Martin Luther in Frankfurt

Der dem Papst widerspricht

Von Hans Riebsamen
14.04.2021
, 19:45
Als Martin Luther vor 500 Jahren in Frankfurt eintraf, geschah das still, geradezu heimlich. Sein Besuch sollte die Stadt jedoch für immer verändern.

Kaiser oder Luther? Privilegien oder Ächtung? Katholisch oder evangelisch? So lässt sich die komplizierte Lage Frankfurts zu Beginn der Reformation knapp darstellen. 500 Jahre nach Luthers Übernachtung in Frankfurt am 14. April 1521 kann man nur spekulieren, wie Frankfurt heute aussähe, hätten sich in der damaligen Umbruchszeit die Stadtoberen nicht einigermaßen erfolgreich durch die gefährlichen Untiefen laviert. Hätte zum Beispiel der streng katholische Kaiser Karl V. der mit der Reformation liebäugelnden Stadt das Privilegium, Messen abzuhalten, entzogen, wäre womöglich das gerade einmal 50 Kilometer entfernte katholische Mainz zur führenden Handels- und Verkehrsmetropole aufgestiegen. Man spräche dann heute nicht von der „Mainmetrople“, sondern von der Provinzstadt Frankfurt.

Die Gegenspieler jener Tage, Kaiser Karl V. und Martin Luther, kannten Frankfurt aus eigener Anschauung. Knapp zwei Jahre vor der erwähnten Stippvisite Luthers in Frankfurt auf seinem Weg zum Reichstag in Worms war Karl V., in dessen Reich von Österreich über Burgund bis Spanien und dessen überseeischen Besitzungen nach eigenen Worten „die Sonne nie unterging“, im Frankfurter Dom St.Bartholomäus von den Kurfürsten zum römisch-deutschen König gewählt worden – dank der Zahlung riesiger Bestechungsgelder. Ein Jahr später folgte die Kaiserkrönung in Bologna durch den Papst.

Die in der „Goldenen Bulle“, dem 1356 verfassten Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches, festgelegte Regelung, dass ein neuer König in der Frankfurter Bartholomäuskirche gewählt werden müsse, auch der spätere Usus, den neuen Herrscher im Frankfurter Dom zu krönen, haben Frankfurt zu einer Art Hauptstadt des Alten Reiches gemacht. Um diesen besonderen Rang zu behalten und zu sichern, musste Frankfurt während der Reformationszeit immer irgendwie ein Einverständnis mit Karl V. und seinen Nachfolgern finden. Die Stadt befand sich permanent in einer Zwickmühle: Sie wollte kaisertreu, aber auch evangelisch sein.

Seine Sorgen für einen Abend in Frankfurt vergessen

Allzu viel ist nicht bekannt über den Aufenthalt Luthers in Frankfurt während seiner Reise von Wittenberg nach Worms. Man weiß, dass er im Gasthaus „Zum Strauß“ an der Buchgasse nahe dem Rathaus Römer nächtigte. Das Gebäude gibt es nicht mehr, an die Herberge erinnert aber ein Wandbild am früheren Sitz der Bethmannbank an der Bethmannstraße, das einen prächtigen Vogel Strauß zeigt, der an das einstige Gasthaus erinnerte. Luther hat geahnt, dass ihm in Worms, wo er seine Schriften und Lehren vor dem Kaiser und den Mächtigen des Reiches rechtfertigen sollte, schwere Stunden bevorstanden. Ein Vorzeichen des drohenden Unheils war die ein Monat vorher ergangene Anordnung des Kaisers, alle Schriften Luthers einzuziehen, da diese durch eine päpstliche Bulle verboten worden seien. Dabei waren diese Schriften rasend gefragt: Auf der Frankfurter Buchmesse von 1520 soll allein ein hiesiger Händler 1400 Exemplare abgesetzt haben.

Dennoch scheint Luther im Gasthaus Strauß seine Sorgen für einen Abend verdrängt und sich bei Musik und Wein guter Gesellschaft erfreut zu haben. Der Mönch, der er damals noch war, soll sogar selbst zur Laute gegriffen haben – „wie ein gewisser Orpheus, aber geschoren und in der (Mönchs-)Kapuze und deshalb nur umso wunderbarer anzusehen“.

Wie es wirklich um den Gemütszustand Luthers stand, ist einem Brief zu entnehmen, den er aus Frankfurt an Georg Spalatin, dem schon in Worms weilenden Berater und Beichtvater des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen, schickte. Er berichtet darin von einer körperlichen Schwäche, unter der er auf dem ganzen Weg von Eisenach nach Frankfurt gelitten habe. Trotzdem wolle er nach Worms kommen, „allen Pforten der Hölle und Fürsten der Luft zu Trotz“. Er wolle den Satan nicht aufblähen, sondern wolle ihn vielmehr erschrecken und verachten.

