Auswilderung im Opel-Zoo

Hässlich, aber schützenswert

Von Bernhard Biener, Kronberg
03.02.2017
, 12:14
Komischer Vogel: ein Waldrapp im Opel-Zoo
Der Opel-Zoo in Kronberg ist bekannt für seine Giraffen und Hessens einzige Elefanten. Doch mindestens genauso wichtig ist ihm die Zucht der weniger beliebten Tiere. Und davon gibt es einige.
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Pech, wenn Pelzmäntel in Mode sind und man keinen echten Nerz hat – sondern einer ist. Ungünstig auch, als Europäische Sumpfschildkröte gut zu schmecken und noch dazu im Wasser zu leben. Womit man früher für gute Christen selbst in der Fastenzeit genießbar war, weil man nicht als Fleisch galt. Gründe, warum einheimische Tierarten im Lauf der Zeit verschwunden sind, gibt es viele. Heute fehlen ihnen vor allem die angestammten Lebensräume, die oft trockengelegt oder von Straßen zerschnitten sind. Eines eint allerdings die bedrohte Fauna direkt hinter der eigenen Ortsrandbebauung: „Es handelt sich oft um kleine, graubraune Tiere“, sagt Jörg Beckmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Opel-Zoo im hessischen Kronberg. Viele, wie die Wildkatze, seien außerdem extrem scheu. „Wenn solche Tiere weg sind, merkt das keiner.“

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Das Freigehege am Vordertaunushang ist bekannt für Giraffen, Zebras und andere prominente Exoten. Auch die einzigen Elefanten Hessens, putzige Erdmännchen oder die im vergangenen Jahr eingezogenen Brillenpinguine tragen dazu bei, jedes Jahr Hunderttausende Besucher anzulocken. Doch der Opel-Zoo kümmert sich auch um unauffällige Tiere wie den Nerz. Das ist kein Selbstzweck: Die europäische Variante des zur Familie der Marder gehörenden Räubers war einst von Nordspanien bis an den Ural verbreitet und zählt heute zu den am stärksten bedrohten Tierarten Europas. Deshalb koordinieren die Zoos ihren eigenen Bestand mit Hilfe eines Europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Nicht anders als bei Elefanten oder Giraffen.

„Artenschutz ist teuer“

Zur Bewahrung der Tierart zählt auch die Auswilderung. Regelmäßig vermeldet der Opel-Zoo, dass wieder einige Tiere in die freie Wildbahn entlassen worden sind. Im Herbst sind fünf Kronberger Nerze an den Verein Euronerz gegangen, der die Tiere am Steinhuder Meer in Niedersachsen und im Saarland auf besonders geeigneten Flächen aussetzt. Gerade hat die Adlerwarte Berlebeck bei Dortmund einige junge, im Zoo geschlüpfte Steinkäuze bekommen. Sie betreibt ein Wiederansiedlungsprojekt für den Steinkauz, der eigentlich seit der Antike in der Nähe des Menschen lebt. Nur findet er keine Schlupflöcher in Scheunen, Ställen oder Kapellen mehr, in denen er brüten kann. Auch fehlen ihm in der Nähe die Streuobstwiesen und Kopfweiden, auf denen er Mäuse, kleinere Vögel oder Reptilien jagen kann.

Nicht für alle seltenen Tierarten gibt es ein offizielles Erhaltungsprogramm. In allen Fällen jedoch sucht sich der Opel-Zoo Kooperationspartner. „Es müssen vernünftige Projekte sein“, sagt Beckmann. Oft unterstütze man private Initiativen, die sich eigene Zuchtvolieren nicht leisten könnten. „Artenschutz ist teuer.“ Seit 2009 werden Europäische Sumpfschildkröten wieder im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue am Rhein angesiedelt. Auch Kronberger Exemplare sind von ihrem Teich in der Webervögel-Voliere an der Zooschule schon dorthin umgezogen.

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Nachwuchs mit Fotos nachgewiesen

Fast vor der Haustür werden die Wildkatzen entlassen. 2015 hatte der Opel-Zoo vom Forstamt Weilrod zwei wenige Wochen alte Kater bekommen, die nach einem Unfall neben der toten Mutter gefunden worden waren. Als sie groß genug waren, durften sie im vergangenen Mai in den Taunus zurück. Im September folgten ihnen drei herangewachsene Jungtiere aus der zooeigenen Zucht. Wildkatzen sind zwar in den vergangenen Jahren stärker ins Bewusstsein gerückt, und bei Butzbach gibt es sogar einen Erlebnispfad. Ein lebendiges Exemplar entdecken wird man dort jedoch nicht.

Schön anzusehen und gefährdet: Der Nerz gehört zu den am stärksten bedrohten Tierarten in Europa.
Schön anzusehen und gefährdet: Der Nerz gehört zu den am stärksten bedrohten Tierarten in Europa. Bild: Cornelia Sick

„Vermutlich haben mehr Europäer einen Afrikanischen Elefanten in freier Wildbahn gesehen als eine Wildkatze“, sagt Beckmann. Weshalb sich deren Existenz meist nur an Fellresten nachweisen lässt, die sie an eigens aufgestellten Lockstöcken hinterlassen. Der Kurator nennt noch andere Möglichkeiten, den Erfolg einer Wiederansiedlung zu kontrollieren. Nerze bekämen Transponder wie Haustiere auch. Mit fest installierten Wildkameras, die selbsttätig Fotos machten, sei erfolgreich Nachwuchs nachgewiesen worden. Manchmal zeigt sich das Vorkommen einer einst verschwundenen Tierart allerdings erst, wenn ein Exemplar überfahren am Straßenrand liegt.

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Beliebtheit kein Kriterium

Zu den ungewöhnlichen Tieren, die früher hier heimisch waren und in Zoos auf ihre Rückkehr in die freie Natur vorbereitet werden, zählt der Waldrapp. Der kahlgesichtige Vogel mit dem langen, krummen Schnabel hat es schwer, Sympathie auf den ersten Blick zu gewinnen. Mit Knopfaugen und Kindchenschema kann er nicht dienen. Dafür fällt er auch nicht in die Kategorie der kleinen, graubraunen Unauffälligen. In Mitteleuropa und Deutschland ist die Ibis-Art im 17. Jahrhundert ausgestorben. Auch sie wird mit Hilfe des europäischen Programms gezüchtet. Der Kronberger Zoo bestückt seit 2003 ein Wiederansiedlungsprojekt in Spanien. Die Vögel werden mit Hilfe entsprechender Sender über das Satellitenortungssystem GPS überwacht.

Was den zoologischen Wert angeht, sind Aussehen und Beliebtheit kein Kriterium. Zoodirektor Thomas Kauffels nimmt gerne die seltenen Mesopotamischen Damhirsche als Beispiel, deren Erhaltung das Kronberger Freigehege mit seinem bedeutenden Bestand koordiniert. Besucher sähen darin oft nur „noch ein Reh“. Ebenso ist Exotik kein Maßstab. Weshalb sich nicht nur der wissenschaftliche Mitarbeiter Beckmann mit der gleichen Hingabe um Nerze, Habichtskäuze oder Sumpfschildkröten kümmert. Auch für die Pfleger sei es immer ein besonderer Moment, wenn die Tiere in die Freiheit entlassen würden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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