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Frankfurter Museum Giersch

Ansichten und Einsichten

Von Michael Hierholzer
 - 16:59

Wer noch nie etwas von Ochsenhautbarren gehört hat, muss sich nicht grämen. Die wenigsten werden wissen, was das ist. Aber der Unwissenheit wird jetzt abgeholfen. In einer großartigen Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität, die in 16 Räumen ebenso viele Themen aus Ethnologie und Archäologie ausbreitet, geht es auch um jene Ochsenhautbarren, genauer: um die miniaturisierten Versionen dieser Transportform von Kupfer. Wie eine ausgespannte Ochsenhaut aussah, wussten die Menschen vor dreieinhalbtausend Jahren und auch, dass Metall, auf diese Weise gestapelt, verschifft und in die damals zivilisierten Weltregionen geliefert wurde.

Zypern war bekannt für seine Kupferlagerstätten, der Rohstoff war ein wichtiges Exportgut und spielte wohl die Hauptrolle in der Wirtschaft der Mittelmeerinsel während der Epoche der Bronzezeit. Wandbilder aus dem alten Ägypten zeigen Ochsenhautbarren, und auf Zypern fanden sich zahlreiche Objekte, die sich formal auf diese Kupferplatten mit den charakteristischen vier langgezogenen Ecken beziehen. Der Barrengott aus Enkomi steht auf einem Ochsenhautbarren, die Figur wird auf das 13. bis 12. Jahrhundert v. Chr. datiert und weist alle Merkmale einer männlichen Gottheit auf. Womöglich handelt es sich um den Beschützer der zyprischen Kupferbergwerke. Warum aber gibt es miniaturisierte Barren en masse? Francesca Meneghetti hat die These entwickelt, dass es sich dabei um eine Art Souvenir handelte, Andenken, Kommunikationsmittel, schließlich finden sich auf ihnen auch Inschriften. Durch den Miniaturisierungsprozess werden die Barren handlich, und die junge Wissenschaftlerin ist der Auffassung, dass der Schlüssel zu ihrem Verständnis in genau dieser Transformation vom nützlichen Objekt zum niedlichen Ding liegt. Der Miniaturochsenhautbarren ist ebenso wenig funktional wie ein Minibembel – diesen Vergleich stellt sie an. Indem etwas seinem ursprünglichen Nutzen und Zweck entfremdet wird, kann es zu einem Gegenstand der Betrachtung, Erinnerung, Emotion werden.

Der Blick fürs Wesentliche statt Reizüberflutung

Die Schau mit dem treffenden Titel „Faszination der Dinge“ basiert auf 16 Dissertationen und den darin aufgestellten Thesen. Das klingt zunächst einigermaßen unspektakulär, geradezu verstaubt, viele meinen ja zu wissen, dass Doktorarbeiten von höchst entlegenen Gegenständen handeln, die für die Allgemeinheit nicht wirklich von Interesse sind. Weit gefehlt. Was die 14 Promovierenden und die beiden Postdocs aus dem Graduiertenkolleg „Weg und Äquivalent“ an der Goethe-Universität erforschen, erregt Erstaunen und regt die Phantasie an. Man möchte sich sofort näher mit dem korinthischen Helm, bekannt als Kopfbedeckung Athenes, mit den Tondächern im antiken Griechenland, mit dem neuseeländischen Fluss Whanganui, der für die Maori eine Person ist, mit den Riten rund um den Tod in Ghana oder mit den Fanartikeln aus der römischen Kaiserzeit beschäftigen, als Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen die Säulen einer florierenden Unterhaltungsindustrie waren.

Dass die Lust so groß ist, sich in diese und andere Themen zu vertiefen, liegt freilich wesentlich an der Präsentation von Objekten, Bildern und Texten, die so übersichtlich wie ansprechend ist, die Exponate auf entspannte Art spannend erscheinen lässt, den Blick aufs Wesentliche lenkt. Kuratorin Charlotte Trümpler hat ein sicheres Händchen für die Aufbereitung komplexer Sachverhalte. Studierende des Fachbereichs Gestaltung an der Hochschule Darmstadt haben Themen und Thesen anschaulich werden lassen. Hörstationen, Videos und eigens für diese Schau aufgenommene filmische Interviews dienen der Vermittlung, sind aber sparsam eingesetzt, so dass es keine Reizüberflutung gibt. Wer diese Schau besucht, wird mit vielerlei An- und Einsichten beglückt. Man sollte sich Zeit für sie nehmen. Es lohnt sich.

FASZINATION DER DINGE

Die Ausstellung läuft bis 24. Februar. Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt, Schaumainkai 83, Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags 12 bis 19 Uhr, freitags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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