Der Bauer und das Tierwohl

Mehr Platz für weniger Schweine

Von Thorsten Winter
16.01.2018
, 14:54
Platzfrage: Bis 50 Kilo stehen ihnen gesetzlich 0,5 Quadratmeter zu, bei mehr als 110 Kilogramm ist es ein Quadratmeter - die Tierwohl-Initiative verlangt mindestens zehn Prozent mehr
Auf Umsatzbringer verzichten, Ausgleich kassieren: Was haben Bauern von der Initiative Tierwohl und was die Verbraucher? Nachfrage auf einem Hof in Otzberg.
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Gerade hat sie auf ein paar finanziell undankbare Jahre zurückgeblickt. Nun nimmt die Bäuerin einen Schluck aus ihrem Wasserglas und sagt dann trocken: „Der Preis ist, wie er ist.“ Was sie und ihr Mann mit ihrer Familie und den Angestellten auf ihrem Hof erzeugen, hat schon einmal deutlich weniger eingebracht als heute. Dessen ungeachtet weiß sie aus Erfahrung: Schweine zu halten und Getreide anzubauen ist zumindest aus wirtschaftlicher Sicht seit 2015 nur selten ein Spaß gewesen.

Jenes Jahr bleibt Aufzuchtbetrieben und Mästern als „Katastrophenjahr“ in Erinnerung. So heißt es beim Deutschen Bauernverband. Erst Mitte des Folgejahres erholten sich die Schweinepreise und erreichten Mitte 2017 ein für die Erzeuger erfreuliches Niveau. Danach lief die Kurve aber wieder gen Süden. Den Getreidebauern ging es nicht viel besser. Weizen wie Gerste füllen den Landwirten nicht wirklich die Kassen. Seit geraumer Zeit bewegen sich die Preise innerhalb eines recht engen Bandes. Weizen zum Beispiel kostet Abnehmer etwa 35 Prozent weniger als vor fünf Jahren.

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10.000 Schweine im Jahr

Das sollte im Hinterkopf haben, wer die folgende Geschichte über konventionelle Fleischproduktion in größerem Stil und über die Erwartungen von Kunden, über das Tierwohl und die wirtschaftlichen Belange von Erzeugern verstehen möchte. Sie spielt auf dem Hof von Peter und Kathrin Seeger in Otzberg in Südhessen. Sie halten rund 800 Muttersauen und betreiben an zwei Standorten Ställe mit Plätzen für bis zu 2500 Ferkel und jeweils 1400 Mastschweine. Etwa 10.000 bringt ihr Hof im Jahr hervor. Damit zählt das Unternehmen der Seegers zu den Großbetrieben in der Schweinehaltung in Hessen, ist aber im Vergleich mit vielen Betrieben in Norddeutschland eher klein. Außerdem baut das Paar auf 370 Hektar Getreide an, dazu Mais und Zuckerrüben, die es unter anderem an seine Tiere verfüttert.

Die vergangenen Jahre waren für die Seegers, von 2017 abgesehen, in zweifacher Hinsicht wirtschaftlich herausfordernd – auch wenn preiswerter Futterweizen günstig für die Kostenseite ist, wie Peter Seeger freimütig sagt. Trotz der seinerzeitigen Talfahrt der Preise machen die Seegers bei einem Vorhaben mit, das die Bauernschaft, die Fleischwirtschaft und Unternehmen aus dem Lebensmittelhandel gemeinsam auf den Weg gebracht und 2015 begonnen haben. Es heißt Initiative Tierwohl.

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Für „nachhaltigere Fleischerzeugung“

Diese von einer GmbH in Bonn gesteuerte Initiative zielt auf eine „tiergerechtere und nachhaltigere Fleischerzeugung“. Die Wortwahl zeigt schon: Die Initiative will Tierhaltung Schritt für Schritt verbessern und hat nicht den Anspruch, das Ideal anzustreben. „Wenn man anfangen will, muss man die Bauern abholen, wo sie stehen“, sagt ihr Sprecher. Doch gibt es auch kritische Stimmen. „Das Beste an der Initiative Tierwohl ist, dass die damit zugegeben hat, dass es ein Problem gibt“, lästerte etwa die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch. Und die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz bemängelt, die Initiative spreche Freiwillige an, die ohnehin offen für das Anliegen seien. „Die zehn bis 20 Prozent der Tierhalter mit den größten Problemen fallen dabei unten durch.“ Stimmen aus der Bauernschaft halten dagegen, dass immerhin knapp ein Viertel der hierzulande gehaltenen Schweine überwacht würden.

