Mobiles Impf-Team in Frankfurt

Kommunen legen Impfzentren fest

Von Robert Maus und Marie Lisa Kehler
26.11.2020
, 20:03
Die Kommunen des Rhein-Main-Gebietes haben Räumlichkeiten für Corona-Impfzentren gefunden. Die FDP drängt aufs Tempo. In Frankfurt müssen noch Fragen geklärt werden.

Auf der Suche nach geeigneten Räumen für ein Corona-Impfzentrum ist der Kreis Groß-Gerau fündig geworden: Die beiden Sporthallen an der Martin-Buber-Schule seien unter anderem wegen ihrer zentralen Lage in der Kreisstadt und einer guten Verkehrsanbindung ausgewählt worden, ließ das Landratsamt am Donnerstag wissen. Aktuell werde von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes und des Katastrophenschutzes alles so herzurichten, dass das Impfzentrum an der Wilhelm-Seipp-Straße wie vom Land Hessen gefordert von Mitte Dezember an in Betrieb genommen werden könne. Geplant ist, an sieben Tagen in der Woche jeweils von 7 bis 22 Uhr Impfungen für all jene anzubieten, die dies freiwillig möchten. Außerdem sollen auch mobile Teams unterwegs sein, um unter anderem Bewohnern von Altenheimen, so sie dies wünschen, den zusätzlichen Corona-Schutz zu verpassen. Alles in allem sollen laut Mitteilung künftig kreisweit wohl bis zu 1000 Impfungen täglich gemacht werden.

Gesucht wird allerdings noch nach Helfern, die im Idealfall eine medizinische Ausbildung etwa als Pfleger, Hebamme oder Notfallsanitäter- vorweisen können. Wer bereit und in der Lage sei, die voraussichtlich im Drei-Schicht-Betrieb arbeitenden Ärzte zu unterstützen, kann sich unter der Mailadresse impfzentrum@kreisgg.de mit den für das Projekt Verantwortlichen in Verbindung setzen.

Der Main-Taunus-Kreis wird im Hattersheimer Kastengrund ein Corona-Impfzentrum einrichten. Diese Entscheidung sei nach eingehender Prüfung mehrerer Standorte aus vielfältigen Gründen die bestmögliche Lösung, erläuterte Landrat Michael Cyriax (CDU). So müsse ein Betrieb des Impfzentrums an sieben Tagen je Woche jeweils von 7 bis 22 Uhr möglich sein. Täglich sollten mindestens 1000 Menschen geimpft werden, was in einem Wohngebiet zu einer hohen Lärm- und Verkehrsbelastung der Nachbarschaft führen würde. Am Kastengrund stünden jedoch ausreichend Parkmöglichkeiten zur Verfügung, auch eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sei schon vorhanden, sagte Cyriax.

Sieben Impfstraßen

Der Main-Taunus-Kreis betreibe in der Liegenschaft, einem ehemaligen Laborgebäude, ein Schulungszentrum der Volkshochschule Main-Taunus. Aus diesem Grund stünden dort eine Vielzahl großer Schulungs- und weiterer Räumlichkeiten zur Verfügung, die infrastrukturell schon optimal mit Büroausstattung, Internetzugang und Strom ausgestattet seien, ergänzte Gesundheitsdezernentin Madlen Overdick (Die Grünen). Der Kreis plane im Impfzentrum sieben sogenannten Impfstraßen. Das Land übernehme das Patientenmanagement, die Logistik vor Ort liege in der Verantwortung des Landkreises.

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Werktags um 21.00 Uhr

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Die Stadt Darmstadt wird ihr lokales Impfzentrum im Kongresszentrum Darmstadtium errichten. Beginn der Impfaktion solle schon am 11. Dezember sein. Wie es aus dem Rathaus hieß, seien zuvor „viele unterschiedlichste Liegenschaften im Stadtgebiet“ geprüft worden, die Entscheidung aber letztlich zugunsten des innerstädtisch gelegenen Kongresszentrums nahe Schloss, Marktplatz und Cityring gefallen. In die Entscheidung eingeflossen seien die Lage, die gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Barrierefreiheit, das Belüftungssystem und das Vorhandensein sanitärer Anlagen, hieß es weiter. Das Darmstadtium biete all das, um ein funktionierendes Impfzentrum aufbauen zu können. Dabei werde der Normalbetrieb des Kongresscenters nicht beeinträchtigt, so Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen).

