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Planung von Grün

„Wenn Bäume könnten, liefen sie aus den Städten davon“

Von Mechthild Harting
 - 17:47
Eiko Leitsch.

Green Capital, Green Building, Green City: Grün ist in aller Munde. Doch Eiko Leitsch fürchtet, dass dabei selten das natürliche Grün in der Stadt wie Bäume und Sträucher gemeint ist. Dabei geht es denen, so der Baumexperte, derzeit so schlecht wie nie. Den Straßenbäumen fehlt es an Raum für ihre Wurzeln. Extreme Witterungen undSchädlinge setzten ihnen zu. Und den Gehölzen in den beliebten urbanen Stadtteilen geht es durch Nachverdichtung und Gebäudemodernisierungen überall an den Kragen. „Könnten Bäume rennen, sie liefen aus den Städten davon.“

Eiko Leitsch aus dem südhessischen Nauheim, der eines der bundesweit größten Büros für Baumgutachen führt, sieht zwei Ursachen für diese Entwicklung: Die allgemeine Unkenntnis über das „System Baum“ und das Nicht-Festlegen-Wollen der Politik. Eine Stadt wie Frankfurt müsse ein Konzept erarbeiten, wie sie mit Grünflächen und Bäumen in der Stadt umgehen wolle, wie sie bestehende, funktionierende Grünflächen, aber auch das Grün auf privaten Grundstücken in den Stadtteilen erhalten wolle. „Wir brauchen Masterpläne für die Städte“, sagt Leitsch. Je stärker der Zuzug in die Stadt sei, desto dringender sei das Konzept. In Großstädten gehe es nicht mehr ohne.

„Baurecht bricht Baumrecht“

Die derzeitige Regelung, dass im Fall eines Bauvorhabens jeder Baum einzeln geprüft werde, ist für Leitsch keine Lösung. Nicht nur, weil in aller Regel die Entscheidungen zu Lasten der Bäume gingen - „Baurecht bricht Baumrecht“ -, sondern weil die Verantwortung für die Erhaltung des Grüns bei den Mitarbeitern des Grünflächenamts und der Unteren Naturschutzbehörde abgeladen werde. Bei den politischen Sonntagsreden sprächen sich hingegen alle für den Erhalt des Grüns aus.

Leitsch, der seit 30 Jahren im Rhein-Main-Gebiet prüft, ob und wie ein Baum wächst, ob er sicher steht, wie weit die Wurzeln reichen und ob es sich um ein wichtiges, „Substanz bildendes Gehölz“ handelt oder nur um „Grobzeug“, weiß, was er mit seiner Forderung nach einem Masterplan der Politik abverlangt. Denn die Aussage, dass man in einer Straße, in einem Viertel am Grün festhalten wolle, bedeute in aller Konsequenz, dass „eine Entwicklung nur noch stark eingeschränkt möglich ist“.

Umgekehrt müsste die Politik der Öffentlichkeit auch klar sagen, wo sie eine städtebauliche Entwicklung plane und damit das Grün aufgebe. „Bauen und Bäume erhalten geht kaum.“ Es könne auch den Fall geben, dass für ein Bauvorhaben die „Bestandsvegetation“ aufgegeben werde, anschließend aber wieder neue, kleine Bäume gepflanzt würden. Aber auch das müsse offen gesagt werden. „Mir fehlt derzeit die Verbindlichkeit“, sagt Leitsch. Alle redeten vom Grün, alle wollten es, im konkreten Fall werde aber wenig dafür getan. Dabei müsse jedem klar sein: „Grün kann ein Investitionshemmnis sein, und es kostet Geld für Pflege und Unterhaltung. Ein Baum wirft Schatten und hat Laub, das er im Herbst abwirft. Man kann sein Wachstum nicht aufhalten.“

Konsequenz der derzeitigen Politik seien die vielen wütenden Bürger, die um jeden Baum kämpften, wie zuletzt in den Frankfurter Wallanlagen an der Alten Oper, wo im Februar für ein Hotelprojekt zahlreiche Bäume gefällt wurden. Oder wie es immer wieder im Frankfurter Westend der Fall ist, wo derzeit viel nachverdichtet wird. Für viele sei der Baum mit Emotionen belegt. „Das hilft uns nicht weiter“, sagt Leitsch.

Ein Baum sei kein „Ausstattungselement“, sondern ein Lebewesen. Es gebe einfach Bäume, die nicht zu erhalten seien, die sich nicht ordentlich entwickelten. Oder sie verlören Jahre nach einem Eingriff in die Wurzeln plötzlich ihre Standfestigkeit. Das falle offenbar Planern und Bürgern schwer zu akzeptieren.

Wurzel am verletztlichsten

„Die Wurzeln eines Baumes sind in der Erde genauso groß und ausladend wie es seine Krone ist.“ Diesen Grundsatz möchte Leitsch am liebsten jedem Planer und Architekten unter das Kopfkissen legen. Wurzeln versorgen den Baum nicht nur mit Wasser und Mineralstoffen, sie machen ihn standsicher. „Das Gefährlichste, was man machen kann, ist der Eingriff in die Wurzeln“, sagt er und fordert die Dokumentation solcher Eingriffe.

Je besser die Bedingungen für die Bäume, desto stabiler und resistenter sind sie. Hohen Temperaturen wie in der vergangenen Woche aber bedeuteten für die Straßenbäume „extremen Stress“. Die Stadt sei für Bäume ein „Extremstandort“. Mit der Konsequenz, dass einige vertraute Baumarten in den Straßen bald nicht mehr zu finden sein würden, etwa der Ahorn, der die heißen, trockenen Sommer nicht vertrage. Großkronige Bäume wie Linden, Eichen und Eschen würden immer mehr verschwinden, prognostiziert Leitsch: „Wir werden mit Exoten leben müssen.“

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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