Mitmachen können bei der Initiative außer Schweinebauern auch Geflügelhalter. Jeder Landwirt muss sich bewerben und, um die Kriterien der Teilnahme zu erfüllen, in seine Ställe investieren. Zum Beispiel in mehr Platz und Tageslicht, die Klimaanlage des Stalls, zusätzliches Rauhfutter wie Heu und die Wasserversorgung für die Tiere und, wenn es um Schweine geht, Beschäftigungsmaterial, mit dem sie sich die Zeit vertreiben können. Das alles kostet Geld, viel Geld. 50 000 Euro haben die Seegers in ihre Standorte investiert, in der Hoffnung auf Aufnahme in die Tierwohl-Initiative, die im Übrigen mit dem gleichnamigen Vorstoß des Bundesministers für Landwirtschaft nicht verwechselt werden sollte (siehe Kasten).

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Anders gesagt: Die Bauernfamilie ist in Vorleistung getreten, hat sich Geld bei der Bank geholt. Aber im Gegensatz zu so manchem Berufskollegen in Rhein-Main und andernorts in Hessen haben Peter und Kathrin Seeger bei der Tierwohl-Lotterie Glück gehabt, zumindest zu zwei Dritteln. Die Initiative nahm 2015 zwei der drei angemeldeten Betriebe der Südhessen auf. Zuvor hatten Auditoren geprüft, ob die Landwirte die Vorgaben auch erfüllt hatten. Zu diesem Zweck hatte sich Peter Seeger einen Berater gesucht, der überprüfte, ob die Klimaanlage in den Ställen jeweils gut eingestellt ist, die Luftzufuhr richtig funktioniert und das Trinkwasser wie gewünscht läuft und sauber ist.

Hessenweit hatten etwas mehr als 40 Betriebe ähnliches Losglück; insgesamt hatten sich 199 beworben. Dass nicht mehr Höfe zum Zug kamen, hatte nicht zuletzt finanzielle Gründe. Es hatten sich deutlich mehr Betriebe interessiert gezeigt als die Initiative Mittel besaß, um die Vorab-Investitionen der Landwirte auszugleichen: acht Euro für 40 Prozent mehr Platz je Schwein, 20 Cent je Tier für die Luftkühlung und 60 Cent für ein Riffelblech, an dem das Schwein sich schubbern kann. 70 Cent je Tier nicht zu vergessen für in Schalen serviertes statt aus Gumminippeln laufendes Trinkwasser.

Das Geld fließt aus den Kassen großer Lebensmittelhändler wie Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Rewe und Wasgau. Sie alle haben in der ersten Förderrunde von 2015 bis Ende 2017 jeweils vier Cent je Kilogramm verkauftem Tierwohl-Fleisch überwiesen, fortan werden es 6,25 Cent bis 2020 sein.

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Von dem, was einen Stall zu einem Tierwohl-Stall macht, ist der Initiative der Raum, den ein Lebewesen darin zur Verfügung hat, am wichtigsten. Man tritt ihr nicht zu nahe, wenn man sagt, sie gehe dabei opportunistisch vor: „Platz ist in der Öffentlichkeit das am meisten diskutierte Kriterium“, sagt der Sprecher. Angesichts dessen hat die Tierwohl-Initiative die Vorgaben präzisiert. War mehr Platz bisher ein Wahl-Kriterium, mit dem ein Schweinehalter Punkte sammeln konnte, nach denen er in Euro und Cent belohnt worden ist, muss er nun mindestens zehn Prozent mehr Platz anbieten als nutztierrechtlich vorgesehen. Das heißt: Ein Ferkel mit 30 bis 50 Kilogramm Gewicht muss wenigstens 0,55 Quadratmeter statt wie amtlich verlangt 0,5 für sich haben, ein Schwein mit 110 Kilogramm oder mehr mindestens 1,10 Quadratmeter. Dafür zahlt die Initiative einen Ausgleich, weil weniger Ferkel je Fläche einen Umsatzverlust für den Bauern bedeuten. Für noch mehr Platz gibt es zusätzliches Geld.

Seinen Tieren, wie oben erwähnt, jeweils 40 Prozent mehr Raum möglich zu machen, wird sich in Zukunft allerdings nicht mehr im selben Maße lohnen wie bisher, denn statt acht wird es dafür nur noch fünf Euro je Schwein geben. „Es geht darum, in der Breite das Niveau zu verbessern“, argumentiert die Initiative. Letztlich dürften auch die Kosten ein Grund sein, nehmen in der neuen Runde doch deutlich mehr Betriebe teil als bisher. Bundesweit ist nun von 4157 Schweinehöfen die Rede, einem Plus von 70 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. In Hessen stieg die Zahl auf 87 Höfe, die insgesamt 316 000 Schweine halten. Zum Vergleich: Fortan hat die Initiative 130 Millionen Euro zur Verfügung nach 85 Millionen Euro. Macht einen Aufschlag von gut 50 Prozent. Unter dem Strich gibt es aber rechnerisch je Schweinehalter weniger Geld.

