FAZ plus ArtikelStatt Facebook: Nebenan.de

Meine neue virtuelle Nachbarschaft

Von Petra Kirchhoff
09.04.2018
, 18:00
Lokale Nachbarschaftsportale wie Nebenan.de sind das Gegenmodell zu Facebook und wachsen rasant. Auf einmal entwickelt auch die vor Jahren zugezogene Frankfurterin neue Heimatgefühle.

Ich bin eine von 1040. So viele Menschen sind aktuell beim Netzwerk Nebenan.de in meiner direkten Nachbarschaft im Nordend registriert. Nimmt man die weitere Umgebung noch hinzu, sind es sogar 4588 Nachbarn. Der Austausch ist munter. Jasmin zum Beispiel suchte am Donnerstag dieser Woche einen stabilen Kleiderständer, Marcus einen gebrauchten iPod, Nina einen Interessenten für die ausrangierte Carrerabahn, Anette eine Werkstatt, die ihr Fahrrad fit für den Frühling macht, und Katharina einen Fachmann, der die verstopfte Spülmaschine repariert. So ist immer etwas los.

Ich selbst habe nach einem Sportunfall eine gute Physiotherapie-Praxis über das Portal gefunden und selbst auch schon Ärzte empfohlen. Die Erfahrung zeigt, dass sich einige Nachbarn bei ihren Antworten Mühe geben, nicht nur empfehlen, sondern auch erklären, warum. Solche Tipps sind nicht mit Geld zu bezahlen.

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Zwei Rivalen: Nebenan.de und Nextdoor

Nextdoor ist zwar das ältere und weltweit führende Netzwerk für Nachbarschaften, doch in Deutschland war das Berliner Start-up Nebenan.de, das sich bei den Amerikanern vieles abgeschaut hat, schneller. 2015 von zwei Berliner Jungunternehmern mit dem Ziel gegründet, den Austausch auf lokaler Ebene mit besserem Datenschutz zu ermöglichen, hat das Start-up bisher 800 000 Nutzer in 6500 Nachbarschaften eingesammelt und ist damit unangefochten Marktführer in Deutschland. Nach Angaben des Unternehmens kommen zurzeit jeden Monat 50 000 neue Nutzer hinzu. In Frankfurt sind 26 000 Nutzer in 90 Nachbarschaften registriert. Mit 55 000 liegt Hessen auf Platz sechs im Bundesvergleich. In einer zweiten Finanzierungsrunde hat der Plattformbetreiber, die Good Hood GmbH, gerade 16 Millionen Euro von seinen Investoren (unter anderem der Burda-Verlag) eingesammelt. Gewinne macht das Portal, das 2017 noch vor dem Markteintritt von Nextdoor den Wettbewerber Wir-Nachbarn übernommen hat, bisher nicht. In Zukunft sollen jedoch Erlösquellen erschlossen werden, etwa über Werbung von Geschäften in der Umgebung. Algorithmen, die Vorlieben der Kunden analysieren, sollen dabei nicht zum Einsatz kommen. Auch bei Nextdoor (2500 Nachbarschaften bundesweit) sind keine anonymen Mitgliedschaften möglich. Das Netzwerk, das mit einer Investitionssumme von 210 Millionen Dollar ausgestattet und bisher in vier europäischen Ländern aktiv ist, hatte sich in Großbritannien für viel Geld die dortige heimische Nachbarschaftsplattform einverleibt. Nachbarn.de-Gründer Christian Vollmann reizt das offenbar nicht. Er hatte kürzlich hervorgehoben, Verkaufen sei für ihn keine Option. Er werde auch nicht schwach werden. (hoff.)

Quelle: F.A.Z.
Petra Kirchhoff - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Petra Kirchhoff
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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