Seit Pandemiebeginn tagt unter anderem die Darmstädter Stadtverordnetenversammlung im ersten Stock des Gebäudes, weil dort die Abstandsregelungen besser eingehalten werden können. Derzeit werde das Impfzentrum unter Leitung der Darmstädter Feuerwehr eingerichtet. Damit zu Impfbeginn am 11. Dezember alles nach Plan verlaufe, sei die Stadt jedoch auf medizinisches Personal angewiesen. Freiwillige mit medizinischer Ausbildung, die beim Impfen helfen wollen, können sich unter 06151/134514 oder impfzentrum@darmstadt.de bei der Stadt melden. Das Impfzentrum soll gemäß den Anforderungen des Landes Hessen an sieben Tagen in der Woche von 7 bis 22 Uhr geöffnet sein.

Freiwillige Helfer gesucht

Gleich zwei Anlaufstellen für Corona-Impfungen richtet der Main-Kinzig-Kreis ein: in der Kreisstadt Gelnhausen und in Hanau. Als Standorte sind die August-Schärttner-Halle in Hanau und die Großsporthalle der Kreisrealschule in Gelnhausen vorgesehen, wie Landrat Thorsten Stolz (SPD) mitteilte. Der Standort in Hanau sei mit der dortigen Stadtverwaltung abgestimmt, heißt in es einer gemeinsamen Mitteilung von Stolz und dem Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Der Landrat sagte: „Wir benötigen ausreichend große und gut erreichbare Gebäude, die zudem ohne großen Aufwand sofort verfügbar sind und den Anforderungen für die Impflogistik entsprechen.“

Beide Impfzentren können nach den Angaben am Freitag, 11. Dezember, die Arbeit aufnehmen. Dann werde an sieben Tagen in der Woche von 7 bis 22 Uhr geimpft. Vorgesehen sei, 1000 Personen am Tag mit dem Schutz vor der Lungenkrankheit zu versorgen. Dem Landrat zufolge stellt man sich darauf ein, 250.000 Menschen in den Zentren zu impfen. Das ist mehr als die Hälfte der Bewohner des Landkreises. Die Impfaktion könne bis zum Herbst des nächsten Jahres dauern. Stolz hob hervor, das Land übernehme die Koordination der Termine und lade zur Impfung ein. Das bedeute, die Bürger müssten sich nicht selbst um einen Termin bemühen und sollte auch nicht unangemeldet zum Impfzentrum kommen.

Die Kreisverwaltung habe auch schon begonnen, Personal für die Impfzentren zu suchen. Gebraucht werden Ärzte, Apotheker, Medizinische Fachangestellte sowie Beschäftigte der Krankenpflege. Auch Personen, die Zivildienst oder Bundesfreiwilligendienst in der Krankenpflege absolviert haben, werden angesprochen. Die Freiwilligen für den Dienst bei der Impfung sollten jünger als 65 Jahre sein und zu keiner Risikogruppe für Corona gehören. Für die Tätigkeit erhalten sie nach Angaben der Kreisverwaltung eine Verfügung und werden haftungsrechtlich abgesichert.

FDP für große Impfzentren

Bis zum 15. Dezember soll in Hessen also die notwendige Infrastruktur errichtet sein, um schnellstmöglich mit der Impfung der Bevölkerung gegen das Coronavirus beginnen zu können, wenn der Impfstoff vorhanden ist. Das hat am Freitag die FDP-Fraktion im Hessischen Landtag gefordert und zudem die Erwartung geäußert, dass bis Mitte nächsten Jahres die Hälfte der Hessen geimpft ist. „Wir erwarten, dass Hessen am 15. Dezember impfbereit ist“, sagte Fraktionschef René Rock und fügte an: „Dann müssen die Impfzentren stehen, Personal bereit und benötigte Materialien angeschafft sein.“

Er sprach sich zudem für Großzentren mit hoher Impfkapazität aus, die beispielsweise am Frankfurter Flughafen oder der Messe errichtet werden könnten. Die bisher avisierten 30 hessischen Impfzentren reichen nach Rocks Einschätzung nicht aus. Der Landtag soll die Impfstrategie in der Dezember-Sitzung beschließen.

