Max Hollein

„Nirgendwo wird es mehr so schön sein“

Von Michael Hierholzer
02.06.2016
, 10:37
Er hat die Frankfurter Kulturszene nachhaltig verändert, San Francisco kann sich auf einiges gefasst machen: Max Hollein im Städel-Museum
Zwischen Wehmut und Aufbruchstimmung: Max Hollein, Direktor von Schirn, Städel und Liebieghaus, verlässt nach 15 Jahren Frankfurt. Das vorläufig letzte Gespräch.
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Haben Sie jemals Apfelwein getrunken?

Ja.

Mehrmals sogar?

Ich gehe öfters ins Gemalte Haus, dort habe ich sowohl den Enkel von Miró als auch Jonathan Meese und viele andere hingeführt. Immer ein großer Erfolg. Allerdings ist mir auch mal ein totaler Lapsus passiert: Ich bin mit der Künstlerin Haris Epaminonda und einer ganzen Gesellschaft dorthin gegangen, habe automatisch Schlachtplatten für alle bestellt - aber alle waren Vegetarier, die wollten maximal die Grüne Soße.

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Werden Sie den Apfelwein vermissen?

Er schmeckt einem wenn, dann am besten hier in Frankfurt, so wie man einen Spritzer am liebsten beim Wiener Heurigen trinkt. Was ich aber bestimmt vermissen werde, ist die spezifische Atmosphäre, die ich sehr mag und die mir sehr nah ist, weil ich aus der Wiener Gasthaus- und Beisl-Kultur solche Lokale sehr zu schätzen weiß.

Sie selbst haben demnach Rippchen und Leiterchen gegessen?

Das gesamte Programm. Am liebsten Blutwurst.

Überwiegt bei Ihnen derzeit die Wehmut oder die Aufbruchstimmung?

Gerade wegen der Verabschiedungen ist es für mich im Augenblick eine sehr bewegende Zeit. Die ganze Anerkennung, die ich bekomme, rührt mich natürlich, das ist überwältigend.

Haben Sie damit etwa nicht gerechnet?

Ich habe immer gedacht, dass es auch einen Moment der Befreiung gibt, wenn ich gehe.

Stattdessen sind alle traurig. Haben Sie Ihre Entscheidung schon bereut?

Ich räume jetzt mein Büro auf, ich sichte viele Unterlagen, und da habe ich natürlich sofort Lust, weiterzumachen und an das eine oder andere unmittelbar anzuknüpfen. Es war mir immer klar, dass ich in einer gewissen Weise bereuen würde, hier wegzugehen. Es gibt ja nicht wirklich einen Grund dafür, meine Frau Nina und ich und auch unsere Kinder fühlen sich hier ungemein wohl. Und Frankfurt hat mir ja den Abschied schwergemacht. Ich habe die Stadt so nett und so herzlich, so sehr als Gemeinschaft erlebt in den letzten Wochen, dass es nicht nur eine Floskel ist, wenn ich sage: So schön wird es wahrscheinlich nirgendwo mehr sein. Auf der anderen Seite bin ich jemand, der versucht, sich noch einmal einer neuen Herausforderung zu stellen und im Beruflichen eine Zäsur zu machen. Ich habe mir eine Arbeit ANTWORT: in einem komplexen und sehr dynamischen Umfeld ausgesucht, die sehr interessant ist. Das hat schon seinen Reiz.

In Zeiten der Globalisierung liegen Frankfurt und San Francisco ja auch nicht so weit voneinander entfernt.

Wir werden sicherlich das eine oder andere Projekt gemeinsam machen, ich werde die eine oder andere berufliche Bindung stark pflegen. Frankfurt und San Francisco sind sich auch nicht unähnlich, von der Größe her und auch was die wirtschaftliche Komponente angeht. Gerade in den letzten Wochen habe ich von vielen Leuten gehört, dass sie oft in San Francisco zu tun haben. Von daher wird schon allein der Anteil der Frankfurter in den Museen, die ich leiten werde, zu einer Besuchersteigerung führen.

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Kulturdezernent Semmelroth geht demnächst, Schauspiel-Intendant Oliver Reese bleibt nur noch ein Jahr, Sie verlassen die Stadt in ein paar Tagen. Manche meinen, die Frankfurter Kultur geht unter. Haben Sie auch das Gefühl?

Ich würde mich sehr schlecht fühlen, wenn ich den Eindruck hätte, dass es nicht weiterhin gut vorangehen würde. Ich habe keinerlei negative Prognose. Die drei Häuser, die ich geleitet habe, stehen nicht nur sehr gut da, womöglich so gut wie noch nie in ihrer Geschichte, sie haben auch ein festes Fundament an Unterstützung in der Region und eine internationale Verankerung. Darauf kann sich mein Nachfolger verlassen. Es geht um einen der begehrtesten Museumsposten in Europa.

Sind Sie in die Nachfolgersuche involviert?

Ich habe ein paar Hinweise gegeben, weil ich, wie sicherlich auch ein paar andere, gefragt wurde.

