Präsident der Uni Gießen

Der kühle Kämpfer

Von Sascha Zoske, Gießen
23.11.2014
, 19:38
Rheinländer indischer Abstammung: Joybrato Mukherjee kam in Düren zu Welt. Als er 2009 sein Amt antrat, war er Deutschlands jüngster Uni-Präsident.
Joybrato Mukherjee, Präsident der Universität Gießen, ist ein Mann leiser Töne. Doch wenn es um Interessen seiner Hochschule geht, kann er sehr deutlich werden. Nun stellt er sich zur Wiederwahl.
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Schwer vorstellbar, dass dieser Mann auch richtig zornig werden kann. Joybrato Mukherjee hat einen weichen Händedruck, er spricht leise, ist zuvorkommend. Wenn er eine Frage schwierig findet, macht er eine Pause, bevor er antwortet. Seine Rede ist präzise, wie man es von einem Sprachwissenschaftler erwarten darf. Von allen hessischen Universitätspräsidenten ist er der rhetorisch Gewandteste. Er wirkt sehr kontrolliert, fast ein bisschen kühl. Und doch sagen Beobachter über ihn, er sei manchmal „scharf“, ja „aggressiv“.

Um ihn von seiner impulsiven Seite zu erleben, muss man an Sitzungen der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien teilnehmen. Dort, so ist zu hören, kommt es hin und wieder zu Diskussionen, in denen Mukherjee aus der Haut fährt. Er selbst sieht das anders. Nein, er fahre nicht aus der Haut, er vertrete nur seine Überzeugungen, sagt der Gießener Uni-Präsident leise und freundlich. „Manche setzen darauf, dass die andere Seite aus falsch verstandener Höflichkeit heraus ihre Positionen nicht artikuliert.“ Er aber tue das, „klar und prägnant“. Es existierten „Verwerfungen in der hessischen Hochschullandschaft“, über die müsse offen gesprochen werden.

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Uni „objektiv benachteiligt“

Wenn es zwischen den hessischen Unis wirklich so etwas wie einen San-Andreas-Graben gibt, dann verläuft er ungefähr in Höhe des Taunus quer durch das Land. Boris Rhein hat angeblich sogar eine noch dramatischere Metapher gewählt. Der hessische Wissenschaftsminister soll mit Blick auf die Campus-Ausstattung in nord- und südhessischen Hochschulen von „verschiedenen Galaxien“ gesprochen haben. Dass Frankfurt mit seinen schicken Uni-Neubauten im Westend und auf dem Riedberg heller strahlt als Kassel, Marburg und Gießen, musste nicht eigens hinzugefügt werden.

Noch immer sei die Liebig-Universität gegenüber anderen Standorten „objektiv benachteiligt“, stellt Mukherjee fest. In den vergangenen Jahren aber habe die Landesregierung „ein Gespür dafür entwickelt“, dass alle Hochschulen gleichermaßen „faire Bedingungen“ für ihre Entwicklung brauchten. Das wird Boris Rhein gerne hören. Mit dem CDU-Politiker scheint sich Mukherjee auch sonst recht gut zu verstehen. Als Rhein unlängst die Erhöhung des Grundbudgets für die Hochschulen ankündigte, wurde er dafür aus Gießen fast enthusiastisch gelobt; obwohl der Uni-Präsident dort Mitglied der SPD ist.

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Falsche Konkurrenz zwischen Unis

Weniger entspannt als die Beziehung zu Rhein ist dem Vernehmen nach das Verhältnis Mukherjees zu Werner Müller-Esterl. Man darf vermuten, dass der Frankfurter Amtskollege ihm des öfteren Anlass gibt, in der Präsidentenrunde seine Position „klar und prägnant“ zu artikulieren. Es kann nur auf den Chef der Goethe-Uni gemünzt sein, wenn Mukherjee sich über eine seiner Meinung nach falsche Auffassung von Wettbewerb zwischen Hochschulen beschwert.

