40 Prozent mehr Beatmete

Mittelhessischer Kreis löst Frankfurt als Corona-Hotspot ab

Von Thorsten Winter
Aktualisiert am 28.10.2020
 - 12:45
Trockengelegt: Vorgabe für den öffentlichen Raum in Frankfurt angesichts der hohen Corona-Fallzahlen in den vergangenen Tagen
Auf Hessen entfallen ein Zehntel der neuen Corona-Fälle in Deutschland. Die Inzidenz steigt nicht nur in Frankfurt. Ein Kreis sticht heraus. Hessische Kliniken betreuen fast doppelt so viele Covid-Kranke wie vor einer Woche.

Frankfurt bleibt der Corona-Hotspot unter den deutschen Großstädten. In Hessen allerdings hat ein Landkreis die Mainmetropole an der Spitze der Corona-Rangliste abgelöst. Für den Kreis Marburg-Biedenkopf stehen 219 neue Fälle binnen Wochenfrist unter 100.000 Einwohnern zu Buche, etwas mehr als für Frankfurt. Am Dienstag waren es noch 182 gewesen. Der benachbarte Landkreis Gießen kommt auf knapp 123. Das Uni-Klinikum Gießen und Marburg als regionaler Maximalversorger betreut aktuell 18 Covid-19-Patienten, auf Intensivstationen; die meisten davon werden beatmet, wie eine Sprecherin der F.A.Z. mitteilte. 19 weitere Kranke befinden sich demnach auf Normalstationen. Vor einigen Wochen betreute das Groß-Klinikum nur eine Handvoll Patienten mit Coronavirus. Gemeinhin macht sich eine Zunahme der Infizierten erst nach etwas mehr als einer Woche an Kliniken bemerkbar. Vor sieben Tag lag die Inzidenz in dem mittelhessischen Kreis noch bei 69.

In ganz Hessen betreuen die Krankenhäuser nach Angaben des Sozialministeriums derzeit 975 Corona-Kranke. Das sind 410 oder 72 Prozent mehr als vor einer Woche. 157 Personen seien beatmungs- und intensivüberwachungspflichtig, 47 mehr als zuletzt und zweieinhalb Mal so viele wie vor zwei Wochen. Ein Plus von 42 Prozent. 542 freie Beatmungsbetten stehen in hessischen Krankenhäusern zur Verfügung, das sind fast 50 weniger als vor sieben Tagen. Ob für alle Beatmungsbetten auch genügend geschultes Personal da ist, sagt das Ministerium nicht.

Weiterer Anstieg in Frankfurt

Den zweithöchsten Tageswert neuer Corona-Fälle seit Beginn der Pandemie im März meldet das Robert-Koch-Institut für Hessen. Demnach haben die hessischen Gesundheitsämter am Dienstag 1488 Covid-19-Neuinfektionen verzeichnet, wie der Internetseite des für die Seuchenbekämpfung federführenden Bundesinstituts zu entnehmen ist. Das sind knapp 140 mehr als am Vortag. Der unerfreuliche Rekord liegt bei 1730; allerdings hatte es am Tag zuvor eine Datenpanne gegeben, folglich enthielt dieser Wert nicht nur die über Nacht eingelaufenen bestätigten neuen Fälle.

Die zentrale Corona-Kennziffer, die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, ist laut RKI derweil in Frankfurt nochmals gestiegen. Für die Mainmetropole stehen nun gut 216 neue Fälle binnen Wochenfrist unter 100.000 Einwohnern zu Buche nach zuvor 202. Für Offenbach sind es gut 204, was einer Stagnation auf hohem Niveau entspricht. Die Zahl der Infektionen in Offenbach seit März stieg über Nacht von 1113 auf 1200.