Befürchten Sie, dass eine veränderte Kulturpolitik, die bald wieder in den Händen der SPD liegt, die von Ihnen geleiteten Häuser tangieren könnte?

Wir wissen ja noch nicht, wie es weitergeht. Es braucht aber auch künftig eine Kulturpolitik, die sich stark für die Sache einsetzt und diese auch repräsentiert. Insofern bin ich sehr froh über die Zeit mit Felix Semmelroth.

Bevor Sie nach Frankfurt kamen, gab es eine Diskussion, die Schirn Kunsthalle zu schließen. Befürchten Sie, dass sie wieder zur Disposition gestellt wird?

Das würde ich als persönliche Beleidigung empfinden. Die Schirn hat sich in den vergangenen 15 Jahren stetig weiterentwickelt und ist heute eine der international führenden Ausstellungsinstitutionen in Europa. Wenn ich mir anschaue, wie sich andere Städte bemühen, so etwas jetzt noch aufzubauen, wäre es fahrlässig, die Schirn zu gefährden. In der Schirn war es immer das Ziel, die populärste Ausstellungsinstitution der Region zu sein und doch ein Programm zu gestalten, das neue Pfade, neue Richtungen einschlägt. Die Schirn ist auch die treibene Kraft auf vielen Gebieten gewesen, beim Marketing, bei der Museumspädagogik und nicht zuletzt bei der Digitalisierung. Wir haben viele Dinge zum ersten Mal gemacht.

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Wie sehen Ihre Ausstellungspläne für San Francisco aus?

Ich habe schon Pläne, aber die kann ich Ihnen jetzt nicht mitteilen, da muss ich schon auf Ihre Kollegen vom „San Francisco Chronicle“ Rücksicht nehmen.

Aber Sie können doch sagen, in welche Richtung es gehen soll?

Das inhaltlich Interessante dort wird sein, größere Themen, die auch für die Gesellschaft relevant sind, anzugehen. Die Museen sind von den Sammlungen her noch heterogener als die Frankfurter Häuser. Es wird darum gehen müssen, die Sammlungsteile noch stärker dialogisch zu verbinden. Gesellschaftliche Fragen haben uns ja auch in der Schirn oder im Städel immer interessiert, sogar wenn wir etwa Cranach in seiner Zeit gezeigt haben.

Ihr neuer Wirkungsort liegt nah am Silicon Valley. Tun sich da nicht ungeahnte Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf?

Es wird auch eine Aufgabe sein, diese Möglichkeiten zielgerecht für die Museen zu nutzen. Die Konkurrenz schläft nicht. Das San Francisco MOMA hat sich gerade enorm erweitert, das ruft danach, dass sich die Fine Arts Museums auch weiterentwickeln. Das muss nicht immer physisch sein.

Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir in ein paar Jahren den großen Hollein-Museumsneubau an der West Coast besichtigen können?

In San Francisco ist gar nichts auszuschließen.

Und das Geld dafür kommt aus dem Silicon Valley?

Es wäre zu simpel gedacht, wenn man annähme, das Silicon Valley finanziere künftig die Museen in der Bay Area. Aber es ist eine der großen Fragen in San Francisco, ob von dem Reichtum, der durch das Silicon Valley entstanden ist, auch die Kultur profitie- ren wird. Und ob die Tech Entrepreneurs sich etwa für die Museen engagieren.

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Prägen die Jungunternehmer aus der Computerbranche mittlerweile auch San Francisco?

Die Stadt nimmt derzeit eine enorme Entwicklung. Die Gentrifizierung, die wir hier vielleicht im Bahnhofsviertel oder in Berlin beklagen, geht dort in Monats-, nicht in Fünfjahresschritten voran. Aber es kommt dort vieles zusammen. Berkeley und Stanford sind intellektuelle Hochburgen, wir haben es mit einer multiethnischen Gesellschaft zu tun. San Francisco ist die teuerste Stadt der USA im Immobilienbereich. Es zieht unheimlich viele interessante Leute dorthin, nicht nur Tech Entrepreneurs. Der Glaube, dass der Geist noch einmal die Welt verändern kann, und sei es in der naiven Form einer Algorithmus-Gläubigkeit, fasziniert die Menschen.

San Francisco war einmal die Hauptstadt der Subkulturen. Hat sich davon etwas erhalten?

Der Spirit der digitalen Welten kommt ja aus der Hippie-Bewegung, denken Sie an Steve Jobs. Das sind keine Gegensätze. Zu untersuchen, wie Underground zum Mainstream wird, ist auch ein Thema für die Kulturinstitutionen. Das Museum ist einer der wenigen Orte, wo man die großen Fragen verhandeln kann, ohne in Polemik und Politisierung zu verfallen.

Beteiligen sich Google oder Facebook schon an der Finanzierung der Fine Arts Museums?

Nein.

Aber Sie hätten nichts dagegen, Mark Zuckerberg als Förderer zu gewinnen?

Ich hätte nichts dagegen. Ich weiß aber, dass man nichts erreicht, wenn man nur wartet, dass er kommt.

Die Fragen stellte Michael Hierholzer.

Quelle: F.A.S.
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