, bei knapp sechs Grad Celsius bietet auch sie keinen Anreiz, sich hier niederzulassen.

ANZEIGE

Im Inneren des Liebieghaus-Cafés ist ebenfalls wenig los. Wobei die Kenner die Tage und Stunden zu schätzen wissen, wenn es dort ruhiger zugeht. Im Augenblick wird im Museum eine Ausstellung vorbereitet, es gibt keinen Publikumsverkehr, auch deshalb ist der Andrang in der unprätentiösen Verköstigungsstätte nicht groß.

Die Stimmung ist gedämpft. Dazu trägt ein Aushang bei, auf dem gegen den bevorstehenden Pächterwechsel protestiert wird. Das Café, so der Tenor, soll bleiben, wie es ist. Viele Stammgäste befürchten, dass der Ort seinen Charme verliert, die Getränke teurer werden, sich das Café angleicht an die überall gleichen schicken Läden mit Barista und Designermöbeln.

Die Liebieghauscafé-Folklore

Der größere Gastraum wird gerade renoviert, aber im Erdgeschoss der ehemaligen Fabrikantenvilla gibt es viele Zimmer und kleine Säle. Einer davon steht jetzt den Besuchern offen, ein neogotisches Ambiente mit brauner Holzvertäfelung. Unter einem mittelalterlich anmutenden Gewölbe sitzt auch, wer sich im vorderen Raum niederlässt. Allerlei Figuren stehen in den Nischen, eine einzelne Säule dient als Befestigung für Zeitungshalter, wie man sie aus den Wiener Kaffeehäusern kennt. Seit jeher muss man sich seinen Kaffee selbst am Tresen holen. In einer altertümlichen Vitrine stehen diverse Kuchenspezialitäten, deren Auswahl sich seit Menschengedenken nicht verändert zu haben scheint: Abruzzo und Himbeer-Quark-Torte, Beeren-Tarte, französischer Apfelkuchen, Buttermilchkuchen, das klingt vertraut. Wer Lust auf etwas Herzhaftes hat, ist beispielsweise mit dem Taboulé gut bedient, das neben anderen kalten Gerichten angeboten wird.

Vor den Augen des Besuchers wird der Kaffee zubereitet, für 2,50 Euro bekommt der Gast einen Cappuccino. Ein Lächeln ist nicht immer dabei. Auf eine dezent mürrische Art wurden dort schon viele abgefertigt, eine freundliche Geste bestimmter Mitarbeiter muss man sich hart erarbeiten. Das alles gehört ebenso zur Liebieghauscafé-Folklore wie das eigenhändige Abräumen des Geschirrs.

ANZEIGE

Der städtische Trubel rückt in die Ferne

Von modischem Schnickschnack keine Spur, wer möchte, kann sich hier stundenlang an einer Espresso-Tasse festhalten, anregende Gespräche führen, sich mit Literatur zu den Werken in der Skulpturensammlung beschäftigen oder irgendein Buch lesen. Keine Musik rieselt den Anwesenden ins Hirn, die Umgebung wirkt anregend auf das Denken wie auf das ästhetische Bewusstsein. Die Einzigen, die hier posieren, sind die bacchantischen Gestalten auf einem barocken Gemälde.

Sommeridylle: Der Innenhof des Liebieghauses lädt zwischen Herkules-Statue und wucherndem Grün zum Verweilen ein.
Sommeridylle: Der Innenhof des Liebieghauses lädt zwischen Herkules-Statue und wucherndem Grün zum Verweilen ein. Bild: Patricia Kühfuss

Garten, Liebiegs Villa, die Museumsanbauten, der Innenhof, das Café: sie bilden ein Ensemble, das einzigartig in Frankfurt ist, eine leicht verwunschene Welt, die von Mäuerchen umgeben ist und weit entfernt wirkt vom städtischen Trubel und den alltäglichen Geschäften. Dabei liegt sie mitten in Frankfurt und gehört gewiss zur Identität der Stadt. Weiße Bänke, verschlungene Wege, eine leicht abschüssige Wiese mit exotischen Bäumen, eine Nachbildung der Athena-und-Marsyas-Gruppe, die zeigt, wie die von Myron geschaffene griechische Göttin, die als Hauptwerk im Liebieghaus zu sehen ist, sich ursprünglich in eine dramatische Szene einfügte: An diesem Ort werden Geschichten lebendig, Mythen, Märchen.

ANZEIGE

Ein Ort, an dem die Phantasie gedeihen kann

Athena hat gerade entsetzt die Flöte weggeworfen, auf der sie spielte, weil sie in einer Pfütze widergespiegelt sah, wie sie dabei ihre Backen aufblähte und an Schönheit einbüßte. Der Satyr Marsyas ergreift die Gelegenheit und das Blasinstrument, was ihm auf Dauer nicht bekommen wird. Denn er wird die Flöte besser beherrschen als Apoll, der das gar nicht leiden kann und ihm zur Strafe die Haut abzieht. Die Erzählung lässt sich im Café weiterspinnen, das ebenso aus der Zeit gefallen scheint wie die antike Mythologie. Es handelt sich nicht um ein Straßencafé, sondern um einen gleichsam geschützten Bezirk, eine geschlossene Sphäre, in der die Phantasie gedeihen kann. Auch und gerade an einem regnerischen Tag.

Bei schönem Wetter jedoch ist das Café ein Treffpunkt der angenehmsten Art. Dass er das bleiben soll, ist aus der Liebieghaus-Leitung zu vernehmen. Dennoch ist geplant, demnächst einen neuen Pächter mit einem veränderten Konzept zu präsentieren. Wer regelmäßig hierher kommt, wird auf Selbstbedienung und Patina allerdings nicht verzichten wollen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE