<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Moses Pelham in der Batschkapp

Lokalpatriotische Seufzerblase

Von Stefan Raulf
 - 07:52

Selbstverständlich recken fast alle Zuhörer amüsiert die Hände in die Luft, als Moses Pelham mit dem ihm eigenen verschmitzten Grinsen die Frage stellt: „Wer ist hier deutlich über 30 heute Abend?“ Sofort breitet sich ein wohliges Einverständnis in der Batschkapp aus beim ersten der drei ausverkauften Konzerte, die in den kommenden Wochen im Rahmen der „Herz“-Tournee an dieser Stelle stattfinden.

Es ist wahrlich keine neue Erkenntnis, dass Popkonzerte in der Regel einen temporären Pakt zwischen Star und Publikum anbieten. Hier ist er aber nahezu greifbar. „Der Bub ist daheim“, scheint als gemeinsame Seufzerblase über den Köpfen zu wabern. „Oh, geliebte Heimat“, ruft Moses Pelham gleich zu Beginn zur Bestätigung deutlich ins Mikrofon. Der Produzent und Rapper mag mittlerweile in Fernsehshows wie „Sing meinen Song“ herumstromern oder im Rathaus die Goetheplakette verliehen bekommen – live gehört er am Ende immer in die Batschkapp, zumindest in Frankfurt.

Die Beats sind noch fett

Daran ist nicht zu rütteln, das ist die lokalpatriotische Grundierung für die nostalgische Überwältigung, die die Atmosphäre dieses Konzertes prägt. Pelham badet darin, auch aus einigen neuen Lieder tropft sie. „Rödelheimer Land-, Ecke Kleemannstraße / Ist, wo der Shit hier begann, sollte jemand fragen / Unvergessen, da bin ich Elefant / Und was Nullen drüber sprechen, ist für mich nicht relevant“, rappt er im programmatischen „You remember“ vom aktuellen Album „Herz“ über die Anfänge des Rödelheim Hartreim Projekts. Und die Fans rappen genauso mit wie später im Programm beim damaligen Singlehit „Wenn es nicht hart ist . . .“ Die Wut von 1994 mag verpufft sein, aber die Beats sind noch fett.

Mit 47 Jahren ist Moses Pelham längst im richtigen Alter für solche Reminiszenzen. Rauhe Schale, weicher Kern. Wuchtig verkörpert er an der Bühnenkante mit wiegenden Bewegungen, mit Glatze und Vollbart den in sich ruhenden Don des bundesdeutschen Hip-Hop. Pelhams Einfluss auf die Rap-Szene wird allseits anerkannt. Sein Talent-Riecher. Seine Sound-Besessenheit. Die wuchtig groovenden Produktionen. Akzeptiert ist aber auch die Metamorphose des ruppigen Rap-Jungstars zum onkelhaften, gar „authentisch“ gerufenen Schlagerrappers, die er in seiner nunmehr 20 Jahre währenden Solo-Karriere vollzogen hat – mit der „Geteiltes Leid“-Album-Trilogie und nun eben „Herz“. Im aktuellen Eröffnungssong „Neubeginn“ konstatiert Pelham besinnlich: „Ich bin jetzt Veganer und kein bisschen aggressiv“, und im Verlauf der Show klingt selbst das Wort „Motherfucker“ bei ihm wie friedvoll gesegnet.

Das Grundtempo ist gebremst

Völlig homogen speisen fast ausschließlich die genannten vier Platten das gut zweistündige Live-Programm. Das Grundtempo ist dem Balladengefühl entsprechend gebremst. Die professionelle, aus sechs Leuten bestehende Band, es ist zum großen Teil die bei Pelham Productions gewachsene Glashaus-Liveband, rundet den Gesamteindruck mit unverblümtem Hang zum Bombast ab. Cellist Raphael Zweifel und Peppa Singt (im Cassandra-Steen-Modus) lassen noch zum brummendsten Bass die Englein fliegen. Gitarrist Ali Neander drückt dazu zuverlässig auf die Gefühlsdrüsen und lässt in „Strugglin’“ sogar kurz den rappenden Rodgau Monotone raus, den er seit 40 Jahren in sich trägt. „Erbarmen, die Hessen kommen.“ Erwähnten wir schon die lokalpatriotische Nostalgie, die dieses Konzert prägt?

Für das weitere allgemeine fröhliche Mitsingen hat Moses Pelham auf „Herz“ zwei neue Lieder plaziert, die einfach seinen Namen preisen: „M zum O“ und „Momomomomosespelham“. Vor allem der Kinderlied-Refrain des letzteren funktioniert schon bestens. Der Star muss zwischen zwei Liedern nur etwas länger Pause machen, schon stimmt der Saal das Tralala an, und Pelham kann es ihm mit dem ihm eigenen verschmitzten Grinsen danken, was wiederum die Menge rührt. Das gehört zum Pakt zwischen Star und Fans, und dieser Star hat so etwas eben besonders gern unter Kontrolle.

Seinen Schreck wegen des Bombenalarms an diesem Tag in der Nähe der Batschkapp, aufgrund dessen für kurze Zeit am Nachmittag eine Konzertabsage in Erwägung gezogen wurde, zeigt er auf der Bühne aber nicht. „Ihr wisst, wir haben’n bisschen Zeitdruck“, erinnert er seine Fans nur einmal kurz während der Zugaben. Die wiederum reagieren überraschend spontan: Irgendwo beginnt jemand geistesgegenwärtig zur „Guantanamera“-Melodie die Zeile „Scheiß auf die Bombe . . .“ zu singen, die Menge stimmt ein. Und dann hat noch jemand im Saal das Wort ausgesprochen, das sowieso die ganze Zeit in der Luft lag: „Bombenstimmung hier.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMoses PelhamSing meinen Song