Radrennen Eschborn-Frankfurt

„Du kriegst den Tausender“

Von Alex Westhoff
18.09.2021
, 20:17
Tradition: Neben den Profis gehen beim Klassiker  Eschborn–Frankfurt  stets auch Hunderte von Freizeitsportlern auf die Strecke.
Bernd Moos-Achenbach, einer der Gestalter des Radklassikers „Eschborn-Frankfurt“, über die Anfänge des Rennens, über Geldbündel in Zeitungspapier und die Absage im Jahr 2015.

Herr Moos-Achenbach, zum 60. Mal nehmen die Rennfahrer an diesem Sonntag den Radklassiker Eschborn-Frankfurt, das einstige Henninger-Rennen, in Angriff. Wie viele Ausgaben haben Sie seit 1962 verpasst?

Zwei, als ich während meiner Kochausbildung im Ausland war. Sonst war ich immer dabei.

Ihr Vater Hermann und ihr Onkel Erwin Moos haben das Rennen gegründet und jahrzehntelang organisiert, ehe Sie von 2002 bis 2017 übernahmen. Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an den Renntag?

Bei der ersten Austragung war ich acht Jahre alt. Da durfte ich als kleiner Bub auf dem Lautsprecherwagen mitfahren. Die ganze Familie ist am 1. Mai morgens immer ins Braustübl im Keller der Henninger-Brauerei gefahren. Dort gab es dann Fleischwurst, Senf und Wasserweck. Viele Rennfahrer kamen da auch vorbei. Am Tag zuvor hatte es Gespräche mit allen Mannschaftsleitern gegeben – die hatten meist nicht genug Geld dabei, um das Hotel für alle ihre Fahrer zu bezahlen. Da hatte dann meine Mutter immer ihren Auftritt.

Inwiefern?

Sie hatte in den Tagen zuvor in der Bank immer große Mengen Bargeld abgehoben. Bestimmt etwa 200 000 Mark. Die Scheine hat sie mit Zeitungspapier umwickelt und in Plastiktüten gesteckt. Das falle am wenigsten auf, wenn sie mit solchen Beträgen herumlaufe, hat sie immer gesagt.

Nach welchen Kriterien wurde das Geld unter den Mannschaften und den Fahrern verteilt?

Mein Vater saß vor einem Schreibblock mit den Namen der Teams und einem Betrag, den sie als Antrittsprämie bekommen sollten. Da wurde freilich noch richtig gefeilscht. Dann hat mein Vater oft gerufen: Agnes, gib mir bitte noch mal was. Und meine Mutter hat wieder ein paar Scheine ausgepackt. Am Tag nach dem Rennen saß mein Vater wieder im Braustübl mit den Teamchefs. Und dann hat er beispielsweise gesagt: Ihr habt nur mit vier Fahrern das Ziel erreicht – dafür kriegt ihr keine 500, sondern nur 400 Mark. Es wurde praktisch nach Leistung und Engagement im Rennen bezahlt.

Der deutsche Rad-Star der Sechziger, Rudi Altig, hatte mal einen besonderen Handel am 1. Mai abgeschlossen.

Während heute alles vertraglich geregelt ist, waren damals spontane Motivationsspritzen durchaus mal möglich. Der Rudi forderte 1970 neben dem Betrag für seine Mannschaft 1000 Mark Antrittsprämie für sich extra. Da hat mein Vater gesagt: Du kriegst den Tausender – wenn du morgen gewinnst. Dann hat der Rudi gesagt: Okay, ich fahre und gewinne. Und das hat er dann tatsächlich auch geschafft.

Wann haben Sie von Onkel und Vater die ersten Aufgaben bei „Rund um den Henninger-Turm“ bekommen?

So richtig los ging es, als ich den Führerschein in der Tasche hatte. Da habe ich dann häufig ein Pressefahrzeug gesteuert. Was haben die Journalisten sich da häufig gestritten! Fahr doch da lang, nimm doch diese Abkürzung, lass uns unten am Mammolshainer Berg auf die Rennfahrer warten, nein, besser oben, oder halt doch in der Mitte an. Ein unglaublicher Zinnober!