Die Uni Gießen sehe sich als Teil des hessischen Hochschulsystems, das im Wettstreit mit weiteren nationalen und internationalen Systemen stehe. Andere dagegen glaubten, die hessischen Unis müssten über das Streben nach exzellenter Wissenschaft hinaus auch sonst untereinander konkurrieren. Nach Überzeugung dieser Fraktion solle das Land am besten nur Schecks ausstellen, ohne zu fragen, was mit dem Geld passiere. Mukherjee hält diese Sichtweise für falsch: „Eine staatlich grundfinanzierte Hochschule muss das Primat der Politik, die Interessen des Landes und der Wahlbevölkerung mit beachten.“

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Von der „gewissen Bringschuld“

Angesichts solcher Überzeugungen, die Mukherjee schon lange vertritt, klang ein Gerücht ziemlich plausibel, das vor der Landtagswahl im vergangenen Jahr die Runde machte: Gießens Uni-Präsident solle als möglicher hessischer Wissenschaftsminister Mitglied des Schattenkabinetts von SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel werden. Mukherjee sagt, er habe diese Geschichte „belustigt“ zur Kenntnis genommen. Doch geschmeichelt fühlte er sich schon, wie er erkennen lässt. Momentan erscheint ihm ein Wechsel in die Politik „fernliegend“. Für alle Zeit ausschließen will er ihn nicht. „Ich hätte auch nie gedacht, dass ich Präsident werde.“

Das klingt ein bisschen kokett. Mukherjees Karriere in Wissenschaft und akademischer Verwaltung verlief dermaßen steil, dass es eher erstaunlich gewesen wäre, hätte sie nicht früh in ein hohes Amt gemündet. Als er in Gießen auf einen C4-Lehrstuhl für englische Linguistik berufen wurde, war er gerade einmal 29 Jahre alt. In die Hochschulpolitik wurde er nach eigenen Worten „hineingezogen“. Man fragte ihn, ob er Prodekan werden wolle, und er wollte. Er sagte auch nicht nein, als ihm der damalige Uni-Präsident Stefan Hormuth Ende 2008 fragte, ob er sich vorstellen könne, sein Nachfolger zu werden. Da war Mukherjee schon Erster Vizepräsident. Er habe immer eine „gewisse Bringschuld“ gegenüber der Universität empfunden, die ihm so früh so viel Vertrauen entgegengebracht habe. Als er im Dezember 2009 an die Spitze der Hochschule trat, war er Deutschlands jüngster Uni-Präsident.

Als Erstes lernte er Bengalisch

Sein Alter habe in den vergangenen fünf Amtsjahren, von der anfänglichen medialen Aufmerksamkeit abgesehen, keine Rolle gespielt, glaubt er. Gleiches gelte für seine Herkunft. Mukherjee, in Düren geboren, ist Kind indischer Einwanderer, die Anfang der sechziger Jahre nach Deutschland gekommen sind. Sein Vater war Ingenieur, die Mutter ist Hausfrau. Als erste Sprache lernte er Bengalisch, „dann aber kam sehr schnell das Deutsche“, wie er sagt. Bis er 18 wurde, war er indischer Staatsbürger, mit der Volljährigkeit entschied er sich für den deutschen Pass.

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Im Düren der sechziger Jahre hatten nur die wenigsten schon einmal einen Inder gesehen. „Als meine Mutter im traditionellen Sari-Kleid ins Rathaus kam, um ihr Visum zu holen, haben die Leute vor Staunen aufgehört zu arbeiten“, erzählt Mukherjee. In Misstrauen oder gar Feindseligkeit sei die Verwunderung aber nicht umgeschlagen. Das ist vielleicht auch dem aufgeklärten rheinischen Katholizismus zu verdanken, den Mukherjee schätzt, wie er sagt.

Fast ein Blockflötenvirtuose

Theoretisch hätte auch England seine Heimat werden können, nachdem sich sein Vater entschlossen hatte, sein berufliches Glück in Europa zu suchen. Doch Anfang der sechziger Jahre war es nach Mukherjees Worten für Inder schon nicht mehr so leicht, ins Vereinigte Königreich einzuwandern. Ein gewisses Maß an Anglophilie gab es in seiner Familie immer, und vielleicht trug das dazu bei, dass der junge Joybrato begann, sich für englische Literatur zu begeistern. J. D. Salingers „Fänger im Roggen“ war wie für so viele andere auch für ihn „ein Initiationsroman“.

