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Öko-Anbau

Lehrjahre eines Biobauern

Von Tatjana Röder
 - 15:30
Kampf dem Unkraut: Ein Mitarbeiter der Staatsdomäne richtet die Maishackmaschine ein. Sie verschont die Kulturpflanze und reißt ungewolltes Grün aus.zur Bildergalerie

Während er in der prallen Mittagssonne auf dem Acker steht und von der Spinaternte des vergangenen Jahres erzählt, bekommt der Biolandwirt eine Gänsehaut. Der 38 Jahre alte Andreas Senckenberg, der 2017 die hessische Staatsdomäne Rheinfelderhof in Wallerstädten von seinen Eltern übernommen und auf Ökolandwirtschaft umgestellt hat, baute auf einem 3,5 Hektar großen Acker Biospinat an. Unkraut wurde in mühsamer Handarbeit oder mit speziellen Hackmaschinen entfernt, wie er sagt. Das Gemüse sei nicht mit Herbiziden in Kontakt gekommen, aber mit Grundwasser.

Wegen des trockenen Sommers 2018 beregnete der Bauer den Acker mit dem Nass eines 50 Meter tiefen Brunnens. Nachdem der Spinat geerntet, getrocknet und vom Abnehmer, einem Unternehmen, das unter anderem Naturarzneimittel herstellt, analysiert worden war, bekam der Biobauer und Vater von drei kleinen Jungen eine Mitteilung, die für ihn ein Schlag in die Magengrube war: „In Ihrem Spinat sind Rückstände des verbotenen Wirkstoffs Dikegulac. Die gesamte Ernte ist nicht vermarktbar.“ Schaden: 35.000 Euro.

„Zwölf von 21 hessischen Landkreisen sind jetzt Ökomodellregionen. Damit hat Hessen sich auf den Weg gemacht, Deutschlands erstes Ökomodellland zu werden“, hatte sich Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) im Juni 2018 gefreut. Anlass war die Ernennung von fünf Ökolandbau-Modellregionen – darunter Darmstadt und die Kreise Groß-Gerau, Odenwald und Darmstadt-Dieburg. Der Ökolandbau schone nicht nur die Umwelt, sagte Hinz. „Er hilft auch den landwirtschaftlichen Betrieben, da sie mehr Geld am Verkauf ihrer Produkte verdienen.“

Dieser Aspekt war für Senckenberg, der in achter Generation die Staatsdomäne führt, maßgeblich für die Umstellung auf biologischen Ackerbau. Dass diese Form der Landwirtschaft nur mit viel Handarbeit funktioniert und sehr mühsam ist, wusste der Landwirt genau. Dass er im Rhein-Main-Gebiet zusätzlich mit Kontaminationen aus dem Grundwasser sowie aus der Luft von abgelassenem Kerosin zu kämpfen hat, war Senckenberg nicht klar. Mineralölrückstände, wie sie in Flugzeugtreibstoffen vorkommen, wurden nämlich auch in mehreren seiner Bioprodukte nachgewiesen. „Ich frage mich nur, warum wir immer für alles verantwortlich gemacht werden? Ob Nitratbelastungen des Grundwassers oder Bienensterben – immer ist allein die Landwirtschaft schuld“, sagt Senckenberg frustriert.

Er schilderte das Dikegulac-Problem offiziellen Stellen wie Bauern- und Abwasserverband sowie dem Umweltministerium und fing an zu recherchieren, wie er sagt. Und fand heraus, dass Dikegulac als Abfallprodukt der Vitamin-C-Produktion des Pharmaunternehmens Merck Darmstadt von den sechziger Jahren bis 1999 anfiel – und über das Abwasser in den Landgraben gelangte.

Senckenberg steht auf dem Feld, auf dem er Biospinat angebaut hatte, und zeigt in die Ferne. „Dort hinten verläuft der Landgraben.“ Heute wachsen Biobrennnesseln auf dem Acker. Jetzt bewässert er die Felder aus zwei neu gebohrten Brunnen. Sie sind nicht 50, sondern nur zwischen 13 und 15 Meter tief, ihr Wasser sollte dadurch mit wesentlich weniger Dikegulac belastet sein, wie der Bauer hofft. „Ohne Bewässerung geht bei dem im Sommer herrschenden subtropischen Klima gar nichts“, stellt er klar.

Boden darf weder zu nass noch zu trocken sein

Das liegt auch am Ackerboden. „Er hat einen hohen Tonanteil“, erläutert Senckenberg, nimmt eine Handvoll Erde und formt sie zu einem festen Klumpen. Tonpartikel könnten zwar Wasser halten, gäben es aber kaum wieder ab. Daher könnten Pflanzen auch auf feuchten Böden an Wassermangel leiden. Sei der Untergrund erstmal ausgetrocknet, werde er steinhart und könne kein Wasser mehr aufnehmen. „Daher darf der Acker weder zu nass noch zu trocken sein.“

Dieses Problem haben rund um Groß-Gerau alle Bauern – egal, ob bio oder konventionell. Um dem Bewässerungsproblem zu entgehen, hatte der junge Bauer 2018 eine mutige Idee: Er baut Haselnüsse als weiteres Standbein an. In seinem Garten stehen rund 80 Jahre alte Haselnussbäume, die trotz schwerer Erde und wenig Regens immer Früchte tragen. „Auch die Angebots- und Nachfragesituation lässt den Schluss zu, dass im Bio-Haselnussmarkt noch Lücken zu schließen sind“, sagt Senckenberg, der sich an der Agrar-Börse auskennt. Er pflanzte auf 27 Hektar 6000 tiefer wurzelnde Haselnussbäumchen und auf drei Hektar 400 Walnussbäumchen. „Der Plan ist, dass wir in zwölf Jahren 60 bis 70 Tonnen Haselnüsse vermarkten können.“