Eine große öffentliche Rede hat der Kirchenkritiker und spätere Reformator in Frankfurt an diesem 14. April nicht gehalten. Er nahm auch nicht an einer Disputation mit Religionsgelehrten teil, verkündete zudem keine politische Botschaft in Richtung Reichstag. Vielmehr zog er eher still in der Reichsstadt Frankfurt ein, ohne großes Aufsehen. Ohne dass ihm der Rat der Stadt einen Empfang bereitet hätte. Aber er traf auf einige wenige Geistesverwandte, auf die vornehmen Patrizier Arnold von Glauburg etwa oder auf Hamman von Holzhausen, die ihn begeistert begrüßten und mit ihm bis in die Nacht hinein über seine Lehre diskutierten. Katharina von Holzhausen wiederum, die Witwe des verstorbenen Familienoberhauptes Gilbrecht von Holzhausen, sandte Luther zwei Maß Malvasierwein in seine Herberge, besuchte ihn dort auch und küsste ihm die Hände. Ihre Eltern, so erzählte sie Luther, hätten oft vorausahnend gesagt, es werde einmal einer kommen, und „des Papstes Gräuel und Menschentand“ widersprechen.

Das erste Frankfurter Gymnasium

Schon vor Luthers Ankunft hatte es in der Stadt reformerische Bestrebungen gegeben. Ein Kreis von humanistisch und antiklerikal beziehungsweise romfeindlich gesinnten Patriziern, darunter Hamman von Holzhausen, der später die Reformation in Frankfurt entschieden vorantreiben sollte, hatte es satt, seine Kinder weiterhin in den geistlichen Schulen etwa des Bartholomäus-Stifts ausbilden zu lassen. Sie gründeten 1520 eine städtische „Junkerschule“ mit dem Humanisten Wilhelm Nesen, einem Freund des Erasmus von Rotterdam, an der Spitze. Aus dieser Lateinschule entwickelte sich das erste Frankfurter Gymnasium, dem in neuerer Zeit das heutige Lessing-Gymnasium und das Goethe-Gymnasium entwuchsen.

Vor seiner Abreise nach Worms besuchte Luther am Morgen noch diese „Junkerschule“. Hier segnete er die Schüler Christoph von Stalburg und Hieronymus von Glauburg, die später in der Stadt als entschiedene Anhänger der Reformation auftraten. Luthers Auftritt auf dem Reichstag endete bekanntlich in einem Desaster. Er konnte nicht mit Doktoren und Theologen über seine Ansichten disputieren. Vielmehr verhängte der Kaiser im berühmten „Wormser Edikt“ die Reichsacht über den Reformator, nachdem dieser den Widerruf seiner Theologie standhaft verweigert hatte. Zudem befahl Karl V. die Vernichtung aller Schriften Luthers und verbot die Verbreitung seiner Lehre.

Sein Gedankengut hat Wurzeln geschlagen

Auf der Rückreise mit einer weiteren Übernachtung Luthers im Frankfurter Gasthaus „Zum Strauß“ schrieb Luther einen Brief an seinen Freund, den Maler Lucas Cranach d. Ä., in dem er berichtete, wie er kurz und bündig vom Kaiser abgefertigt worden sei: „Sind die Bücher dein? Ja! Willst du sie widerrufen oder nicht? Nein! So heb dich!“ Eine spätere Legende sind vermutlich Luthers berühmte Worte „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen.“ In seinem Schreiben an Cranach kündigte Luther auch an, dass er sich vorerst vor den Häschern des Kaisers verstecken müsse: „Es muss eine kleine Zeit geschwiegen und gelitten sein.“ Diese Zeit auf der Wartburg hat Luther freilich produktiv genutzt und das Neue Testament ins Deutsche übersetzt.

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In Frankfurt hatte sein Gedankengut Wurzeln geschlagen, die von den katholischen Kräften nicht mehr ausgerissen werden konnten. 1522 hielt der Luther-Schüler Hartmann Ibach die erste evangelische Predigt in einem Frankfurter Gotteshaus, in der Katharinenkirche. Sechs Jahre später findet in der heute nicht mehr existierenden Barfüßerkirche die erste evangelische Abendmahlfeier statt. 1533 war die Reformation in Frankfurt schon so weit fortgeschritten, dass der katholische Kultus im Dom verboten wurde.

Eine Hochburg des lutherischen Glaubens

Dass die Stadt sich damit ins eigene Fleisch geschnitten hatte, weil damit eine Königs- beziehungsweise Kaiserwahl in St. Bartholomäus nicht mehr möglich war, ist den Stadtoberen dann schnell aufgegangen. 1548 wurde der Dom wieder eine katholische Kirche und ist es bis heute geblieben. Den Kaufleuten, Messehändlern und Bankiers war das Geld dann doch wichtiger als die Konfession. Trotzdem wandelte sich Frankfurt im Laufe der Zeit zu einer Hochburg des lutherischen Glaubens. Lange galt, dass nur ein städtisches Amt einnehmen konnte, wer evangelischen Glaubens war. Katholiken, aber auch Reformierte waren Bürger zweiter Klasse.

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In der Neuzeit nahm der Anteil der Katholiken durch Zuwanderung und Eingemeindung katholischer Orte wie Höchst laufend zu, heute übertrifft der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung mit etwa 20 Prozent den der Protestanten, die nur noch 16 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die stärkste Gruppe bilden indes die Konfessionslosen. Dass es überhaupt eine größere Zahl von Ungläubigen in Frankfurt und Deutschland geben könnte, hat Luther sich vor 500 Jahren wohl nicht vorstellen können.

Quelle: F.A.Z.
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