Am 1. Mai 2000 ist Ihnen das Blut in den Adern gestockt, oder?

O ja, das steckt mir tatsächlich immer noch in den Knochen. Das war ganz schlimm.

Was war passiert?

Ich bin über die Jahre mal Pressefahrzeuge und mal Autos für die Rennkommissäre gefahren. An jenem Tag gab es eine Verknüpfung von unglücklichen Umständen. Ich fuhr den Wagen vor der Spitzengruppe des Fahrerfelds. Plötzlich war das Führungsfahrzeug mit meinem Onkel Erwin drin so weit voraus, dass ich ihn nicht mehr sah, und die Beschilderung an der Strecke fehlte auch. Da bin ich tatsächlich falsch abgebogen und im Verkehr steckengeblieben. Ungefähr auf Höhe der Nordweststadt war das.

Und dann?

Gott sei Dank, und das sage ich bis heute, Gott sei Dank hat der zu diesem Zeitpunkt Führende, der deutsche Profi Kai Hundertmarck, damals noch gewonnen. Das große Glück war, dass der aus Kelsterbach stammte und den Kurs deshalb gut kannte. Der hat dann umgedreht und ist zurück auf die Strecke. Ich kriege heute noch Muffensausen, wenn ich daran zurückdenke (lacht).

Als Sie Rennchef wurden, folgte nach wenigen Jahren wegen vieler DopingVerfehlungen die größte Krise des deutschen Radsports. Der Ausstieg der Henninger-Brauerei als Titelsponsor 2008 war ein harter Schlag.

O ja, wir hätten uns nie vorstellen können, dass die den Vertrag nicht verlängern würden. Henninger hat ja von Beginn an für fast das gesamte Budget gesorgt. Es begann eine Zeit, in der wir viele Klinken putzen mussten und vor viele verschlossene Türen gerannt sind. Ich erinnere mich noch an Diskussionen mit Oberbürgermeisterin Petra Roth. Die hat uns immer gesagt: Ihr könnt auf die Stadt Frankfurt bauen, aber nur wenn andere auch mitmachen. Aber Radsport war damals hierzulande einfach nicht mehr en vogue, viele Rennen sind damals auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ein Artikel in der F.A.Z. hat mich dann neu motiviert.

Inwiefern?

Da stand sinngemäß drin: Der Moos-Achenbach packt das nicht. Das hat mich schwer gewurmt, und dann habe ich noch mehr Energie reingesteckt, um auf Betrag X zu kommen, der das Überleben des Traditionsrennens sicherte. Meine Frau hat immer gesagt: Du kannst Radrennen organisieren, solange du willst – aber nur, solange wir kein eigenes Geld zuschießen müssen, wie es dein Vater mitunter gemacht hat.

Radsportmacher: Bernd Moos-Achenbach wird an diesem Wochenende 69 Jahre alt, pünktlich zum Rennen.
Radsportmacher: Bernd Moos-Achenbach wird an diesem Wochenende 69 Jahre alt, pünktlich zum Rennen. Bild: Wonge Bergmann

Hat das geklappt?

Das möchte ich nicht verraten. Das Schöne war ja, dass wir das Rennen dank des Einstiegs der Stadt Eschborn über die schweren Jahre bekommen haben. Dass das HR-Fernsehen weiter live übertragen hat, war auch ein wichtiger Faktor.

Und dann kam das Jahr 2015.

Seit 1962 war das Rennen nie ausgefallen. Dann kamen am Vortag erste Meldungen, dass möglicherweise ein Terroranschlag auf das Rennen geplant gewesen sein soll. An den Tagen rund um die Veranstaltung hatte ich immer ein spezielles Handy, über das ich direkt die Polizei und die mich erreichen konnten. Als das klingelte und ich auf 18 Uhr zum LKA nach Wiesbaden bestellt wurde, hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl. Dort wurden mir an einem großen Tisch so etwa acht Beamte vorgestellt.