Ernten im digitalen Wandel

Um die vielen Unkräuter zwischen den Baumreihen ohne Chemieeinsatz zu entfernen, braucht er spezielle Maschinen und Mitarbeiter, die sie bedienen können. Vor der Umstellung auf Bio arbeiteten Senckenbergs Eltern, zwei Festangestellte sowie zwei Saisonarbeiter auf den Feldern. Heute bewirtschaften fünf Festangestellte, sechs Saisonarbeiter und ein Lehrling die Äcker. Bio bedeutet mehr Handarbeit und mehr Personaleinsatz.

Beim Blick auf die wuchtigen Maschinen mit ihren unübersehbar vielen Hacken mag man glauben, dass sie auf den Äckern so gut wie nichts stehen lassen. Doch weit gefehlt: Die rund 50.000 Euro teure und kameragesteuerte Maschine, die sich die Landwirte gegenseitig ausleihen, kann Kulturpflanzen erkennen. Sie schont diese und reißt nur Unkräuter heraus. Senckenberg fährt von einem Feld zum nächsten, um zu sehen, welche Hackmaschine für welche Kulturpflanze eingesetzt werden kann. Als eine nach wenigen Metern so voller Wurzelunkräuter hängt, dass sie nicht weiterfahren kann, wird eine andere, die eigentlich Erde aufhäufeln soll, als Unkrautentferner zweckentfremdet. Das dauert. Ein konventionelles Zuckerrübenfeld dagegen wird pro Saison drei- bis viermal gegen Unkraut gespritzt.

In diesem Jahr klappe es schon besser mit dem maschinellen Unkrautentfernen, sagt der Biobauer und zeigt stolz auf das Zuckerrübenfeld. Zwar entdeckt er auch Hirse, Malve, Wegeknöterich und Ackerwinde, die dort nichts zu suchen haben, doch längst nicht so häufig wie im Jahr zuvor. „Landwirte, die seit Jahrzehnten ökologisch wirtschaften, gehen entspannter mit allem um, vielleicht bin ich noch zu konventionell geprägt“, sagt Senckenberg.

Übriggebliebenes Unkraut muss per Hand entfernt werden. Von April bis Juni 2018 arbeiteten auf einem neun Hektar großen Zuckerrübenfeld mehrere Männer mehr als 1800 Stunden lang. „Das war alles andere als wirtschaftlich und ein teures Lehrgeld. Die Zuckerrübe wird im Bioanbau wieder zur absoluten Sonderkultur, also kosten- und arbeitsintensiv“, sagt der Landwirt.

Biowelt ohne Rumänen und Bulgaren nicht möglich

Auch in diesem Sommer stehen wieder Männer mit Harken auf den Feldern. Doch sie brauchen nur knapp die Hälfte der Zeit. Doch wer will die harte Arbeit, an manchen Tagen bei 45 Grad in der Sonne, machen? „Ohne Rumänen und Bulgaren ist die schöne deutsche Biowelt gar nicht machbar“, stellt Senckenberg klar. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 9,19 Euro pro Stunde, doch der Markt diktiere die Preise, und daher zahle er mehr.

Verbraucher legten in Umfragen großen Wert auf ökologisch erzeugte Produkte. Doch tatsächlich schauten die Deutschen beim Lebensmittelkauf vor allem auf niedrige Preise. „Bio ist aber sehr viel aufwendiger und daher teurer.“ Aus Verbrauchersicht seien Bioprodukte daher eher unattraktiv. Hessen strebt dennoch einen Öko-Anteil in der Landwirtschaft von 25 Prozent bis 2025 an. „Hier geht es nur um den politischen Willen – Vermarktung ist aber keine Planwirtschaft. So viele Umsteller auf Bio in so kurzer Zeit kann der Markt eigentlich gar nicht aufnehmen“, kritisiert Senckenberg, der wegen des Waren-Überangebots sinkende Preise erwartet. „Ich muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass die Situation für Biolandwirte in den nächsten Jahren sehr schwierig wird.“

Inzwischen hat eine vom hessischen Umweltministerium vorgelegte Gefährdungsbeurteilung ergeben, dass von der Dikegulac-Belastung des Spinats keine „akute Gesundheitsgefährdung“ ausgehe. Das ist vielleicht eine gute Nachricht für Verbraucher, doch Senckenberg hilft das nicht mehr – den Schaden ersetzt ihm niemand. Für Senckenberg ist das frustrierend: „Es ist sehr schwer, in einer industriell entwickelten und stark bewohnten Region wie dem Rhein-Main-Gebiet Bioprodukte herzustellen. Vor allem dann, wenn sie so wenige Kontaminanten aufweisen sollen, als wären sie auf einer Allgäuer Bergwiese produziert worden.“ Würde er also nicht mehr auf Bio umsteigen? Er schaut nachdenklich, wirkt dann aber entschlossen. „Der wirtschaftliche Erfolg ist im konventionellen Anbau besser steuerbar. Biolandbau ist eine enorme Herausforderung. Aber nein, ich bereue es nicht.“

Quelle: F.A.Z.
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