Wie viele Holzklötzchen in der Box?

Dessen ungeachtet beginnt sich die Teilnahme für Peter und Kathrin Seeger erst jetzt auszuzahlen. Die Überweisungen von der Initiative haben die Investitionskosten und laufende Kosten wieder hereingeholt. Wenn die Förderrunde ausläuft, haben sie etwa 20 000 Euro verdient, wie der Landwirt vorrechnet. Er sieht aber nicht nur die Zahl. „Davon abzurechnen“ sei die mit den Vorgaben der Initiative verbundene Nervenbelastung. So dürften in einer Schweinebucht im Stall ja nicht mehr Tiere stehen als vorgesehen. Andernfalls müsste der Auditor, der jederzeit unangemeldet in den Stall schauen und die Ferkel zählen darf, den Daumen senken. „In einem solchen Fall müssten wir das seit dem letzten Audit erhaltene Geld zurückzahlen.“ Das könnte Zehntausende Euro an Erlösen kosten.

Auch müssten immer genauso viele Holzklötzchen wie als Spielmaterial vorgeschrieben im Stall sein. Der Bauer oder einer der Angestellten muss regelmäßig prüfen, ob die Tiere eines oder mehrere Klötzchen durchgebissen haben, und die Teile ersetzen. Sonst droht ein geldwerter Punktabzug durch den Auditor. Antibiotika-Monitoring und Qualitätsmanagement, die sich in vielen Ordern mit Papieren niederschlagen, kommen hinzu.

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„Made in Germany spielt keine Rolle“

Lohnt sich der ganze Aufwand trotzdem? „Natürlich lohnt sich das“, sagt Peter Seeger. „Vieles haben wir gemacht, weil es gut für die Tiere ist“, ergänzt seine Frau. Ein Haken an der Sache ist aber eine grundsätzliche Schwäche der Initiative: Tierwohl-Fleisch fällt dem Kunden an der Fleischtheke nicht automatisch auf. „Derzeit ist es nicht möglich, Produkte aus teilnehmenden Betrieben zu erkennen“, räumt die Initiative ein. Immerhin informierten Einzelhändler bisweilen mit Hinweisen an der Bedientheke und Aushängen über ihr Angebot an Tierwohl-Fleisch.

Ein Siegel gibt es für Schweinefleisch aber noch nicht; eines für Geflügelfleisch steht vor der Einführung. Tierwohl-Schweinefleisch mangelt es aber nicht nur an Erkennbarkeit. „Die Abnehmer belohnen es nicht“, berichtet Kathrin Seeger aus Erfahrung. Letztlich zählt an der Theke erfahrungsgemäß der Preis. „Made in Germany spielt da keine Rolle“, sagt Peter Seeger. Auch wenn etwa der „Ernährungsreport 2017“ des Bundesagrarministers besagt, Verbraucher wollten mehr zahlen, wenn es dem Tierwohl diene.

Aus dem Markt, vom Staat

2015 hat der Deutsche Bauernverband mit Unternehmen aus der Fleischwirtschaft und Vertretern des Lebensmittel-Einzelhandels die Initiative Tierwohl gestartet. Dieses Projekt strebt eine „tiergerechtere und nachhaltigere Fleischproduktion“ an. Teilnehmende Landwirte müssen mit ihren Betrieben bestimmte Vorgaben erfüllen und sich regelmäßig kontrollieren lassen. Im Gegenzug zahlt ihnen die Initiative zur Belohnung Geld aus einem Topf, das die Lebensmittel-Ketten füllen. Bisher zahlten sie vier Cent je Kilogramm Tierwohl-Fleisch, künftig sind es 6,25 Cent. Mitmachen können bisher nur Schweinebauern und Geflügelhalter. Schweine- und Geflügelfleisch wird hierzulande am meisten gegessen. Mittlerweile gibt es eine zweite Tierwohl-Initiative in Deutschland, ins Leben gerufen vom Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt. Der CSU-Politiker verfolgt einen breiteren Ansatz. Wer sich im Internet die Tierwohl-Seiten auf der Homepage des Agrarministeriums ansieht, stößt unter anderem auf das Thema Haltung von Meerschweinchen und das Vorhaben, das verbreitete Töten von männlichen Eintagsküken in Brütereien zu beenden. Dies soll mit einer neuen Technik gelingen, die das Ministerium fördert. Unlängst hat Schmidt die Kernpunkte zur Vergabe eines staatlichen Tierwohl-Labels vorgestellt. Es sieht etwa vor, das in der Schweinehaltung noch verbreitete Kupieren von Schwänzen zu verbieten. Wie das Ministerium auf Anfrage mitteilte, will es auf die Branchen-Initiative zugehen und sich um Verzahnung bemühen. thwi.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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