FDP-Fraktion gegen eine Impflicht

„Wichtig ist, dass die Kapazitäten maximiert werden“, ergänzte der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Yanki Pürsün, nach dessen Einschätzung zum Beispiel Betriebsärzte zur Verstärkung eingesetzt werden könnten. Er sprach sich zudem für mobile Impfzentren aus, die zu den Menschen in Altenheimen fahren könnten, die selbst nicht mehr in der Lage seien, ein stationäres Impfzentrum aufzusuchen.

Kritik übt die FDP an der Landesregierung, weil über die Vorbereitungen auf die Impfungen bisher wenig bekannt sei. Eine Absage erteilte die FDP-Fraktion einer eventuellen Impfpflicht und erwartet eine entsprechende Positionierung des Landtags. Die Bürger sollten überzeugt werden, dass eine Impfung ihnen und ihren Mitmenschen helfe.

Planungsstab „Impfzentren“ gegründet

Währenddessen wurde auch in Frankfurt über den Corona-Impfstoff gesprochen. Bis die zwei bisher geplanten Impfzentren in Frankfurt eröffnen und erste mobile Impf-Teams ihre Arbeit aufnehmen, um schwerkranke oder alte Patienten aufzusuchen, müssen noch viele Fragen geklärt werden. Der Planungsstab „Impfzentren“, der sich aus Mitarbeitern der Branddirektion sowie des Gesundheitsamts zusammensetzt, soll die Koordination übernehmen. Das hat René Gottschalk, Leiter des Amtes, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Hoffen auf den Impfstoff“ bestätigt. Die digitale Veranstaltung wurde von der Evangelischen Akademie, dem Zentrum für Ethik in der Medizin sowie der Agaplesion gAG organisiert.

Besonders in der Anfangszeit sei es wichtig, die knappen Ressourcen sinnvoll zu verteilen. Unter anderem müssten Patienten, die als besonders gefährdet gelten, von den Hausärzten „entdeckt“ und über das Recht, sich frühzeitig impfen zu lassen, informiert werden, sagte Gottschalk. „Wir in den Impfzentren haben keine Chance, diese Patienten zu finden.“ Denkbar sei es, dass die Terminvergabe unter anderem über ein Online-Portal erfolge, sagt Gottschalk.

Nur leichte Nebenwirkungen bekannt

Mit auf dem Podium Platz genommen hat an diesem Abend auch Sabine Wicker, stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut. „Ich habe Sorge, dass wir die Impfquote am Anfang nicht erreichen“, sagt sie. Denn Wicker nimmt eine gewisse Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung wahr. Wie kann ein Impfstoff so schnell zugelassen werden? Mit dieser Frage werde sie immer wieder konfrontiert. „Mit einigen personellen und finanziellen Ressourcen sind einige Phasen parallel gelaufen“, erklärt sie. Die Prüfungen seien aber „vollumfänglich“ durchgeführt worden. Jeder Einzelne müsse für sich „das Risiko eines schweren Verlaufs gegen das Risiko der Impfung“ abwägen.

Derzeit seien weltweit mehr als 40.000 Probanden mit dem mRNA-Impfstoff geimpft worden, bisher seien nur leichte Nebenwirkungen, wie etwa Kopfschmerzen, bekannt. Aber Wicker räumt auch ein, dass noch nicht alle Fragen geklärt seien. So stehe noch nicht genau fest, wie lange der Impfschutz vorhalte. Zunächst, so sagt sie, werde der Impfstoff nur für Erwachsene zur Verfügung stehen.

Die Medizinerin befürchtet, dass die Bereitschaft, nach Erhalt des Impfstoffs weiter Einschränkungen zu akzeptieren, abnehmen werde. Die Impfung sei „kein Freibrief für eine sofortige Änderung der Lebensweise“, sagt sie und hofft, dass durch Aufklärungskampagnen der Bundesregierung die Impfbereitschaft innerhalb der Bevölkerung steigt. „Wir müssen kontinuierlich Wissen transportieren, nur so erzielen wir Vertrauen.“ Eine Impfpflicht, so versichert sie, gäbe es nicht. Stattdessen appelliert sie an die Solidarbereitschaft der Bürger. Denn wer sich impfen lasse, könne nicht nur sich selbst, sondern auch andere schützen. Wicker findet klare Worte: „Ohne Corona-Impfung werden wir nie wieder normal leben können.“

Die Veranstaltungsreihe wird Mitte Dezember mit dem Thema „Besuchsregelung in Alten- und Pflegeheimen sowie Krankenhäusern“ fortgesetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kehler, Marie-Lisa
Marie Lisa Kehler
Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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