Beinahe wäre aus ihm jedoch kein Philologieprofessor, sondern ein Blockflötenvirtuose geworden. Bis zum Alter von 18 Jahren hat er das Instrument intensiv gespielt. Zu einem Musikstudium mochte er sich dann aber doch nicht entschließen. Die Entscheidung, sich für Englisch und Biologie mit dem Ziel Lehramt einzuschreiben, war ein Kompromiss zwischen Pragmatismus und Leidenschaft. Eine „Herzensentscheidung“ sogar, was das Englische betraf. Zudem faszinierte ihn der Gedanke zu unterrichten. „Lehrer war ein Traumjob für mich.“ Die Flöte hat Mukherjee, der Perfektionist, in späteren Jahren kaum noch angerührt. „Ich wollte nicht auf Hobby-Niveau spielen.“

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Kaum Zeit für Forschung

Dass die Universität sein Arbeitsort wurde und nicht ein Gymnasium, erklärt Mukherjee mit einem doppelten Zufall. Erst wechselte sein akademischer Ziehvater von Aachen nach Bonn und bot dem jungen Anglisten an, bei ihm seine Doktorarbeit zu schreiben. Das tat Mukherjee zunächst neben seinem Referendariat. Dann wurde in Bonn eine Assistentenstelle frei, auf der er sich nach Vollendung der Dissertation auch noch habilitieren konnte. Sein Interesse an den Bauprinzipien von Sprache war schon in einem Anfängerkurs geweckt worden; nun konzentrierte er sich vollends auf die Linguistik und erhielt schließlich den Ruf an das Gießener Anglistik-Institut, das sich seiner Meinung nach bis heute durch Forschungsstärke auszeichnet.

Sein Präsidentenamt lässt ihm nicht viel Zeit, sich wissenschaftlich zu betätigen, auch wenn er nach eigenem Bekunden versucht, „den Anschluss zu wahren“, indem er etwa gelegentlich Doktoranden betreut. Als Leiter einer Hochschule müsse man sich „damit anfreunden, dass es nicht die eigenen Erfolge sind, über die man sich freut, sondern die der anderen“. Dass ihm das manchmal ein wenig schwerfällt, wenn er die Erfolge seiner Anglistik-Kollegen sieht, gesteht er ein. Allzu groß kann die Sehnsucht nach dem freien Forscherleben aber nicht sein, denn Mukherjee wird sich demnächst als Präsident zur Wiederwahl stellen.

Der Präsident als Moderator

Kollegen hätten ihn frühzeitig gefragt, ob er sich eine zweite Amtszeit vorstellen könne, sagt er. Mukherjee konnte, auch weil die Uni nach seiner Ansicht in dieser hochschulpolitisch „spannenden Zeit“ personelle Kontinuität brauche. Wenn der Hochschulsenat im Januar zur Wahl zusammenkommt, wird er der einzige Kandidat sein. Vielleicht werden auch die studentischen Vertreter im Senat für ihn stimmen. Aus dem AStA zumindest sind ziemlich freundliche Worte über den Präsidenten zu hören. Felix Döring von den Jusos, Referent für Hochschulpolitik, lobt die Zusammenarbeit mit ihm als vertrauensvoll. Wenn es einmal Streit zwischen verschiedenen Interessengruppen gebe, nehme Mukherjee oft eine „moderierende Position“ ein.

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Das könnte er auch im Kreis der hessischen Uni-Präsidenten tun. Selbst mancher, der seine Positionen kritisch sieht, findet ihn als Typ „nicht unangenehm“. Womöglich wird der anstehende Wechsel an der Spitze der Goethe-Universität dazu führen, dass Mukherjee nicht mehr so oft über die „Verwerfungen“ zwischen Nord- und Südhessen klagen muss. Vom nächsten Jahr an ist in Frankfurt Birgitta Wolff Präsidentin, CDU-Mitglied und vormals Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt. Mukherjee sagt, er freue sich sehr auf die Zusammenarbeit.

Zur Person
Zur Person Joybrato Mukherjee ist Jahrgang 1973. Er studierte Anglistik, Biologie und Erziehungswissenschaft an der RWTH Aachen. Nach Staatsexamen und Magisterprüfung wurde er an der Universität Bonn promoviert, wo er sich auch habilitierte. 2003 übernahm er einen Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft an der Uni Gießen. 2010 nahm Mukherjee für die SPD an der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten teil. Seit 2012 ist er Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Mukherjee ist verheiratet, seine Frau ist Biologin. zos.
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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