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Staatstheater Darmstadt

„Nicht ganz geglückt“

Von Axel Zibulski
 - 16:19
Touché: Bürger (Johann Jürgens, li.) im Kampf mit Meistern (Victor Tahal, Robert Lang Stefan Schuster).

Schon am Anfang stand ein Scheitern. Mit ihrer Idee, in eine Aufführung von Molières Komödie „Der Bürger als Ehemann“ neben instrumentaler Schauspielmusik die mythologische Oper „Ariadne auf Naxos“ als ein Intermezzo einzuflechten, müssen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal das Stuttgarter Uraufführungspublikum des Titanic-Jahres 1912 überfordert haben. Die Laune bei der Premiere muss ziemlich bald gesunken sein; der gewöhnlich selbstsichere Komponist hielt fest, dass der ganze, freilich durch eine Rede des württembergischen Königs weiter in die Länge gezogene Abend „nicht ganz geglückt“ gewesen sei. Die nur vier Jahre später uraufgeführte und deutlich kompaktere Zweitfassung, die im Haus des reichsten Mannes von Wien spielt und in deren nun hinzukomponiertem Prolog die Vorgabe entwickelt wird, in der Oper Tragödie und Komödie zu verquicken, hat sich längst als gängige Aufführungsversion durchgesetzt. Als der Regisseur Sven-Eric Bechtolf bei den Salzburger Festspielen 2012 mit einer eigenen, Molière einbeziehenden Inszenierung an die Urfassung anknüpfte, fiel manche Kritik gar nicht so anders als nach der Uraufführung aus: Zu lang, zu heterogen sei der Zwitter aus Schauspiel und Musik.

Auf besonders drastische Weise scheiterte nun im Staatstheater Darmstadt ein weiterer Versuch, den „Bürger als Edelmann“ in einer spartenübergreifenden Produktion mit der „Ariadne“ zu koppeln. Wie Bechtolf in Salzburg haben Beate Seidel und Regisseur Christian Weise versucht, mit Hilfe einer dritten Erzählebene die Komödie mit Musik und die musikalische Tragödie zu verknüpfen. Es wird, gar nicht so anders als im Prolog der Zweitfassung, gezeigt, wie Tanz-, Fecht- und Musikmeister (Victor Tahal, Robert Lang und Stefan Schuster) um den Vorrang ihrer Bühnenkünste ringen, während sich Schauspieler Johann Jürgens von Anfang an als Molières Bürger Jourdain der Lächerlichkeit preisgibt. Das läuft als Klamotte mehr als eine überdrehte Stunde lang ins Leere: Mal werden in barocken Kostümen slapstickhafte Stolper- und Kopfstoßgags bemüht, dann muss Catherine Stoyan als Theaterputzfrau Nicole sächseln, ohne dass es einem dabei das Zwerchfell auch nur juckt, und als musikalische Ergänzung zum hier noch lose mit der „Edelmann“-Schauspielmusik aufspielenden Staatsorchester Darmstadt hat an der Bühnenseite ein Jazztrio aus Klavier, Bass und Schlagwerk Position bezogen. Als nach knapp zwei Stunden, die Pause, aber auch eine Fortsetzung der freien Fassung eingeschlossen, endlich die Oper beginnt, lässt sich ahnen, wie ermüdet das Publikum einst auf Ariadnes wüste Insel geblickt haben muss.

Auch die Musik hilft nicht weiter

Mit mehr als einer Stunde Spielzeit war Strauss schon in der Urfassung die als Intermezzo gedachte Oper produktiv aus dem Ruder gelaufen. In Darmstadt spielt sie nun in einem barocken Kulissentheater, an dessen Seiten die Figuren der Rahmenhandlung als Zuschauer auftreten und ihrerseits beobachtet werden können. Was Bühnenbildnerin Jana Wassong hier im Verbund mit Amit Epstein (Kostüme) als Illusionsraum öffnet, ist für sich genommen reizvoll, wird aber sogleich wieder durch den Miniatur-Windpark im scherenschnittartigen Meeresszenario oder die Ankunft von Gott Bacchus per Modell des Kreuzfahrtschiffs Aida veralbert – darin immerhin konsequent der Anlage der Produktion folgend. Schwer zu ertragen ist es, dass am Anfang der Oper sozusagen aus der Rahmenhandlung in die Musik hineingeplappert wird. Dass nach dem Schlussduett von Ariadne und Bacchus nochmals gequasselt wird und es mit Jourdain ein aufgesetztes Ende als „Großmogul von Katschikistan“ nimmt, erregt nicht nur den Unmut einer in die Aufführung hineinbuhenden Premierenbesucherin.

Nicht wirklich Abhilfe schaffen die musikalischen Leistungen. Es mag Ausdruck der angekündigten Indisposition sein, dass Katrin Gerstenbergers Ariadne überherb und mit viel Forte-Druck gesungen ist. Chris Lysack scheitert eklatant an den tenoralen Höhen seiner passagenweise nur noch markierten Bacchus-Partie, Aki Hashimoto ruft die Zerbinetta-Koloraturen sicher, aber mit flachem Timbre ab. Lichtblicke öffnet allein das betörend schön singende Terzett von Najade, Dryade und Echo (Florina Ilie, Maren Favela und Rebekka Reister), bewundernswert elegant und geschmeidig stützt das Staatsorchester unter Gastdirigent Hartmut Keil das Geschehen, das als Tragödie zu läppisch, als Komödie zu unlustig und mit dreieinhalb Stunden entschieden zu lang bleibt. Aber das war schon damals, 1912 in Stuttgart, nicht anders.

Weitere Vorstellungen am 4. und 9. Mai von 19.30 Uhr an, am 19. Mai von 18 Uhr an sowie am 1. und 21. Juni von 19.30 Uhr an.

Quelle: F.A.Z.
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