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Homophobie im Fußball

Doppelpass gegen Schwulenhass

Von Alexander Davydov
 - 16:54
Wirbt für Toleranz im Sport: Benjamin Näßler ist seit seiner Jugend fußballbegeistert.

„Steh auf, du Schwuchtel!“ – „Was für ein schwuler Pass!“ – „Weg mit der Homofotze!“ Sprüche wie diese sind beim Fußball regelmäßig zu hören. Die Spieler brüllen sie auf dem Rasen, die Fans auf der Tribüne oder in den Kneipen vor dem Fernseher. Für viele gehört es eben zum Slang dazu, der im Sport verwendet wird – vor allem wenn es auf dem Spielfeld ruppiger zugeht. Benjamin Näßler will das nicht hinnehmen. Seit seiner Jugend ist der 30 Jahre alte Frankfurter leidenschaftlicher Fußballfan, jahrelang hat er im Verein seines schwäbischen Heimatdorfs gespielt. Und Näßler ist schwul. Kürzlich ist der Versicherungsvertreter zum „Mister Gay Germany“ gewählt worden. Er will sich dafür einsetzen, dass Homosexuelle auch im Fußball nicht mehr diskriminiert werden. Doch der Weg dahin ist noch lang.

„Das Problem ist, dass Homosexualität immer für etwas Negatives herhalten muss“, sagt er. Homophobe Sprüche habe er auch abseits des Rasens oft gehört: „Absetzen! Sonst gibt es schwule Kinder!“, riefen sich beispielsweise die Mitspieler beim Biertrinken in der Kneipe gegenseitig zu. Solche unbedachten Sprüche seien ein Symptom für ein tiefsitzendes Problem innerhalb des Fußballs: Ablehnung und Angst gegenüber Homosexuellen.

Stimmen gegen Diskriminierung sind die Ausnahme

So wird schwulen Spielern gerne unterstellt, sie seien schwächere Sportler. Der großgewachsene und athletische Näßler hat die Herabwürdigungen im Amateurfußball bis hin zu den Profiligen mitbekommen. Laute Stimmen gegen Diskriminierung seien eher die Ausnahme. Andere Einlassungen seien gut gemeint, aber dennoch von Vorurteilen geprägt. Besonders sind Näßler die jüngsten Äußerungen des RB-Leipzig-Trainers Julian Nagelsmann in Erinnerung geblieben. Dieser hatte in einem Interview zwar homosexuelle Spieler zum „Comingout“, ermutigt, aber an die noch bestehenden Hürden innerhalb der Fußballwelt erinnert. Diese sei eben „eine Männerdomäne“. Über diese Begründung hat sich Näßler geärgert. Sie trage nur zur Diskriminierung bei und fördere die Verunsicherung.

Schwer hätten es vor allem schwule, jugendliche Nachwuchs- oder Amateurspieler, die ihre sexuelle Präferenz gerade erst entdeckt hätten. „Man ist jung und hat oft Angst vor Isolation und Ächtung in der Schule oder Familie, wenn man sich outet“, sagt Näßler. Für viele bleibe nur der Sport als einziger Freiraum, den man sich selbst aussuchen könne. Doch wenn die Selbstverleugnung im Verein weitergehe, falle auch dieser letzte Rückzugsort. Das habe gefährliche Folgen. Das Suizidrisiko junger Homosexueller sei vier- bis achtmal höher als das von Jugendlichen im Allgemeinen.

Homosexualität soll kein Tabuthema sein

Näßler will deswegen mit seiner Kampagne „Doppelpass“ in den Sportverbänden für Aufklärung sorgen. Homosexualität dürfe dort kein Tabuthema mehr sein. Drei Ziele hat er sich gesetzt. Zunächst soll es Ansprechpartner für Homosexuelle in Fußballverbänden geben, die Beratung zum „Comingout“ anbieten oder Beschwerden wegen homophober Diskriminierung nachgehen könnten. Darüber hinaus sollen Spieler, Trainer und Verantwortliche innerhalb der Vereine besser aufgeklärt und für das Thema sensibilisiert werden. Manche heterosexuelle Spieler hätten regelrecht Angst vor schwulen Kollegen. „Das ist absurd. Offenbar glauben sie, dass man beim gemeinsamen Duschen automatisch Gefahr läuft, Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden.“ Schwulen werde unterstellt, sie seien potentielle Sexualstraftäter, die jedem nackten Mann nachstellten, sagt Näßler, der 2017 seinen langjährigen Freund geheiratet hat.

Solche Vorurteile ließen sich durch Aufklärung und Gewöhnung bekämpfen. Das Verhältnis unter Spielern dürfe sich weder in der Umkleidekabine noch auf dem Spielfeld plötzlich zum Negativen ändern, nur weil sich ein Kollege – möglicherweise nach Jahren – geoutet habe.

Im letzten Schritt würde Näßler gerne auch Fußballfans einbeziehen und für mehr Aufklärung und Akzeptanz innerhalb der Fanblocks sorgen. Gemeinsam mit dem Zweitligisten Darmstadt 98 will Näßler demnächst einen Aktionstag veranstalten, um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Vereine tragen Verantwortung mit

Näßler liebt den Sport, die Leidenschaft auf dem Feld und die Euphorie auf den Rängen. Für ihn hat der Fußball aber auch einen sozialen Aspekt, und damit seien die Vereine in der Verantwortung. Näßler will nicht hinnehmen, wenn Homophobie totgeschwiegen wird. „Ich möchte niemandem meine Sexualität aufdrücken oder überstülpen. Wenn aber meine Orientierung angeblich niemanden interessiert, warum werden dann gegnerische Spieler oder der Schiedsrichter als schwule Sau bezeichnet?“ Es könne auch nicht sein, dass Spieler aus Angst vor Ächtung ein Doppelleben führen müssten.

Näßler selbst hat sich im Fußballverein seines Heimatdorfes nicht geoutet. Nach der Wahl zum „Mister Gay Germany“ und dem medialen Echo meldeten sich aber dann doch ehemalige Kollegen aus dem Verein und gratulierten ihm. Darüber hinaus hat seine Kampagne „Doppelpass“ viel Zuspruch bekommen.

Näßler wehrt sich gegen die Unterstellung mancher Kritiker, er wolle Homosexualität als etwas „Überlegenes“ oder „Besseres“ darstellen: „Mir geht es schlussendlich nur um die Gleichstellung und den Abbau von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen im Sport.“ Die sexuelle Orientierung solle keine Nachteile mehr einbringen, nicht nach einer Rechtfertigung verlangen und keine Ausgrenzung zur Folge haben. Nicht mehr und nicht weniger.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Davydov, Alexander
Alexander Davydov
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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