Weiter höchste Warnstufe fast allerorten

Für den Kreis Groß-Gerau stehen nun 2078 Infizierte seit Beginn der Pandemie im Datensatz nach zuvor 2006, wie das Sozialministerium meldete. Die Inzidenz beträgt knapp 148. Wiesbaden kommt auf 1921 nach 1860 sowie eine Inzidenz von 152. Sie alle, auch Darmstadt, bleiben auf der höchsten Warnstufe nach dem Eskalationskonzept des Landes (siehe Grafik). Nur ein Kreis, Werra-Meißner, bleibt mit 48 unter der kritischen Marke 50. Für Mainz spricht das RKI von 120 neuen Fällen unter 100.000 Einwohnern binnen Wochenfrist und für Aschaffenburg von 69.

Das Sozialministerium orientiert sich im Übrigen an den RKI-Zahlen. Das RKI übernimmt allerdings die von den Kreisen und Großstädten gemeldeten Daten nicht umgehend, sonst prüft sie zunächst doppelt und gibt sie dann heraus. Deshalb hinkt es gemeinhin etwas hinterher.

1488 Neuinfektionen in Hessen entsprechen einem Zehntel der für den Bund gemeldeten neuen bestätigten Infizierten. Das sind abermals mehr als der hessische Bevölkerungsanteil nahelegt. Hessen steht für acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Fast 35.700 Männer, Frauen und Minderjährige haben sich seit März offiziell mit dem Coronavirus angesteckt. Mehr Infektionen haben nur Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg registriert. Niedersachsen hat zwar 1,7 Millionen Einwohner mehr als Hessen, aber einige Tausend bestätigte Infektionen weniger.

Zwölf weitere Corona-Tote

Zudem sind laut RKI zwölf Todesfälle in Zusammenhang mit der Pandemie in Hessen hinzugekommen. Alles in allem sind nunmehr 629 Personen an den Folgen ihrer Corona-Infektion gestorben. Zu Monatsbeginn waren nur gut 19.000 Infektionen seit März und 551 Corona-Opfer in Hessen bekannt. Diese Zahlen zeigen die Dynamik der Pandemie in den vergangenen Tagen.

Einen kräftigen Sprung nach oben hat die Zahl der Genesenen gemacht. Bundesinstitut spricht von etwa 23.300 Genesenen seit März nach rund 22.600 am Vortag. Ihre Zahl nimmt seit Tagen an Fahrt auf, was an dem starken Anstieg der Fallzahlen seit Monatsbeginn liegen dürften. Denn: Eine Infektion gilt nach gut zwei Wochen als ausgestanden. Wer dann nicht ärztlich behandelt wird, gilt als genesen. Das RKI schätzt die Zahl der Genesenen aber nur, es erhebt sie nicht offiziell.

Wieso die Inzidenz eine zentrale Kennziffer zur Bewertung des Verlaufs der Pandemie bleibt, aber ihre Einschränkungen hat, erläutert die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek im F.A.Z-Interview. Wie sich Büro-Arbeiter angesichts der potentiellen Ausbreitung von Viren in Räumen am besten schützen können, sagt der Arbeitsmediziner David Groneberg.

Das hessische Sozialministerium veröffentlicht täglich eine Übersicht der Corona-Entwicklung, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des RKI. In den ersten Wochen der Pandemie berücksichtigte es auch Daten des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen beim Regierungspräsidium Gießen, dem die Gesundheitsämter die jeweils neuen Fälle melden müssen. Um Einheitlichkeit herzustellen, nimmt das Ministerium nun nur noch die RKI-Angaben.

Aus Frankfurter Sicht ist grundsätzlich wichtig: Die am Flughafen genommenen positiven Tests werden nicht der Stadt zugeordnet. Vielmehr schlagen sie sich nach Angaben des Sozialministeriums in der Statistik des Gesundheitsamts nieder, das für den jeweiligen Reiserückkehrer zuständig ist. Das kann auch das Frankfurter Amt sein oder ein anderes in Hessen, aber eben auch eine Behörde in einem anderen Bundesland.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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