Wurde dann noch diskutiert über das Für und Wider einer so kurzfristigen Rennabsage?

O nein! Die LKA-Oberen haben gesagt: ‚Herr Moos-Achenbach, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir sagen das Radrennen gemeinsam ab, oder wir sagen es alleine ab.‘ Dann sind die nächsten Schritte sehr professionell und gewissenhaft abgelaufen. Ich bin dann zurück ins Eschborner Teamhotel gefahren, wo am Vorabend des Rennens immer Fahrer, Teams, Sponsoren und Presse zusammengekommen sind. Da habe ich dann die traurige Nachricht überbracht. Und was geschah?

Erzählen Sie.

Alle sind aufgestanden und haben geklatscht. Ein absoluter Gänsehautmoment, der mich sehr gerührt hat. Alle haben versprochen, zu helfen. Die Teams haben auf Teile der Prämien verzichtet, und die Sponsoren sind überwiegend bei der Stange geblieben. Wir mussten dann noch in der Nacht auf den 1. Mai alles abbauen. Und dann sind am Vormittag einige hundert Hobbyfahrer doch losgefahren und haben ein starkes Zeichen gegen Terror und Gewalt gesetzt.

Die Anforderungen und Genehmigungen für ein sportliches Großereignis sind über die Jahre immer umfangreicher geworden?

Ja, welche und wie viele Vorschriften es heute gibt, ist enorm. Als ambulanter Gewerbetreibender wurde es zunehmend schwerer. Ich weiß noch, wie in meinen ersten Jahren die Genehmigung für das Radrennen mitunter erst nach der Veranstaltung kam. Das waren dann gerade mal zwei, drei DIN-A4-Seiten v9m Regierungspräsidium Darmstadt. Da kam vielleicht mal eine Rückfrage: Wird es so oder so sein, fahrt ihr linksrum oder rechts- rum? Dann war das erledigt. Unglaublich!

Wie lief das zu Zeiten Ihres Vaters und Onkels?

Das wurde bei uns daheim im Wohnzimmer geklärt. Wir hatten dort so einen ovalen, ausklappbaren Esstisch. Da saßen dann Vertreter von Polizei, Feuerwehr, Rotem Kreuz und so weiter. Und dann hieß es: ‚Am 1. Mai machen wir wieder Radrennen? Jawoll, da machen wir wieder Radrennen. Alles so wie im letzten Jahr? Jawoll, alles so wie im letzten Jahr.‘ Das Thema Absperrmaßnahmen …

. . . heute bei Großveranstaltungen dieser Art ein Fall für seitenlange, dichtbedruckte Ablaufpläne …

… gab es damals quasi nicht. Die Polizei ist mit Wagen vorneweg- und hinterhergefahren; und Polizeimotorräder haben die Strecke gesichert. Was wir in meinen letzten Jahren allein für Beträge für die Sperrung von Autobahnabfahrten bezahlen mussten – das hat früher keinen Cent gekostet. Da hat sich damals ein Polizeimotorrad quergestellt, die Rennfahrer sind vorbeigefahren, und das war’s. Heute gibt es minutiöse Pläne dafür, wann Schild Nummer 34 dort aufgestellt oder Warnbake 43 dort hingerückt wird.

Waren Sie ein Stück weit erleichtert, als Sie die Rennleitung 2017 an das französische Unternehmen Amaury Sport Organisation, das auch die Tour de France veranstaltet, übergeben konnten?

Ja, deren Strukturen und Manpower sind darauf ausgerichtet, im Jahr diverse Großveranstaltungen auszurichten. Die wissen besser, wie international gespielt werden muss. Ich bin sehr froh darüber und glaube, dass, wenn sie von oben herunterschauen, auch mein Vater und Onkel glücklich gewesen sind mit dieser Entscheidung. Als weiterhin kleine Radsportunternehmung hätte das Rennen seinen 60. Geburtstag womöglich nicht erlebt, weil wir die Corona-Zeit vermutlich nicht überstanden hätten.

Quelle: F.A.S.
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